Japanische Erfahrungen im Pfäffiker Wald
«Im Wald, im schöne grüene Wald, han ich es Plätzli wo mer gfallt. Ich ligge det im weiche Moos und luege, stuune bloss.» Dieses Lied, das ich als Kind immer wieder mit meiner Mutter gesungen habe, will mir nicht aus dem Kopf, während ich langsam durch den Pfäffiker Wald streife. Denn der Inhalt des Kinderliedes bringt es auf den Punkt, warum ich mich heute hier befinde: Unter der Leitung von Zoë D. Lorek nehme ich eine Schnupperstunde in «Waldbaden». Ihren Ursprung hat diese Entspannungstechnik in Japan, wo sie als «Shinrin Yoku» seit vielen Jahrzehnten ausgeübt wird. Zwar gehe es darum, den Wald mit allen Sinnen wahrzunehmen. «Aber Bäume umarmen gehört nicht dazu», sagt Lorek.
Langsamer Start
Als erstes weist sie mich an, bewusst langsam schlendernd dem Weg zu folgen und auch stehen zu bleiben, wenn mein Blick auf etwas Spezielles fällt. Ich sehe Brombeeren, Pilze, Tautropfen in Spinnennetzen und erstaunliche Mengen an Fliegen auf den sonnigen Flecken am Boden.
Schnell wird klar: Je langsamer man sich bewegt, desto mehr gibt es zu sehen. Das ist allerdings keine grosse Überraschung. Ich mache schliesslich auch aus diesem Grund lieber eine Wanderung als eine Tour mit dem Velo. Bisher unterscheidet sich Waldbaden abgesehen vom Schneckentempo noch nicht gross von meinen gewohnten Spaziergängen.
Dann soll ich meine Geschwindigkeit erneut reduzieren. Dabei bewege ich mich für meine Verhältnisse bereits unangenehm langsam! Aber ich gehorche natürlich. Und irgendwann nehme ich nicht mehr die Bäume wahr, sondern die einzelnen Blätter. Plötzlich scheinen sogar meine anderen Sinne geschärfter. Das Zwitschern der Vögel, meine eigenen Schritte, das Surren der Insekten – der Wald nimmt nach und nach neue Dimensionen an.
« Nicht zu werten, fällt uns schwer.»
Zoë D. Lorek, Kursleiterin
«Langsam zu gehen, braucht am Anfang Überwindung», ist sich Lorek bewusst. «Doch je mehr man seinen Fokus auf andere Dinge richtet, desto normaler wird es, langsam zu gehen.» Dazu komme, dass man während des Waldbadens kaum spreche. Dadurch falle diese Ablenkung auch weg – abgesehen vom kurzen Austausch ab und zu. «Dabei geht es nicht um Wertungen, nicht darum, ob ein Baum jetzt schön ist oder ob eine Blume gut riecht. Nicht zu werten, fällt uns schwer.»
Als wir eine kurze Zeit später nach einigen Atemübungen am Ufer eines kleinen Baches, der Luppmen, sitzen, und die tanzenden Libellen beobachten, habe ich das Gefühl, im «Shinrin Yoku» angekommen zu sein.
Kommunikation unter Bäumen
Wir bleiben lange sitzen, ohne zu sprechen. Ich schliesse die Augen und höre dem Plätschern des Wassers zu. Aber nein, es ist nicht einfach ein Plätschern, es ist ein Konzert aus unzähligen Tönen des Wassers, die sich zu einem grossen Orchester zusammenschliessen. Und das Bellen der Hunde in der Ferne zieht ein Echo nach sich, das ich mit offenen Augen noch nicht wahrgenommen hatte. Als ich die Augen wieder öffne, fällt mir auf, dass das Licht, das sich auf der Wasserfläche spiegelt und an das Blätterdach über unseren Köpfen geworfen wird, schon weiter gewandert ist. Sich bewusst auf neue Erfahrungen einzulassen, fällt einfacher, wenn man angeleitet wird.
Den Wald bewusst wahrzunehmen, sei jedoch nur eine Komponente – die Aufnahme der Terpene, die von den Bäumen ausgeschüttet werden, die andere. «Das sind Duftstoffe, mit denen die Bäume kommunizieren», sagt Zoë D. Lorek. «Einige davon haben eine anti-kanzerogene und immunstärkende Wirkung.» Da sich im Sommer besonders viele Terpene in der Luft befinden, sei dies die beste Jahreszeit, um Waldbaden zu erleben. «Ich bin keine Biologin, aber wenn man einmal beginnt, sich mit solchen Themen auseinander zu setzen, dann öffnet sich einem eine extrem spannende Welt.»
Die Rückkehr fällt schwer
Gerne würde ich noch länger hier sitzen bleiben, dem Treiben der Insekten und Fischen im Bach weiter zusehen. Nur schon daran zu denken, dass ich bald wieder zurück im Büro sein werde, ist komisch.
«Doch öpis gfallt mer bsunders guet, wänns i de Tanne ruusche tuet und s Eichörnli drin still versteckt sis Näsli füre streckt.» Bevor ich mich ins heisse Auto setze, um den Rückweg anzutreten, nehme ich mir vor, mich bei meinem nächsten Waldbesuch mehr auf mein geliebtes Kinderlied zu besinnen. Vielleicht klappts dann auch mit dem Eichörnchen.
Waldbaden – «Shinrin Yoku»
In Japan wird Shinrin Yoku seit 1982 vom staatlichen Gesundheitswesen gefördert. Seit 1990 werden in Experimenten die physiologischen Auswirkungen des Waldbadens untersucht. Die Forscher konnten unter anderem nachweisen, dass die Gerüche im Wald zu Entspannung führen. Weitere Informationen zu Waldbaden und den Kursen von Zoë D. Lorek unter www.waldbaden.institute.
