Abo

Politik

Treffen, aber keine Dates

Mit wem man in einem Lift stecken bleiben möchte, ist eine oft gestellte Frage. Guy A. Lang ist sicher, dass es in einem solchen Fall beim grossen Schweigen bleiben würde.

Auf meinem Weg zur Arbeit quer durch die Stadt, bin ich jeden Morgen um zehn nach sieben einem Mann begegnet. Er war in Gegenrichtung ebenfalls unterwegs zum Job. Nach einiger Zeit – es hat schon ein paar Wochen gedauert –  begrüssten wir uns mit einem «Hallo». Mehr war nicht. Ich weiss nicht, wie er heisst, was er arbeitet, rein gar nichts. Nur dass er jeden Morgen meinen Weg kreuzte.

Das ist jetzt etwa 35 Jahre her. Diese Begegnungen sind mir geblieben, ein Menschen, der grüsst und lächelt, war irgendwie beruhigend. hatte och doch eine schwierige Zeit, war alleine und arbeitete an einem Ort, der zwar interessant war, jedoch nichts mit meinen Berufswünschen zu tun hatte. Seither versuche ich unbekannten Menschen – wenn möglich – mit einem Lächeln zu begegnen.

Vor kurzem war ich im Lift eines Bürokomplexes. Nach einigen Stockwerken stieg jemand zu, ich grüsste. Das «Grüezi» wurde erwidert, ebenfalls das Lächeln. Dann stieg ich aus und wünschte einen guten Tag. Worauf das Gesicht der Person erstarrte, als ob ich sie angegriffen hätte. Hatte sie an diesem Tag etwas Unangenehmes oder Schwieriges vor sich? Bin ich mit meinem ahnungslosen Wunsch in einen grösseren Fettnapf getreten? Ich weiss es nicht.

Aber egal. Mich fasziniert, wie Menschen auf ungewohnte Begegnungen und Situationen reagieren. Beispielsweise wie erwähnt, in einem Lift. Für kurze Zeit sind fremde Menschen in der intimen Atmosphäre eines engen, kleinen Raums auf einer Nähe zusammen gepfercht, die man sonst höchstens mit Partnerinnen, Partnern, Freunden und Verwandten teilt. Meist wird die Lage peinlich. Man traut sich kaum das Gegenüber anzusehen, starrt hilflos zu Boden und hofft, dass man bald auf der gewünschten Etage fliehen kann.

Unbefangen sind einzig Kinder und schnüffelnde Hunde. Was wiederum Eltern und Besitzern peinlich fordert. Oft wird die Frage gestellt, mit wem man in einem Lift stecken bleiben möchte. Ich bin allerdings überzeugt, dass in einem derartigen Fall die Hemmungen, etwas Kluges zu bemerken oder das zu sagen, was man diesem Menschen schon immer sagen wollte, so gross sind, dass es beim Schweigen bleibt. Was meinen Sie dazu? (Guy A. Lang)

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?