Politik

So vertuschte China das Virus

Schon im November 2019 infizierte sich der erste Mensch mit dem Coronavirus. Chinas Behörden hielten den Ausbruch jedoch lange geheim – und verspielten damit die Chance, die globale Ausbreitung zu verhindern.

So vertuschte China das Virus

Anfangs mag es wirklich niemandem aufgefallen sein. Husten, Fieber, Kopfschmerzen. Es ist Winter. Viele Menschen sind krank. Doch spätestens im Dezember bemerken Ärzte in der chinesischen Stadt Wuhan eine Häufung von Lungeninfektionen, die sie nicht verstehen.

Nach der tödlichen Sars-Epidemie 2002 und 2003 hat China   genau für diesen Fall ein Frühwarnsystem entwickelt. Um eine erneute politisch motivierte Vertuschung zu verhindern, leitet das System die Meldung direkt an das nationale Zentrum für Seuchenbekämpfung in Peking, wo geschultes Personal im Ernstfall schnell reagieren soll.

Nach Auftreten der ersten Fälle hätte eine Meldung erfolgen müssen, bestätigt die frühere stellvertretende Chefin des Zentrums Yang Gonghuan später. Doch die Ärzte melden die Fälle nur den Lokalbehörden.

Massnahmen zur Eindämmung des Ausbruchs Mitte Januar – nur eine Woche früher, als sie in Kraft traten – hätten zwei Drittel aller Infektionen verhindert, schreiben die Autoren einer Studie von der Universität in Southampton im März, an der auch ein Mitarbeiter des Zentrums für Seuchenbekämpfung in Wuhan mitgearbeitet hat.

Es ist keine grundsätzlich kritische Untersuchung der chinesischen Massnahmen, welche die Regierung Ende Januar beschliesst. Doch sie macht eines klar: In den Wochen davor ging kostbare Zeit verloren.

Die Versäumnisse der Regierung Chinas sollen nicht Fehler anderer Staaten in den folgenden Wochen relativieren. Doch eine frühe Reaktion hätte mehr Infektionen verhindert als spätere Reise- und Kontaktbeschränkungen, sind sich Forscher heute sicher. Doch in Wuhan passiert zu lange nichts.

17. November

Patient Null

Immer wieder werden Forscherteams später die Angaben zum Patienten Null nach vorne korrigieren. Patient Null ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Doch die Zeitung South China Morning Post in Hongkong konnte Unterlagen der Regierung einsehen, in denen Chinas Staatsführung einen ersten Infizierten am 17.November erwähnt.

Patient Null soll ein Mann aus der Provinz Hubei sein, 55 Jahre alt. Epidemiologen gehen davon aus, dass die Übertragung schon im Oktober passierte.

8. Dezember

22 Tage seit Patient Null

Mitte Dezember mehren sich Fälle um einen Wildtiermarkt. Nicht alle Infizierten haben direkt Verbindung dorthin. Aber mehrere Verkäufer und Kunden erkranken, ebenso ihre Angehörigen.

Am 8. Dezember sind mindestens 27 infiziert. Der Markt wird noch drei Wochen offen bleiben. In Wuhan ahnen die Menschen nichts von der drohenden Katastrophe.

Mehr als zwei Monate reisen sie ohne Einschränkung, ehe Zug- und Flugverkehr am 23. Januar eingestellt werden. Fünf Millionen Menschen verlassen kurz zuvor Wuhan.

27. Dezember

48 Tage seit Patient Null

Um Weihnachten werden immer mehr Menschen mit Lungeninfektionen in Notaufnahmen eingeliefert. Ein Labor in Guangzhou sequenziert bereits aus der Lungenflüssigkeit eines Patienten grosse Teile des Virus, wie das Wirtschaftsmagazin Caixin im Februar berichtet.

Der 65-Jährige arbeitet als Lieferbote am Fischmarkt. Bereits am 18. Dezember wurde er in ein Krankenhaus Wuhans eingeliefert. Am 24.Dezember schicken seine Ärzte die Proben ein. Um Weihnachten senden Mediziner Proben von mindestens neun Patienten in Labore im ganzen Land.

Im Fall des Lieferboten ruft das Labor am 27. Dezember direkt im Krankenhaus an. Es handele sich um ein neues Coronavirus, sind sich die Labormitarbeiter sicher. Drei Tage haben sie das Material untersucht. Die Probe scheint ihnen Angst zu machen.

Sie schicken die Ergebnisse ans Krankenhaus und die Behörden in Wuhan, und auch einer Forschungseinrichtung in Peking. Leiter des Labors reisen später nach Wuhan. Ein Mitarbeiter wird im Februar in einem Blog über diese geheimen Forschungsarbeiten schreiben.

Noch weiss niemand davon. Fünf Tage später erhält mindestens ein Mitarbeiter eines solchen Labors den Anruf der Gesundheitskommission der Provinz Hubei. Die Tests sollen sofort gestoppt werden.

Die Proben müssen zerstört werden. Am 3. Januar mischt sich die nationale Gesundheitskommission ein, Chinas oberstes Gremium in Gesundheitsfragen, und wiederholt die Aufforderung.

In Wuhans Krankenhäusern verschärft sich die Lage. Aufmerksam wird auch die Ärztin Ai Fen, die eine Notaufnahme leitet. Im Interview mit dem Magazin Renwu, das Minuten nach Veröffentlichung zensiert wird, berichtet sie vom 27. Dezember, dass ein Patient mit auffälligen Symptomen eingeliefert wird.

Es ist der zweite in kurzer Zeit mit Lungeninfektion. Ai Fen schickt eine Probe an ein Labor. Einen Tag später wird sie fünf weitere Fälle mit diesem Krankheitsbild behandelt haben. Es ist das erste Mal, dass sie an die Möglichkeit eines neuartigen Virus denkt.

Zwei Ärzte anderer Krankenhäuser informieren da bereits das Zentrum für Seuchenbekämpfung in Wuhan. Die Warnung erreicht auch die Stadtregierung. Einen Tag später informiert Ai Fen die Krankenhausleitung und das lokale Zentrum für Seuchenbekämpfung.

30. Dezember

51 Tage seit Patient Null

Ärztin Ai Fen erhält die Ergebnisse aus dem Labor. Sie informiert ihren Vorgesetzten und schickt den Laborbericht anderen Medizinern in Wuhan. Am selben Tag erhält der Augenarzt Li Wenliang den Hinweis eines weiteren Arztes.

Auch er schickt die Nachricht weiter und wird später dafür von der Krankenhausleitung und dann von der Polizei einbestellt. Sein erzwungenes Geständnis wird in China im Februar massenhafte Proteste im Netz auslösen, als der 34-Jährige an Covid-19 stirbt.

Während die Ärzte versuchen, ihre Kollegen zu warnen, erreicht den Chef von Chinas nationalem Zentrum für Seuchenbekämpfung die Nachricht: Gao Fu wird nicht über das Frühwarnsystem informiert, er liest davon in einer Chatgruppe. Gao schickt sofort eine Expertengruppe nach Wuhan.

31. Dezember

52 Tage seit Patient Null

Die Expertengruppe nimmt die erste Maschine aus Peking. Der Besuch aus der Hauptstadt erhöht den Druck auf die lokalen Gesundheitsbehörden. Noch am gleichen Tag informieren sie die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Sie melden 27 Erkrankte. Soziale Medien beginnen zugleich, Beiträge zu löschen, die Begriffe wie «unbekannte Lungenkrankheit» und «Gesundheitsamt Wuhan» beinhalten. Tags darauf schliessen die Behörden den Huanan-Fischmarkt. Die Tiere, die dort verkauft werden, vernichten die Behörden.

Im benachbarten Taiwan erfahren Ärzte von Kollegen aus China von einer Medizinerin, die sich bei einem Patienten infiziert haben soll. Das wäre Beleg für eine mögliche Übertragung des Virus zwischen Menschen. Taiwan veranlasst sofort, Reisende aus Wuhan bei der Ankunft zu prüfen. Taiwans Behörden informieren die WHO.

Doch die reagiert nicht. Ärztin Ai Fen schreibt erneut den Gesundheitsbehörden. Der Leiter einer Klinik, die mehrere Menschen mit Lungenentzündung behandelt, ist erkrankt. Ihre Mitarbeiter müssen nun Schutzmasken tragen. Am Abend lädt sie die Disziplinarkommission der Klinik vor: Sie gefährde die «Stabilität» in Wuhan, sie wird zum Schweigen verdonnert.

3. Januar

55 Tage seit Patient Null

In der ersten Januarwochen gerät Chinas Führung langsam unter Druck. Doch bis 3. Januar werden der WHO nur 44 Infizierte gemeldet. Die wahre Zahl liegt bis Ende Dezember bereits bei mindestens 266, wie die South China Morning Post später berichtet.

Am 5. Januar wiederholen die Behörden, es gäbe keine klaren Beweise der Übertragbarkeit von Mensch zu Mensch, medizinisches Personal sei nicht infiziert. Die WHO empfiehlt am Tag darauf Reisenden, «keine besonderen Vorkehrungen» vorzunehmen. Sie lobt China als «pro-aktiv».

9. Januar

61 Tage seit Patient Null

Das Staatsfernsehen berichtet zwei Tage nach internationalen Medien erstmals, dass es sich um ein neuartiges Coronavirus handeln könnte. Offiziell stirbt der erste Mensch an Covid-19. Es dauert zwei Tage, bis China den Tod des 61-Jährigen meldet.

An diesem Tag laden Forscher in Shanghai die Gensequenz des Virus auf eine internationale Datenbank. Sie ist auch Grundlage für die Arbeit an einem Impfstoff. Der Leiter des Labors hat die Proben Anfang Januar aus Wuhan erhalten. Bereits am 5. Januar informiert er die Gesundheitskommission in Shanghai und die nationale Gesundheitskommission und weist daraufhin, dass das Virus wie Sars durch die Atemwege übertragen wird.

Die Warnung löst nur intern Alarm aus. Am 11. Januar teilen die Gesundheitsbehörden der Öffentlichkeit hingegen mit, dass es seit dem 3. Januar keine neuen Fälle gebe. Später wird bekannt, dass Krankenhäuser in den ersten zwei Januarwochen angewiesen waren, keine Fälle zu melden.

In Wuhan findet ein regionaler Volkskongress statt. Die Provinzregierung steht unter Druck, ihr Treffen durchzuführen, da einen Monat später der nationale Volkskongress in Peking stattfinden soll.

Die Initiative des Labors wird bis heute als ein Beleg für die Transparenz Chinas in der Krise gedeutet. Tatsächlich wird das Labor aber nur einen Tag später geschlossen. Die Behörden teilen die Gensequenz nun offiziell mit der WHO.

20. Januar

72 Tage seit Patient Null

Mitte Januar werden erste Fälle im Ausland bekannt. Experten des Imperial College London rechnen anhand der Infektionen im Ausland mit 1700 Infizierten in Wuhan. Am Vormittag des 20.Januars meldet Peking zunächst einen sprunghaften Anstieg der Erkrankten auf 220 und dann zwei Fälle, die nachweislich auf Übertragung von Mensch zu Mensch zurückgehen.

Auf einmal ist von 14 Angestellten die Rede, die sich in Kliniken infiziert haben. Später wird aus einem geleakten Dokument der Seuchenbehörden in Wuhan ersichtlich, dass die Zahl der infizierten Ärzte und Pfleger bereits bei rund 500 liegt.

Tags darauf nennt das Robert-Koch-Institut die Gefahr für Deutschland «gering». Entscheidend sei, dass es keine Belege gebe, dass sich das Virus einfach von Mensch zu Mensch übertrage wie Grippe, sondern nur in bestimmten Ausnahmen.

23. Januar

75 Tage seit Patient Null

Die chinesische Führung riegelt Wuhan ab.

(Lea Deuber)

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