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Politik

Wie eim de Schnabel gwachse isch

Gade, Hödi, sperze, und Chnuppesager gehören zu Standpunkt-Autorin Sabine Nussbaumers Wortschatz. Für ihre Kinder spricht sie eine Sprache aus dem letzten Jahrhundert. Oder vorletzten?

«Hol mer doch hurti s Taburettli im Gang!», bitte ich meinen Sohn. Er spielt mit einem Gspänli im Zimmer nebenan. Als ich den Schemel zurechtrücke (ich brauche die erhöhte Lage, um die Spinnhumpele an der Decke wegzusaugen), höre ich wie unser Gast leise fragt: «Was für eine Sprache spricht deine Mutter?» «Eine aus dem letzten Jahrhundert», so die lapidare Antwort meines Sohnes. Wahrlich nicht abzustreiten. Wobei ich nicht nachfragen möchte, ob er gar das vorletzte meinte.

«Hesch e Blätz ab?», frage ich meine Kinder, wenn sie mit dem Velo gestürzt sind. «Vergiss d‘ Schöibe nid!», rufe ich meinem Sohn zu, der heute Kochschule hat. Ich sage Nidle und Anke. Kanapee statt Sofa. Scheps statt schief. Länz für Frühling. Muudere zum Zustand von nicht ganz krank aber auch nicht gesund. Gade, Hödi, sperze, Chnuppesager, Schüttschtei, Himugüegeli.

«Aufgewachsen bin ich ‹Zweisprachig ›: Zuhause sprachen wir Solothurner-Dialekt, auf der Gasse benutzte ich die Zürischnurre.»

Ja, mein Wortschatz ist ein kleines Sammelsurium. Aufgewachsen bin ich «Zweisprachig»: Zuhause sprachen wir Solothurner-Dialekt, auf der Gasse benutzte ich die «Zürischnurre». Die Affinität meiner Grossmutter zur französischen Sprache floss ebenfalls mit ein (ein Wortimport bereits hier). Bei meinen Arbeitsorten in verschiedenen Kantonen lernte ich weitere Dialekte kennen. Etliche Ausdrücke davon haben sich in meinem Alltag etabliert.

Sprache wandelt sich. Mit ihr die Gesellschaft. Oder umgekehrt? Mundartsprache, mehrheitlich gesprochen, ist lebendig, immer im Fluss und bleibt daher aktuell. Die Vielfalt ist schon im Kanton Zürich gross. Im hinteren Tösstal tönen die Sätze anders als im Weinland. Aber sie verstehen sich trotzdem. Menschen von nebenan, mit unterschiedlichem Sprachhintergrund, anderen Kulturen beeinflussen unseren Dialekt. Das war auch schon früher nicht anders. Nur, so scheint mir, hat sich heute das Tempo der Veränderungen erhöht. Möchte man den Dialekt weitgehend im jetzigen Zustand erhalten, müsste man wahrscheinlich auswandern. In der Fremde lässt er sich eher eine Zeit lang konservieren.

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Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

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