Auf digitaler Schnitzeljagd
Eigentlich hatte ich mir das alles etwas anders vorgestellt. Ich hätte sogar beinahe einen Piratenhut gekauft, um mich stilecht der Entdeckung der unzähligen Schätze auf meinem Weg zu widmen. Aber Geocaching ist doch etwas schwieriger, als ich angenommen hatte. Vor fast 20 Jahren, als das Geocaching aufkam, brauchte es dafür noch ein teures GPS-Gerät. Heute reicht ein Smartphone. Mit diesem macht man sich auf die Schnitzeljagd, um diverse Verstecke aufzuspüren. Eine App leitet dabei den Weg. Doch all diese technischen Hilfsmittel garantieren noch keinen Erfolg.
Caches sind «Schätze», die auf der ganzen Welt von Geocachern versteckt werden. Dabei handelt es sich normalerweise um einen wasserdichten Behälter, in dem sich ein Logbuch befindet, wo sich der Finder eintragen kann. Die Caches werden dann per App mithilfe eines GPS-Signales gesucht und gefunden.
In meinem Bekanntenkreis ploppte der Begriff Geocaching in den letzten Wochen immer öfter auf. Ich wollte wissen, was dahinter steckt und wieviel vom Boom von damals noch übrig ist. Beim Orientierungslauf früher in der Schule war ich zwar langsam, aber gefunden habe ich die Posten noch immer.
Bewaffnet mit meinem eigenen Smartphone und meinem Ehemann mache ich mich an einem Sonntag auf den Weg nach Pfäffikon. Heimspiel, denke ich. Der erste Cache, den wir uns vornehmen, ist am Bahnhof versteckt. Schwierigkeitsgrad: Leicht. Ein sanfter Einstieg also.
Noch haben wir die Geocaching-App nicht ganz im Griff. In einem Gästebuch ist angezeigt, wer den Cache wann gefunden hat. In den letzten drei Wochen war wohl niemand hier, weiter zurück doch rund zwei Personen pro Monat – eine eindrückliche Statistik, wurde der Cache doch bereits vor acht Jahren hier versteckt. Zwar gibt es eine interaktive Karte, die einem angeblich die genaue Distanz zum Cache anzeigt, doch diese zeigt im Sekundentakt verschiedene Meterzahlen an.
Wir suchen und suchen. Aus den Beschreibungen zum Geheimversteck werden wir nicht wirklich schlau. Die anfängliche Euphorie verschwindet langsam in einer Mischung von Überhitzung und Resignation. Da die Sommersonne rücksichtslos auf uns niederbrennt, geben wir uns geschlagen. Wirklich lustig ist das bisher nicht. Also noch ein Versuch.
Am Seequai werden wir schliesslich fündig. «Wetterstation Pfäffikon» heisst der Cache – da brauchen eingefleischte Pfäffiker wohl keine GPS-Angaben, um die Wettersäule ausfindig zu machen. Das Büchsli mit der Rolle, auf der wir uns in die Liste der über 800 erfolgreichen Entdecker einschreiben dürfen, ist schnell gefunden. Und der Wille, weiter auf Schatzsuche zu gehen, ist zurück.
Um der Hitze zu entfliehen, setzen wir uns aber ins Auto und fahren nach Fehraltorf, um unser Glück im kühlen Wald zu versuchen. Noch immer scheinen das Navi und ich uns nicht richtig angefreundet zu haben. Kaum bewege ich mich drei Meter in die angegebene Richtung zum Ziel, heisst es, ich müsse fünf Meter in die andere. Nach einigem Hin und Her wende ich den Blick vom Bildschirm, um auf eigene Faust in meiner Umgebung nach geeigneten Verstecken zu suchen.
Zu meinen Füssen befindet sich der Eingang zu einem Fuchsbau. Doch da stecke ich meine Hand sicher nicht einfach so rein. Als ich mich nach einem prüfenden Blick in die Höhle wieder aufrichte, fällt mein Augenmerk auf einen Zapfen, der in einer Astgabel festhängt – und zwar nicht so, als wäre er dort per Zufall gelandet.
Unter dem Zapfen versteckt sich eine kleine Kapsel, in der sich eine Papierrolle befindet, beschrieben mit Dutzenden anderen Findern. Nun wünsche ich mir doch wieder den Piratenhut zurück, denn auch die folgenden Verstecke finden wir jeweils nach nur kurzem Suchen. Die Erfolge tragen wir jeweils auch in der App im Logbuch ein.
Unbewusst sind wir auf einem Geocache-Märli-Wanderweg gelandet, die Caches sind in Gartenzwergen mit Namen wie Max, Paul oder Fredi versteckt. Im Brombeerdickicht wird das spinnende Navi allerdings immer mehr zur Pein – doch auch die Zwerge befinden sich teilweise in misslichen Lagen. So etwa «Franz», der als Ameisenwohnung herhalten muss, oder «Heiri», der unter einem Dutzend Tannzapfen beerdigt ist. Nach acht gefundenen Caches erklären wir unsere erste Jagd für beendet.
Ich bin beeindruckt, dass es scheinbar zahlreiche Personen gibt, welche «ihre» Geocaches auch Jahre nach dem Verstecken weiterhin betreuen und die Papierlisten, auf denen man sich eintragen kann, regelmässig ersetzen. Gleichzeitig staune ich einmal mehr, wie viel Unbekanntes sich in meinem Alltag verbirgt und das es zu entdecken gibt.
Am Bahnhof Pfäffikon habe ich mein Glück seit diesem Tag erneut versucht. Ohne Erfolg. Ein bisschen Trost finde ich im Online-Logbuch. Seit unserem Besuch wurde der Cache von niemand anderem gefunden. Vielleicht existiert er gar nicht mehr? Ich werde es weiter probieren und bestimmt bald wieder auf grosse Schatzsuche gehen. Und das alles, obwohl ich einen Tag nach meinem ersten Geocaching-Abenteuer noch etwas ganz anderes entdeckt hatte: Eine Zecke auf meinem Bein.
