Wetziker Unternehmung umgarnt den Weltmarkt
Um die Qualität eines mit 120 Kilometern pro Stunde vorbeirauschenden Garnfadens zu kontrollieren, braucht es vor allem eines: ein sehr gutes Auge. Freilich kein menschliches, sondern einen Sensor. Genauer gesagt den von der Gebrüder Loepfe AG erfundenen optoelektronischen Garnreiniger. An diesem führt für einen Faden bei rund der Hälfte aller modernen Web- oder Spinnmaschinen auf der Welt kein Weg vorbei.
Die Wetziker Gebrüder Loepfe AG – heute ein Tochterunternehmen der italienischen Savio Macchine Tessili S.p.A. – wurde 1955 zu einer Zeit gegründet, als das Zürcher Oberland noch eine Textilregion war. Heute sind Textil-Rohstoffe und -Produktionen fast nur noch in fernen Ländern zu finden. Der weltweite Bedarf an Systemen zur Qualitätssicherung wird hingegen vollumfänglich vom Zürcher Oberland aus gedeckt. Der kürzlich vollendete Neubau soll die Entwicklung weiter vorantreiben.
Immer schneller und exakter
In einem Testraum der Gebrüder Loepfe AG wird das High-Tech-Produkt nochmals überprüft. Tatsächlich verstummt das laute Rattern der Garnspulen von Zeit zu Zeit und der Faden wird zurückgespult. Augenblicklich wird die fehlerhafte Stelle herausgeschnitten und das Garn neu verzwirnt.
«Die Anforderungen an den Garnreiniger sind in allen Bereichen gestiegen.»
Daniel Link, CEO Gebrüder Loepfe AG
Ein Faden kann viele Fehler haben: Er kann zu dick oder zu dünn sein; er kann Knoten, Faserflusen oder Plastikteile vom Baumwollfeld enthalten oder einen Farbfehler aufweisen. Diese Unregelmässigkeiten sind im fertigen Stoff sichtbar und daher unerwünscht.
«Die Anforderungen an den Garnreiniger sind in allen Bereichen gestiegen», sagt Daniel Link, seit 2018 CEO der Gebrüder Loepfe AG. Musste etwa bei den Farbfehlern früher nur Schwarz auf Weiss entdeckt werden, so kann der Sensor inzwischen mittels dreier verschiedener Lichter bereits kleinste Farbabweichungen finden. Ausserdem arbeitet der optoelektronische Garnreiniger immer exakter – mittlerweile auf drei Millimeter genau.
Fast eine halbe Million Messungen pro Sekunde führt das Prüfsystem durch. Das Wetziker Unternehmen mit seinen rund 140 Mitarbeitern vereint in einem Laborsystem verschiedene Prüfverfahren, deren Ergebnisse analysiert werden können. «Auch bei uns geht der Trend zu immer grösseren Datenmengen. So können Fehler vorhergesehen und die Maschine entsprechend gesteuert werden», erklärt Link.
Zwei Weltmarktführer
Für die 10’000 pro Monat produzierten Garnreiniger findet sich in der Schweiz kein Abnehmer. Es gibt vereinzelt Käufer in Deutschland, Italien und Österreich; drei Viertel der Kundschaft stammt jedoch aus China und Indien. Den Grossteil der Geschäfte wickelt die Gebrüder Loepfe AG direkt mit den Maschinenherstellern ab, wobei die Spinnereien in der Regel selbst wählen, von wem der eingebaute Garnreiniger stammen soll. «Das heisst, dass wir unter dem Strich den Endkunden überzeugen müssen», so CEO Link.
«Es ist wirklich lustig, dass wir den Weltmarkt mit einem Unternehmen teilen, das nur ein paar Kilometer von uns entfernt ist.»
Daniel Link
Im Kampf um die Gunst der Textilproduzenten müssen die Wetziker nur einen Konkurrenten ausstechen: Uster Technologies. «Es ist wirklich lustig, dass wir den Weltmarkt mit einem Unternehmen teilen, das nur ein paar Kilometer von uns entfernt ist», sagt Link. Uster Technologies hat noch weitere Tätigkeitsbereiche und ist mit rund 600 Mitarbeitern fast viermal grösser. Bezüglich Garnreiniger sei der Marktanteil jedoch etwa 50 zu 50 aufgeteilt – was dazu führt, dass sich gleich beide Oberländer Firmen auf ihrer Website «Weltmarktführer» nennen.
Für Link ist klar: Der Unterschied zur Ustermer Konkurrenz muss über technische Innovation erreicht werden, weshalb im Zuge des Neubaus auch in zusätzliche Labors investiert wurde.
Alles unter einem Dach
Bisher war die Gebrüder Loepfe AG an der Kemptner Kastellstrasse mit zwei Gebäuden vertreten. «Diese waren jedoch ungünstig zueinander positioniert», erklärt Link. Eines der Gebäude wurde deshalb an einen Nachbarn verkauft und das andere auf insgesamt 2’500 Quadratmeter aufgestockt. «So entstand ein moderner und ökologischer Neubau für 60 Büroarbeitsplätze, Labors, eine Cafeteria und den Empfang», so der CEO weiter. Dies mitunter als Zeichen, dass das Unternehmen an das Zürcher Oberland als starken Technologie- und Werkplatz glaube.
Warum produziert die Firma nicht wie die Textilindustrie günstig im Ausland? Für Link ist diese Frage falsch gestellt: «Im Ausland wäre es überhaupt nicht günstiger.» Elektronikteile seien auf der ganzen Welt gleich teuer. Ausserdem sei der Produktionsprozess hochautomatisiert, erklärt Link. «Mit dem Neubau haben wir eine optimale Grundlage geschaffen: Entwicklung, Produktion und Kundendienst unter einem einzigen Dach.»
(Silvan Hess)
