Es ist bestimmt schon über zehn Jahre her, seit ich das orange T-Shirt als Geschenk erhielt. Ich habe mich sehr gefreut. Es passte wunderbar und hat sich sofort zu meinem Lieblingsleibchen gemausert. Es passte wie angegossen, dehnte sich mit meinem Wachstum parallel aus.
So vor etwa drei Jahren war es so labberig, dass ich mich damit wirklich nicht mehr an die Öffentlichkeit trauen konnte. Immerhin für die Gartenarbeit war es das perfekte Outfit. Doch jetzt besteht es eigentlich nur noch aus Löchern, die von einem abgebleichten orangenen Stoff zusammengehalten werde. Ich glaube, ich muss mich endgültig von ihm verabschieden – schwersten Herzens.
Nun, es war ja nur ein Leibchen. Was aber passiert mit anderen wichtigen Kleidungsstücken, wenn sie entsorgt werden? Etwa mit dem Konfirmationsanzug? Früher wurde er bestenfalls an den jüngeren Bruder vererbt. Heute wandert er – wenn er Glück hat – im Secondhandshop oder auf dem Flohmarkt. Wahrscheinlicher ist, dass der abgetragene Anzug in der Altkleidersammlung landet und dann zu einem dieser bunten Flickenteppiche mutiert.
Die Vorstellung ist schrecklich, dass er, der feierliche Worte in der Kirche gehört hat, später bei festlichen Gelegenheiten getragen wurde und vielleicht gar die erste Verliebtheit im Tanzkurs – damals gab es noch solche Sachen – miterlebt hat, nun einfach von fremden Füssen und Schuhen getreten und betrampelt wird.
Was ist mit den vielen Erinnerungen, die so ein Lieblingskleidungsstück mit sich rumträgt? Gehen die beim Entsorgen verloren? Gut, mir ist schon klar, dass die Erinnerungen in mir und nicht in einem Stück Stoff haften. Aber vergesse ich die zahlreichen Stunden in dieser Kleidung nicht eher, wenn ich sie nicht mehr trage und sehe?

