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«Geld spielt wie immer die grösste Rolle»

Der Pfäffiker Umweltingenieur Mathias Schluep widmet sich seit 15 Jahren der Kehrseite der Konsumgesellschaft. Er ist unter anderem in Afrika für den Aufbau eines nachhaltigen Recyclingsystems verantwortlich.

Mathias Schluep auf dem informellen Schrottplatz Agbogbloshie in Accra, der Hauptstadt von Ghana. , Die Kühlschränke werden zwar pflichtbewusst auseinandergenommen, doch die Isolierschäume stapeln sich im Hintergrund. , Danach werden sie verbrannt, um den Abfall zu reduzieren. , Andere Arbeiter schmelzen Aluminium ein, das dann zu Barren geformt und als Rohmaterial weiterverkauft wird. , Aussortiertes Kupfer wird zurück nach Europa exportiert. , Die nächste Ladung alter Computer steht schon bereit. , Mit der Hilfe von Mathias Schluep soll sich die Situation verbessern – für Mensch und Umwelt.

SRF Daniel Stadelmann

«Geld spielt wie immer die grösste Rolle»

Herr Schluep, Sie haben Elektromülldeponien in Kolumbien, Indien oder Ägypten mit eigenen Augen gesehen. Welche Gedanken zur Konsumkultur in der Schweiz lösen solche Bilder aus?
Mathias Schluep: Konsum ist weder typisch schweizerisch noch europäisch, sondern menschlich. Jeder will konsumieren. Auch die Bewohner der Länder, die keine neuen Geräte, sondern nur ausgesonderte Ware in die Finger bekommen. Sie alle orientieren sich am reichen Westen und streben nach diesem Lebensstandard. 

«Viele kämpfen einfach ums Überleben.»

In Ghana setzen Sie sich in der Hauptstadt Accra für den Aufbau eines nachhaltigen Recyclingsystems (siehe Box) ein. Wie kommt es, dass ein Grossteil unseres Elektroschrottes überhaupt in Afrika landet?
Als Erstes muss ich festhalten: Europa exportiert nicht einfach Abfall nach Afrika. Ein grosser Teil der Geräte wird repariert und wiederverwertet. Es wäre wirtschaftlich gar nicht interessant, Ausschussware so weit zu transportieren. Trotzdem landen auch viele defekte Geräte auf den Mülldeponien, wo sie in Einzelteile zerlegt werden. Dadurch sind sehr viele Personen und Zwischenstationen in das ganze Geschehen involviert – von den Importeuren über Zwischenhändler bis hin zur Arbeitskraft auf der Deponie. Doch das macht für mich auch der Reiz dieser Arbeit aus, sie fordert mich fachlich und gleichzeitig habe ich Kontakt mit den verschiedensten Akteuren, vom Minister bis zum armen Arbeiter. 

Der Pfäffiker Mathias Schluep ist 50 Jahre alt und ist als Umweltwissenschaftler seit 15 Jahren im Rahmen des Programms «Sustainable Recycling Industries» (SRI) als Projektleiter tätig. Seit 2002 unterstützt das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) Entwicklungs- und Schwellenländer in ihren Anstrengungen, E-Waste-Managementsysteme aufzubauen. Das SRI wird vom Seco finanziert und gemeinsam von der Empa und dem Word Resources Forum umgesetzt. Die unterstützten Projekte befinden sich in Kolumbien, Ägypten, Ghana, Indien, Peru und Südafrika. Zusammen mit privaten und öffentlichen Institutionen sollen bestehende, lokale E-Waste-Recyclinganlagen nachhaltiger gestaltet werden. 

 

Worin liegt die grösste Herausforderung, wenn man diesen Prozess verbessern, beziehungsweise nachhaltiger gestalten will?
In Ghana läuft vieles auf dem informellen Weg, also ohne Kontrolle durch die Regierung. Obwohl sich diese sehr offen für eine Zusammenarbeit zeigt, ist sie aufgrund fehlender finanzieller Mittel mit der aktuellen Situation grösstenteils überfordert. Geld spielt wie immer die grösste Rolle. So ist man derzeit gar nicht konkurrenzfähig, wenn man zu viel Wert auf sauberes Recycling setzt. Es ist schlichtweg zu teuer. Hier greifen wir ein, um den Grundstein für ein nachhaltiges Recyclingsystem zu legen, das sich einst selber tragen wird. 

Wie sieht die Situation denn momentan vor Ort aus?
Bei der Gewinnung wertvoller Rohstoffe wird gleichzeitig viel Sondermüll produziert. Es ist zum Beispiel billiger, ausgemusterte Stromkabel einfach zu verbrennen, um an das wertvolle Kupfer im Innern zu kommen, als sie sorgfältig auseinanderzunehmen. In diesen Feuern werden giftige Dioxine freigesetzt, die nachweislich die Lebenserwartung verkürzen. Das gleiche gilt für Quecksilber, das bei der nicht fachgerechten Entsorgung von Leuchtmitteln freigesetzt wird. Da es im informellen Bereich aber keine Regelungen gibt, liegt der Fokus nur auf der Gewinnung der Rohstoffe. Ein weiteres Beispiel dafür wäre Gold aus Computern. Die Schäden, welche die Menschen und die Umwelt gleichzeitig davontragen, sind in den Augen der Beteiligten zweitrangig. Viele kämpfen einfach ums Überleben. 

«Es nützt nichts, den Menschen einfach eine Recyclinganlage hinzustellen.»

Wie gross muss man sich die ganze Anlage vorstellen?
Im Quartier Agbogbloshie, wo die 250’000 Quadratmeter grosse Schrotthalde liegt, wohnen rund 10’000 Personen. Knapp 4000 von ihnen arbeiten in verschiedensten Positionen für die Deponie. Rund 1500 Personen sind alleine für die Zerteilung der Elektrogeräte zuständig. Pro Jahr werden so zirka 17’000 Tonnen Elektrogeräte auseinandergenommen. 

Wie kann man die nachhaltige Wiederverwertung erreichen?
Geregelte Rahmenbedingungen. Es nützt nichts, den Menschen einfach eine Recyclinganlage hinzustellen. Es braucht Gesetze, die es einzuhalten gilt. Solche Standards gemeinsam mit der Ghanaischen Regierung auszuarbeiten, ist unsere Hauptaufgabe. 

«Wir leben auf einem Planeten mit limitierten Ressourcen und können nicht alles haben.»

Wie lange braucht es, um ein solches System erfolgreich einführen zu können?
Wir befinden uns momentan in der zweiten von zwei vierjährigen Phasen. Der Anfang ist immer sehr intensiv, danach wird das Engagement langsam zurückgefahren. In Kolumbien und Peru sind wir in den letzten acht Jahren bereits sehr weit gekommen. Dort investieren wir nur noch einen Drittel der Mittel, die momentan in Ghana eingesetzt werden. Wie lange wir an einem Ort unseren Einsatz leisten, wird vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) genau vorgegeben. In Indien wurde das Projekt bereits abgeschlossen – allerdings eher aus politischen Gründen. Da sich die Entwicklungshilfe des Seco primär auf wirtschaftliche Partner bezieht, zogen wir uns zurück, als Indien ein gewisses wirtschaftliches Level erreicht hatte. In Ghana sind wir noch bis 2023 im Einsatz.  

Haben Sie es sich nach 15 Jahren im E-Waste-Bereich mittlerweile zur Aufgabe gemacht, Personen in Ihrem Umfeld verstärkt auf die Problematik von Konsum hinzuweisen?
Ich bin kein Missionar aber ich vertrete meine Meinung. Wir leben auf einem Planeten mit limitierten Ressourcen und können nicht alles haben. Ich persönlich investiere lieber in Erlebnisse als in Konsumgüter. 

Kurz vor dem Black Friday widmet das Schweizer Fernsehen dem Konsum einen Themenabend. In einer der sechs Reportagen liegt der Fokus auf Mathias Schluep und seinem Engagement in Ghana. Die Sendung «Kauf mich!» wird am Dienstag, 26. November, um 20.10 Uhr auf SRF Zwei ausgestrahlt. 

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