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Politik

Vom Einatmen und Ausatmen

Standpunkt-Autor Christoph Pohl verabschiedet sich von seinen Leserinnen und Lesern. In seiner letzten Kolumne macht er sich Gedanken darüber, was zurzeit gerade aktuell ist und was vollkommen anders sein könnte.

Die begnadete Journalistin Iren Meier liest in einem wunderbaren Buch über unübersetzbare Wörter aus der ganzen Welt. Das finnische Substantiv Poronkusema meint die Entfernung, die ein Rentier bequem zurücklegen kann, bevor es eine Pause braucht. Oder Nunchi. Koreanisch. Die feine, oft unbeachtete Kunst, zuzuhören und die Stimmung des Gegenübers einschätzen zu können. Barbara Thalheim war in der DDR eine der bekanntesten Liedermacherinnen und singt im «Spasspartout» von Radio SRF, wie sie die Welt einatmet und als Lied wieder ausatmet. Der Philosoph Andreas Urs Sommer schreibt von Menschen, welche geängstigt sind von der Fülle der Möglichkeiten und dass alles auch ganz anders sein könnte.

Und ich? Ich atme ein letztes Mal Gehörtes und Geschriebenes ein und atme es aus als Standpunkt. Das dauert sicher länger als Pisan Zapra. Auf Malaiisch: Die Zeit, die man braucht, um eine Banane zu essen. Was ist wichtig und möglich und könnte auch ganz anders sein?

Erinnern Sie sich an die blumenkohlgrossen Manganknollen auf dem Meeresgrund? Sie wachsen maximal sieben Millimeter in einer Million Jahre. Wir schaffen es vielleicht, sie in wenigen Jahren einzusammeln, um einen Teil unseres gigantischen Ressourcenverbrauchs zu decken. Genauso wie wir in den letzten 200 Jahren einen beträchtlichen Teil des Kohlendioxids verfeuert haben, das die Erde in mehr als 400 Millionen Jahren in Form von Kohle, Erdöl und Erdgas weggepackt hat.

Möglich, dass das alles keine Rolle spielt. Weil nach dem Pleistozän, während dem der Mensch vor 2,6 Millionen Jahren erschienen sein soll, und dem Holozän, dessen Anfang nur zehntausend Jahre zurückliegt, mit dem Anthropozän bereits ein neues Zeitalter begonnen hat. Dieses dauert sicher wieder einige Millionen Jahre und es wird in den Sedimenten zu lesen sein, dass in unserer Generation jeder lebende Mensch 4000 Tonnen Technomaterial produziert und dass die extrem beschleunigte Aussterberate wahrscheinlich nicht nur Tiere, Pflanzen und Lebensräume, sondern auch die Menschen betroffen hat.

Möglich, dass die neuzeitliche Verknüpfung von Arbeit und Essen, die auf den berühmten Satz des Apostels Paulus zurückgeht («Wenn jemand nicht arbeiten will, soll er auch nicht essen») endlich einmal zu Ende geht und Platz macht für eine grundlegende Entflechtung der beiden Begriffe - Platz macht für ein radikales Projekt zur Durchsetzung politischer und sozialer Gerechtigkeitsansprüche. Für die Vision eines bedingungsloses Grundeinkommens.

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