Oh je, jetzt habe ich den Black Friday verpasst. Dabei wollte ich unbedingt von den Schnäppchen profitieren. Ich wollte ganz viele verschiedene Sachen billig einkaufen. Zwar brauche ich nichts, aber wenn es den Black Friday schon gibt, muss ich ihn ja nutzen. Denn mir reicht es nicht, dass ich bereits am Valentinstag, Muttertag, im Ausverkauf oder sonst in einer Rabatt-Woche mein sauer verdientes Geld so locker los werde. Und dabei noch das Gefühl habe, ich spare und profitiere – nein, der von den USA importierte Black Friday muss unbedingt sein. Wir übernehmen gerne die Einflüsse aus den Staaten ohne sie zu hinterfragen – sei es Thanksgiving oder Halloween.
Denn was wären wir ohne diese auswärtigen Einflüsse? Ein biederes Volk von Menschen, die kaum dazu kommen, Umsatz und Geschäft anzukurbeln, die zu wenig Gelegenheit haben, das Geld auszugeben. Was ist schon ein Ausverkauf, der einmal nach Weihnachten stattfindet, so wie früher? Bei dem alle zur Eröffnung die Warenhäuser stürmten. Das ist heute friedlicher, weil nicht mehr alle zur gleichen Zeit die Ersten sein müssen.
Heute gibt es schon den Vor-Ausverkauf, die ständig heruntergesetzten Preise, den Nach-Ausverkauf. Ganz zu schweigen von den unerschöpflichen Möglichkeiten des Online-Shoppings. So werden neue Absatzmärkte gefördert, etwa die von den Kürbissen und den Truthähnen. Die Paketzustelldienste steigern dank des Zurücksendens von Fehlbestellungen den Umsatz, das Verbraucherverhalten wird allgemein massiv gefördert, der reine Konsumkapitalismus siegt mit grossem Vorsprung.
Dass dabei eine massive Inflation stattfindet, scheint kaum jemand zu stören. Dabei meine ich nicht das Geld, nein, von Geldpolitik verstehe ich nichts, ich meine das Überangebot an Gleichem. Früher gab es einen Weihnachtsmarkt in Nürnberg und allenfalls noch in Dresden, heute überall. In Zürich sogar mindestens dreifach: Im Hauptbahnhof, auf dem Münsterplatz und vor dem Opernhaus. Und überall gibt es dasselbe: Glühwein, Duftkerzen und Magenbrot. Klar, das ist grob vereinfacht. Aber leben wir nicht in einer Zeit, in der komplizierte Sachverhalte schlicht zu einfachen Floskeln verkürzt werden? Hauptsache der Konsum stimmt. Oder? (Guy A. Lang)

