«Der Weissklee hat uns gerettet»
Das Wichtigste in Kürze
- Imker beklagen in diesem Jahr rekordtiefe Honigerträge
- Ursache war eine nasskalte Wetterperiode im Frühling
- Nicht nur die Bienen haben unter diesen Bedingungen gelitten
Es summt weiterhin. Aber nur noch hinter verschlossenen Türchen. Die rund 160’000 Bienenvölker in der Schweiz haben Winterpause. Ausfliegen konnten die Bienen in diesem Jahr weniger oft als normal – mit Folgen. Wie vor Kurzem bekannt wurde, bildet der Kanton Zürich zusammen mit Obwalden, Basel-Landschaft, Zug und Appenzell Ausserrhoden das Schlusslicht, was den diesjährigen Honigertrag angeht.
Laut der Schweizerischen Bienen-Zeitung verzeichnete man einen Ertrag von lediglich fünf bis zehn Kilogramm pro Volk. Der Durchschnitt der «rekordtiefen Honigernte» liegt schweizweit bei 13 Kilogramm pro Volk – mehr als 10 Kilogramm weniger als in den Vorjahren. «Hochgerechnet bedeutet das einen kommerziellen Verlust in zweistelliger Millionenhöhe und macht Schweizer Honig zu einem raren und wertvollen Gut, für das wir auch einen fairen Preis verlangen dürfen», heisst es in der Bienen-Zeitung weiter, die von Bienen Schweiz, dem Imkerverband der deutschen und rätoromanischen Schweiz, herausgegeben wird.
«Die Tiere mussten sich selbst und den Nachwuchs vom bereits gesammelten Nektar ernähren.»
David Szalatnay, Leiter Bereich Spezialkulturen am Strickhof
Der April war mit über 20 Grad Maximaltemperatur warm und das Blütenangebot bereits gross. «Danach fielen die Temperaturen jedoch und die Bienen konnten während rund zwei Wochen nur selten ausfliegen», sagt David Szalatnay, Leiter des Bereiches Spezialkulturen am Strickhof. Als Obstbauberater beschäftigt er sich unter anderem mit Bienen. «Während dieser zwei Wochen war die Brut im Bienenstock schon voll im Gange. Die Bienen mussten darum sich selbst und den Nachwuchs vom bereits gesammelten Nektar ernähren.»
Lukas Kuhn, der am Strickhof das Wahlfach Bienenhaltung unterrichtet und als Berater vom Imkerverein Bezirk Pfäffikon tätig ist , fügt hinzu: «Rund 80 Prozent der Blütenhonigernte fällt zwischen April und Ende Mai an – in diesem Jahr fiel die grosse Blütenpracht in den regenreichen und kalten Mai . Nach dem Frühlingsblust bleiben noch Him- und Brombeerblüten und Linden, die für die Bienen ertragreich Nektar spenden. » Bei Bisenlage trockne der Nektar in den Blüten ein und trotz schönem Frühlingswetter und Vollblüte finden die Bienen kaum Futter.
Nur teilweise Kompensation durch Waldhonig
Zu behaupten, die Bienen hätten Ferien gehabt, da sie zwei Wochen nicht ausfliegen konnten, wäre jedoch komplett falsch. «Die Bienen hatten einfach eine andere Arbeit, da sie die Temperatur im Stock stabil halten mussten», erklärt David Szalatnay. Dies erfolge durch stetiges Bewegen der Flügelmuskulatur – und brauche viel Energie. Manche Imker hätten bei ihren Völkern sogar nachfüttern müssen. «Vom Frühlingshonig blieb nicht mehr viel.»
Die Sommerernte, die zu einem grossen Teil aus Waldhonig besteht, konnte den Verlust nur beschränkt kompensieren. Denn viele Laubbäume, speziell die Buchen, hätten laut Bienen-Zeitung noch immer unter dem Trockensommer 2018 gelitten und damit weniger Laub ausgebildet, was zu weniger Blatthonig geführt habe. «Der Honigtau, den die Bienen sammeln, wird von wenigen Blattlausarten – bei uns hauptsächlich an Rot- und Weisstannen – ausgeschieden», sagt Lukas Kuhn. Ein kurzes und heftiges Sommergewitter könne alles aber in kurzer Zeit von den Bäumen spülen. «Darum sind die regionalen Unterschiede auch stark ausgeprägt.»
Probe nach Deutschland geschickt
Susanne und Ueli Erb produzieren unter der Marke «Natürli Zürioberland Regionalprodukte» ihren Honig in einem Bienenhaus in der Manzenhub zwischen Wila und Sternenberg. Eine Kompensation durch Waldhonig habe es bei ihnen nicht gegeben. Im Gegenteil. «Als wir im Juni das bisschen Honig geerntet haben, das noch übrig blieb, war dieser sehr dünnflüssig, kristallierte aber trotzdem schnell», sagt Ueli Erb. Darum habe er eine Probe in ein Labor nach Stuttgart geschickt, um die genaue Zusammensetzung zu untersuchen. Das Ergebnis: «Der Honig bestand zum allergrössten Teil aus Weissklee», sagt Erb. «Keine Spur von Waldhonig.»
« Ich bin mit dem Jahr zufrieden, denn die Völker sind gesund eingewintert und das ist die Hauptsache. »
Lukas Kuhn, Berater Imkerverein Bezirk Pfäffikon
Der Rekord von Ueli und Susanne Erb, die seit über zwanzig Jahren imkern, liegt bei rund 30 Kilogramm pro Bienenvolk. In diesem Jahr waren es gerade einmal sechs Kilogramm. «Der Weissklee hat uns gerettet.» Preisanpassungen seien zwar nicht geplant. «Aber wir haben unsere letztjährigen Kunden bereits im Mai informiert, dass die Hoffnung klein ist, grössere Mengen an Honig verkaufen zu können. Was wir überhaupt noch ernten konnten, verschenken wir an Freunde und Familie.»
Honig zum Fixpreis
Dabei scheint das Ehepaar Erb noch Glück gehabt zu haben. «Im Tösstal kenne ich Imker, die sogar nur vier Kilogramm Honig pro Volk ernten konnten», sagt Lukas Kuhn, der auch selber Bienen hält. Ein Volk brauche für seine Grundversorgung rund 80 Kilogramm Honig für sich, ein Teil davon kann der Imker abschöpfen. « Der Ertragsüberschuss blieb dieses Jahr aber aus. Das ist für den Imker nicht schön, aber jedes Jahr ist anders und solche Jahre gehören dazu » , sagt Kuhn.
Dieses Jahr sei eines der ertragsärmsten in seiner ganzen Imkerzeit gewesen. « Ich hatte Völker von denen kein Honig geerntet werden konnte. Aber am Ende bin ich mit dem Jahr zufrieden, denn die Völker sind gesund eingewintert und das ist die Hauptsache. » Der Rekord seiner Bienen liegt bei 70 Kilogramm – in einem «guten Waldhonigjahr».
Speziell auf Waldhonig aus dem Zürcher Oberland sind Silvan und Claudio Leibacher angewiesen, die in Illnau ihre Biber-Manufaktur betreiben. Sie verarbeiten für ihre Honigbiber pro Jahr davon rund 1200 Kilo. Derzeit läuft die Produktion mit Weihnachtssujets auf Hochtouren. «Unsere Honigbiber bestehen zu zehn bis fünfzehn Prozent aus Honig», sagt Silvan Leibacher. Der grösste Teil stammt von einem Imker, der im Gossauer Ortsteil Grüt beheimatet ist. «Waldhonig hat einen stärkeren Geschmack als Blütenhonig, was für die Biberproduktion wichtig ist.»
«In den zehn Jahren, in denen wir nun schon Biber produzieren, ging noch immer alles gut.»
Silvan und Claudio Leibacher, Illnauer Biberbäcker
Doch auch die Leibacher-Brüder können Entwarnung geben: Ihre Honigbiber werden aufgrund des schlechten Ertrags nicht teurer. «Wir beziehen den Honig zu einem Fixpreis», sagt Claudio Leibacher. Zudem habe der Imker aus dem Grüt eine grosse Honigreserve, sodass man sogar ein Jahr ganz ohne neue Erträge überbrücken könnte.
Und obwohl sie mit regionalen Produkten werben: «Sollte es tatsächlich einmal soweit kommen, dass es zu wenig Honig aus dem Zürcher Oberland gibt, werden wir auf andere Regionen ausweichen.» Da sie die Etiketten mit den Deklarationen hausintern drucken, wäre eine Anpassung schnell erfolgt. «Natürlich immer mit dem Hinweis ‹aufgrund tiefer Ernte›. Doch in den zehn Jahren, in denen wir nun schon Biber produzieren, ging noch immer alles gut.»
Die Kälteperiode im Frühling hatte jedoch nicht nur negative Auswirkungen auf die Honigmenge, sondern auch auf die diesjährigen Obsterträge. Zwar hätten die Bienen während der Obstblüte ihre Arbeit getan, und die Obstbäume erfolgreich bestäubt. «Doch damit ist die Blüte noch nicht erfolgreich befruchtet», sagt David Szalatnay vom Strickhof. Aus den Pollen, die von den Bienen auf die Blüte getragen wurde, müsse ein Pollenschlauch wachsen können, der tiefer in den Fruchtknoten dringe, wo die eigentliche Befruchtung stattfinde. «Durch die Kälte konnte dieser nötige Schritt vielerorts nicht stattfinden», sagt Szalatnay. «Das ist aber nicht die Schuld der Bienen.»
