Diese Wetziker Polizeilegende ist jetzt pensioniert
«Ich han’s gseh – jetzt freue ich mich wirklich auf die Pensionierung.» Wer so etwas sagt, muss schon eine gewisse berufliche Erfahrung belegen können. So, wie Pius Reichenbach.
Ganze drei Jahrzehnte lang, ohne Unterbruch und immer mit 100-Prozent-Pensum, war er bei der Stadtpolizei Wetzikon tätig. Mitte Februar hatte er nun seinen letzten Arbeitstag und wechselte – mit 63 Jahren leicht vorzeitig – ins Lager der Pensionierten.
Vom Flughafen ins Oberland
Reichenbach ist gelernter Koch. Er führte ein paar Jahre lang das Restaurant Terrasse in Wetzikon, «doch ich wollte noch etwas Neues machen». Also absolvierte er die Ausbildung bei der Kantonspolizei Zürich, war bei der Flughafen-Sicherheitspolizei in Kloten tätig, was zwar «lässig war», aber eben nicht so wahnsinnig spannend.
Bei der damaligen Gemeindepolizei Wetzikon lockten deutlich «vielfältigere Aufgaben: Unfälle, kriminalpolizeiliche Einsätze – einfach alles». Deshalb wechselte er ins Zürcher Oberland. Und blieb dort 30 Jahre lang. Nicht zuletzt, weil er es als Kemptner schätzte, den Arbeitsplatz «in sieben Minuten zu Fuss» zu erreichen.
Polizist am eigenen Wohnort
Dass Reichenbach seit Jahrzehnten am selben Ort wohnt, wie er als Polizist arbeitet und deshalb, wie ein alteingesessener Wetziker sagt, «’alle’ kennt», das bereitete ihm «nie Probleme». Aber, betont er, «man muss Geschäft und Privatleben trennen».
Das heisst zum Beispiel: Der falsch parkierende Kollege erhält selbstverständlich ebenso eine Busse wie der unbekannte Autofahrer. «Man muss eine Linie haben, und trotzdem das Augenmass behalten», umschreibt Pius Reichenbach seine Einstellung.
«Die Stadt ist gewachsen und damit auch die Vielfalt der Einsätze.»
Pius Reichenbach zur Entwicklung von Wetzikon
«Es hat sich sehr viel verändert», sagt der Wetziker, wenn er auf sein Berufsleben zurückblickt. «Die Stadt ist gewachsen und damit auch die Vielfalt der Einsätze». Das zeige sich nicht nur allgemein in einer zunehmenden Arbeitslast für die Polizei, sondern gerade am Wochenende in einer Verlagerung der Einsätze in die späten Nachtstunden.
Aber auch in Sachen Technik, Ausrüstung und Ausbildung – «in diesen Bereichen ist die Stadtpolizei Wetzikon spitze» – sei sehr viel gegangen. Sein Fazit deshalb: «Ich war immer gerne bei der Stadtpolizei». Dazu beigetragen haben nicht zuletzt seine allerjüngsten «Kunden»: die Kindergartenschüler. Ihnen brachte der auch als Verkehrsinstruktor ausgebildete «Herr Reichenbach» unter anderem bei, wie man korrekt eine Strasse überquert. «Eine echt schöne Abwechslung» sei diese Arbeit mit Kindern immer gewesen.
Berufswahl nie bereut
Und obwohl Reichenbach auch immer wieder mit Gewalt und Drohungen konfrontiert war, obwohl «die Schreiberei, ohne die bei uns fast nichts mehr geht», gegen 50 Prozent seines Jobs ausmachte – er würde den Beruf erneut wählen, wäre er noch einmal jung. Nun jedoch hat er endlich wieder mehr Zeit fürs Reisen, Skifahren, das Aufbessern seiner Italienisch-Sprachkenntnisse und für Renovationen – einerseits an einem grossen Schiffsmodell, andererseits an seinem Haus.
Aber nach über 30 Jahren in einem Beruf, wo Tag und Nacht etwas läuft, hat er da keine Angst vor der Langeweile als Pensionierter? «Nein, ich denke, es wird eher das Gegenteil der Fall sein, und ich werde schauen müssen, dass ich nicht zu viel mache.»
