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Politik

Zwischenräume

«Mut zur Lücke» heisst ein Buch über ausgefallene Zähne. Für Kolumnist Guy A. Lang können Lücken aber durchaus auch etwas Gutes haben.

«Mut zur Lücke» – ein schöner Buchtitel. Nicht? Ich habe ihn im Wartezimmer meines Zahnarztes gesehen, im Buch geblättert und schon war er nicht mehr schön. Es geht um die Geschichte der ausgefallenen Zähne und den Flickmethoden im Lauf der Zeit. Ich habe das Buch dann weggelegt und hoffte, mein Zahnarzt würde in meinem Mund keine Lücke hinterlassen. Sonst geht es mir im Spiegel wie in dem Gedicht von Morgenstern:

«Es war einmal ein Lattenzaun
mit Zwischenraum, hindurchzuschaun…». 

Lücken sind Leerräume und durchaus nicht immer negativ. Es sind jedoch immer Stellen, die in irgendeiner Art gefüllt werden wollen. Zum Beispiel Parklücken. Sie sind – besonders in Städten – oft ein Geschenk für den eiligen Autofahrer. Doch sie zu füllen, geht manchmal nicht ohne Blechschaden vonstatten. Und wenn sie gefüllt sind, tickt die Parkuhr und man fühlt, wie das Geld rasend schnell aus der Tasche rollt. Da haben es Lücken im Blumenbeet besser. Diese kann man einfach mit Pflanzen, einer Blume, einem Busch oder Baum auffüllen. Das braucht zwar eine Zeit bis es angewachsen ist, aber dann ist die Lücke weg.

Etwas problematischer ist es mit Wissenslücken. Besonders bei solchen, die in der Schulzeit vor Urzeiten mal gefüllt gewesen sind und jetzt einfach klaffen, weil das Füllmaterial vergessen gegangen ist. Ich denke da an gewisse Rechenaufgaben oder an den Fremdsprachen-Wortschatz. Was ist eine Lücke eigentlich, die einstmals gefüllt gewesen ist? Ist dort nichts mehr oder ist es nur verschüttet? Und ist es noch eine Wissenslücke oder einfach ein Gedächtnisloch? Gibt es einen Unterschied?

Ich denke, dieses Problem müsste ein Philosoph angehen. Als Schreiber weiss ich nur, dass die Lücken in einem Text auch ihr Gutes haben. Denn was nicht geschrieben ist, stösst nicht auf Unverständnis oder Widerstand. Es kann nicht missverstanden werden und auch nicht falsch gelesen. Denn es ist ja eine Leerstelle.

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Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

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