Nach bestandener Prüfung in den Brunnen geworfen
Tropfnass taucht Valeria Hollenstein aus dem kalten Wasser auf: Sie wurde soeben gegautscht, das heisst, ihre Arbeitskollegen haben sie aus dem Büro zum Brunnen vor dem Haupteingang der Media-Center Uster AG getragen, wo sie nach Abschluss einer kurzen Zeremonie mit einem schwungvollen Wurf im Brunnen landete – da nützte auch die vehemente Gegenwehr der Winterthurerin nichts.
Früher wurde es richtig teuer
Dieser Buchdruckerbrauch geht bis ins 16. Jahrhundert zurück. Mit der Zeremonie werden angehende Polygrafen, Offset- und Buchdrucker getauft, die ihre Lehrabschlussprüfung bestanden haben. Gelegentlich wird das Gautschen auch als symbolische Massnahme betrachtet, um die schlechten Gewohnheiten aus der Lehrzeit abzuwaschen. «In unserer Branche hat der Brauch noch immer eine grosse Bedeutung», sagt Geschäftsführer Marcel Rieder.
Viel sanfter als damals geht es heute nicht zu und her, die «Gäutschlinge» kommen aber um einiges günstiger davon. Denn bis weit ins 20. Jahrhundert hinein mussten sie das Gautschfest selber berappen – da ging auch schon mal der erste Monatslohn der frisch ausgelernten Berufsleute drauf.
Im Ungewissen – aber vorbereitet
Die Zeremonie beginnt mit der Rede des Gautschmeisters. Diese Rolle übernimmt Rieder gleich selbst, stilecht mit Zylinder auf dem Kopf. Die angehende Polygrafin sitzt derweil auf einem nassen Schwamm und wird mit kaltem Wasser übergossen. «Packt an!», ruft der Gautschmeister, und die drei Arbeitskollegen packen noch fester zu. «Lasst jetzt ihren corpus posteriorum fallen auf diesen nassen Schwamm, bis triefen beyde Ballen. Der durstigen Seel ein Sturzbad gebet obendrauff. Das ist der Jüngerin Gutenbergs die allerbeste Tauf!» Darauf folgt das befohlene Tauchbad.
«Der Brunnen vor unserem Firmengebäude wurde extra für die Gautscheten angefertigt.»
Marcel Rieder, Gautschmeister
Am Ende händigt er seiner Lehrtochter den Gautschbrief aus, unterschrieben von den «Packern», dem «Schwammhalter» und anderen Zeugen. «Der Brunnen vor unserem Firmengebäude wurde extra für die Gautscheten angefertigt», sagt Rieder.
Die Gäutschlinge wissen nicht, an welchem Tag die Taufe stattfindet. Auch Valeria wurde überrascht: «Ich bin seit eineinhalb Wochen immer auf der Hut, wenn die Bürotüre aufgeht. Aber heute, am Tag nach der Diplomfeier, habe ich wirklich nicht damit gerechnet, im Brunnen zu landen», sagt sie. Trotzdem war Valeria vorbereitet: «Seit Ende meiner Abschlussprüfung habe ich für den Fall der Fälle Ersatzkleider bereit.»

