Ouagadougou, Timbuktu, Monte Carlo, Sansibar – welch geheimnisvoller Klang der Namen. Magische Orte. Sie wecken Assoziationen in mir, ein Hauch von Abenteuer, geheimnisvollen Welten, Luxus. Ebenso wie Atlantis oder die hängenden Gärten der Semiramis. Bezeichnungen, die auf der Zunge zergehen, Gebilde, die vor dem geistigen Auge zu einmaliger Faszination wachsen, welche die Sehnsucht wecken, sie zu besuchen.
Würde ich allerdings meinen Gelüsten nachgeben und dorthin reisen, wäre ich sicher enttäuscht. Timbuktu ist eine total sandige Oasenstadt. Ouagadougou, die Hauptstadt von Burkina Faso, ist eine Millionenmetropole. In Monte Carlo hätte ich nicht die nötigen Mittel, um den Luxus zu geniessen. Sansibar war der Sklavenumschlagplatz par excellence und die beiden anderen sind der Sage entsprungen.
Fantasie und Realität klaffen oft weit auseinander. So stelle ich mir die Aussicht vom Dhaulagiri – auch so ein magischer Name – extrem schön vor, vergesse aber die quälerische Anstrengung, bis ich dort bin. Abgesehen davon, dass ich das sowieso nicht schaffe. Ich habe gelesen, dass man (fast) alles erlernen kann. Also lese ich in Fachbüchern wie man beispielsweise ein wunderschönes Büchergestell aus Holz zimmern kann, um dann diese Bücher zu verstauen.
Ich weiss, Sehnsuchtsorte und Büchergestell haben nicht sehr viel miteinander zu tun, dennoch soll der Vergleich sein: Ich skizziere dann Pläne, messe genau, säge an Brettern herum, stelle mehrere zusammen, leime und schraube und siehe da – da steht ein Holzhaufen. Sieht aus wie ein Regal und wackelt auch ohne Erdbeben. Aus meiner Fantasie und der Sehnsucht nach einem selbstgebauten Büchergestell holt mich die Tatsache, dass ich zwei linke Hände habe, brutal in die Realität.
Gut, Büchergestell und Timbuktu sind wirklich weit voneinander entfernt. Aber beide haben mit meiner Sehnsucht nach einem erwünschten Etwas zu tun, das mir vorschwebt. Einmal als magischer Klang, einmal als unerreichbare Fähigkeit. Es ist lebensnotwendig, um die Realität zu kennen, die Augen nicht vor der tatsächlichen Welt zu verschliessen. Aber genau so wichtig und lebensnotwendig ist es, sich magische Orte und Momente zu bewahren. Denn wie eng wäre die Welt, reichte sie nur zum nächsten Gartenzaun. (Guy A. Lang)

