Abo

Politik

Nichts ist für die Ewigkeit, oder...?

Erinnerungen - ob gute oder schlechte - tragen dazu bei, dass wir vorwärts kommen, dass Neues entstehen kann. Sie machen einen Menschen zu dem, was er ist. Zu diesem Schluss kommt Standpunkt-Autorin Eveline Rüegg.

Es ist ausgesteckt, das Baugespann ragt hoch in die Luft. Ein Neubau entsteht. Die ehemalige Buchdruckerei in Turbenthal wird abgerissen. Beim Gedanken daran wird mir weh um mein Herz. Für mich ist dieses Gebäude mit so vielen Erinnerungen verbunden. Noch heute, knapp fünf Jahre nach seinem Tod, sehe ich jedesmal, wenn ich daran vorbeigehe, wie mein Vater aus dem Auto steigt, das er nahe an der Wand parkiert hat. Sein Haar ist zerzaust. Er zückt den Kamm, den er immer bei sich trägt und kämmt sich - mehr schlecht als recht. Er räuspert sich und verschwindet im ehemaligen «Tössthaler»-Büro.

Noch heute ist diese schöne Erinnerung so nah und so klar. Der Geruch der Druckerei, Druckerschwärze und Zigarettenrauch, noch so in meiner Nase, dass ich nicht glauben kann, dass so viel Zeit verstrichen ist, seitdem ich dieses Bild real und nicht nur vor meinem geistigen Auge gesehen habe. Der Abriss bedeutet für mich, dass auch ein Stückchen heile Welt, Familie, im Aussen verschwindet. Es zeigt mir, dass das Leben einfach weitergeht, auch wenn wir an einigen Stellen noch so versuchen, den Lauf der Zeit zu stoppen. Nichts bleibt für die Ewigkeit. Was aber bleibt, ist die Erinnerung. Damit können wir das Vergangene wieder herholen. Uns das Herz damit füllen und lächeln.

Gerade wenn ein geliebter Mensch stirbt, ist die Erinnerung das Einzige, das bleibt. «Ich bin nicht weg - ich bin nur in den Raum nebenan gegangen.» Dies stand auf einer Kondolenzkarte, die wir damals bekamen. Dieser Satz gibt mir noch heute unglaublich viel Kraft. Der Raum der Erinnerungen ist grenzenlos und so sind die Geliebten wirklich nicht weg. Wir können jederzeit in diesen Raum und uns ihnen nahe fühlen. Tröstend und wundervoll!

Es ist aber auch so eine Sache mit diesen Erinnerungen. Manchmal kommen sie hervorgeschossen, wenn man sie nicht gebrauchen kann. Oft sind dies dann die negativen, die - zägg - da sind und kaum mehr aus dem Kopf wollen. Sätze, die man an den Kopf geworfen bekam, Beleidigungen, die man einstecken musste, Trauriges, Unschönes. Solche Trigger, Auslöser für eben diese Erinnerungen, können sehr schmerzhaft sein. Es fordert viel Disziplin diese zu stoppen. Nicht zuzulassen, dass diese im Jetzt etwas Grosses auslösen und die Zukunft weiter unschön prägen. Dummerweise haben es die schlechten Erinnerungen ja an sich, viel weniger zu verblassen wie die guten. Die Schlechten klopfen häufiger an und prägen uns mehr als die Anderen. Eine fiese Sache.

Deshalb glaube ich, dass es wichtig ist, dass man diese unschönen Erinnerungen zum Schweigen bringt. Sie aufarbeitet und ablegt. Endgültig. Ein Sprichwort sagt: «Am Ende bleibt uns genau das in Erinnerung, was wir unbedingt vergessen wollten.» Ich empfinde es als erstrebenswert, dies zu ändern. Irgendwann sollte man den Punkt erreichen, an dem man sich nicht mehr durch die negativen Geschehnisse aufhalten lassen sollte. An dem man das Buch der prägenden Erinnerungen schliesst und vorwärts geht.

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?