Wenn die Scherben und Bruchstücke in Schachtel 1 von Schublade 17077 das wüssten: Ihren „Glücksfall“ erleben sie. Das zumindest sagt Archäologin Kristin Kruse. Damit meint sie allein die Tatsache, dass die Teile am genannten Platz versorgt sind. Denn dieser – mehr Schaukasten denn Schachtel – ist quasi Nachschlagewerk der kantonalen Archäologie. Darum auch liegen die Fundstücke einzeln nebeneinander auf einem schwarzen Styroporbett. Nicht so, wie unzählige andere Teile, die in einfachen Kartonkisten gestapelt sind. „Greifensee Böschen“ steht auf einem Schild in Schachtel 1. Deren Inhalt schauen sich vornehmlich Studenten und Forscher an. Nicht so am vergangenen Samstag.
Da nämlich stand die Halle im Stettbacher Industriequartier mit dem Fundlager der kantonalen Archäologie der ganzen Bevölkerung offen. Dies im Rahmen der Europäischen Tage des Denkmals. Sie haben zum Thema Farben stattgefunden.
Im See erhalten
Schwarz gebrannt sind die Fundstücke der Seeufersiedlung von Greifensee-Böschen. Darunter befindet sich auch eine rekonstruierte Schale. „Die Farbe lässt auf eine bestimmte Machart bei der Herstellung schliessen“, sagt Kruse, „die für die damalige Epoche charakteristisch ist.“ Genau: für die Spätbronzezeit um 1042 vor Christus. „Die Datierung hat eine dendrochronologische Analyse ergeben“, sagt Kruse. Das heisst, die naturwissenschaftliche Untersuchung der Hölzer, die für die Pfahlbauten der Siedlung verwendet worden sind. Aber da sind auch die Verzierungen in Dreiecks- und Linienmuster, die die Teile zu Referenzobjekten – und damit auch zu Denkmälern – ihrer Zeit machen. Und über all dem: der gute Zustand der Stücke, die auf dem Grund des Greifensees die Jahrhunderte überdauert hätten. „Die Siedlung war nur gut zehn Jahre bewohnt“, erklärt die Archäologin. „Nach einem Brand ist sie schlagartig verlassen worden.“ So sei man dann in den Achtzigerjahren auf die Überreste eines in sich geschlossenes Dorf gestossen. Ein spektakulärer Fund. Wer am Samstag bei Kruse vorbei kommt, hat schon fast den vorgezeichneten Rundgang durch die Halle beendet. Dieser geht dem Weg nach, den ein Fundstück hier macht, nachdem es von einer Grabungsstätte angeliefert worden ist. Er beginnt am anderen Ende der Halle im Waschraum und setzt sich im Labor fort. Dort nimmt sich Susanne Holzinger der Teile an.
Farben als Zeitspuren

