«Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr.» Seit Schillers Drama Wilhelm Tell im Jahre 1804 zum ersten Mal aufgeführt wurde, sind die Besucher stets von Neuem fasziniert vom spürbaren Willen zur unbedingten Gemeinschaft. Selbst scheinbar übermächtige Gegner und Bedrohungen aller Art sollte es nicht gelingen, diesen Zusammenhalt aufzubrechen.
Manchmal spüre ich in mir eine Sehnsucht nach so einem Zusammenhalt in unserem Land. Denn die Realität – zumindest in der Politik – ist heute eine ganz andere. Es zählen ausschliesslich die drei «V»: Verunsichern, Verunglimpfen und Versprechen. Mittlerweile bedienen sich alle grossen Parteien dieser drei V – und vergiften damit das Klima im ganzen Land.
Mit immer grösseren Schreckensszenarien wird versucht, die Bevölkerung zu verunsichern. Einmal sind es Ströme von arbeitsscheuen Menschen aus fremden Kontinenten, die uns unseren Wohlstand wegnehmen wollen. Dann ist es der Klimawandel, der unser Land in eine glühende Einöde verändert und beim nächsten Mal sind es Superreiche, die wegziehen, wenn sie nicht tiefere Steuern erhalten.
Neben der gezielten Verunsicherung wird ebenso gezielt der politische Gegner verunglimpft. Freisinnige werden als Weichsinnige bezeichnet, Grüne und Linke als Würmer und Maden und SVPler gelten als Nazis und Rechtsextreme. Und wer jetzt denkt, das sei nur in der Politik so, irrt sich. Die Verunglimpfung von Andersdenkenden zieht sich heute quer durch die ganze Gesellschaft. Fleischesser gegen Vegetarier, Autofahrer gegen Zugfahrer, Stadt gegen Land, Arme gegen Reiche, traditionelle Landwirtschaft gegen Biobetriebe... Die Reihe liesse sich beliebig lange fortsetzen.
Das dritte V ist dann wieder mehrheitlich in der Politik anzutreffen, die Versprechungen. Jede Partei verspricht stets, dass sie die besseren Lösungen bereithält, wenn sie denn nur auch gewählt würde.

