Nun ist er da, der lang ersehnte Sommer. Aber ‹so heiss wie heute war es noch nie›, klage ich niedergeschlagen. Mein Mann lacht, denk an die vielen Jahre in Afrika. «Dort hast du fast nie geklagt». Das stimmt, denke ich und muss auch lachen. Von 1967 bis 1974 lebten wir in Nigeria. Ich erinnere mich, wie ich einmal nach einer angenehmen Nacht aufgestanden bin und nach draussen ging. Am Boden vor unserer Haustür erblickte ich unser schlotterndes Nachbarsmädchen. «Was ist mit dir bloss los?», fragte ich klein Mba. «Mir ist kalt», jammerte sie zitternd. «Aber hast du denn keine Decke mehr?» «Nein», antwortete sie, «die andern haben sie genommen». ‹Eigentlich merkwürdig›, dachte ich, ‹vorher lagen Decken und Tücher herum, um die sich niemand kümmerte und jetzt sind alle verschwunden›. Bestimmt hatten sich die Männer alle um den eigenen Bauch gebunden und vergessen, dass die Frauen und Kinder frieren würden bei 17 Grad.
Seither denke ich , dass es eigentlich gut eingerichtet ist, dass es in den armen afrikanischen Ländern, wo es warm ist, nicht so viele Kleider braucht. Die Menschen können sich mit den farbigen Tüchern einhüllen, die recht billig zu kaufen sind. Allerdings brachten die Textilien dort auch Probleme mit sich. Die Leute waren sich einst gewohnt «nackt» herumzulaufen. Mit Kleidern kamen sie erst mit dem Eindringen der «Zivilisation» in Berührung. Als wir in Afrika waren, hatten sie dort noch keine Ahnung von Textilpflege, wie die Kleider gewaschen und gebügelt werden sollten. So wurden sie getragen bis zum geht-nicht-mehr. Nicht selten siedelten sich dann hunderte von Läusen in den Nähten an und führten unter Umständen zu Krankheiten. Das war bei uns im Mittelalter ebenso der Fall. Schliesslich hat dann eine Entwicklung des Kleidermachens eingesetzt bis hin zur Haute Couture, wo es nicht mehr nur um Körperbedeckung oder Wärmen ging, sondern um Ansehen und gesellschaftlichen Stand.
Heutzutage hat sich wieder einiges geändert. Die Leute scheinen sich weniger um gepflegte Bekleidung zu kümmern und wagen sich mit zerrissenen Jeans und geflickten Kleidern auf die Strasse. Ja, es ist sogar «in». Alte geflickte Kleider sind ajour und manch einer oder eine schneiden absichtlich Löcher in die Knie oder fransen den Stoff aus. Mein Mann zum Beispiel will sich unter keinen Umständen von seinen 30-jährigen Jeans trennen, an denen nur noch bunte Flicken zu sehen sind. Immer wieder findet er eine Stelle, wo er noch irgendeinen Flick draufkleben kann. Bis jetzt sind es gegen die 40. Allerdings braucht er diese Hose nur für die Gartenarbeit, aber er hängt daran.
Eigentlich ist diese Mode doch ganz praktisch und billig. Es würde mich sehr interessieren, wie weit sich unsere afrikanischen Freunde die letzten 50 Jahre in der Kleiderkultur entwickelt haben. Damals hatten sie selbst angefangen, alte Kleider aufzumöbeln. Sie verwendeten jede Art von Textilien, denen sie habhaft werden konnten. Mein altes Nachthemd zum Beispiel war so kaputt, dass ich es als Putzlappen auf die Seite legte. An einem Sonntag, als wir die einheimische Kirche besuchten, merkte ich, wie mein Mann zum Eingang starrte und eine Frau fixierte, welche das Gebäude betrat. Mit sichtlichem Stolz trug sie mein altes, verblichenes Nachthemd, das sie vorher notdürftig zusammengeflickt hatte. Auch für diese Menschen, die sich vor dem Einfall der westlichen Zivilisation mit Blättern vom Baum schmückten, ist das Tragen von Kleidern zum Statussymbol geworden.
Heute haben wir kein Problem, uns auch mit wenig Geld schön und attraktiv zu kleiden. Die Auswahl ist riesig, so auch der Konkurrenzkampf unter den Herstellern und Händlern. Doch was billig ist, schmeisst man auch leichtfertig wieder weg. Glücklicherweise gibt es Organisationen, welche diese weggeworfenen Kleider sammeln und die brauchbaren Stücke in jene Länder schicken, die sich in weniger vorteilhafter Lage befinden. Egal, was man von solchen Aktionen hält, ich finde das sinnvoll. Ich habe damals selbst beobachtet, wie in Jalingo, einem Ort im Osten von Nigeria, ein Lastwagen auf den Marktplatz fuhr und einen riesigen Berg von gesammelten Kleidern ablud. Die Menschen rissen sich um jedes einzelne Teil und bezahlten dafür einen kleinen Betrag. Hier, scheint mir, wird die viel diskutierte «gerechte Verteilung» der Güter in der Welt zu einem kleinen Teil realisiert. Uns selber befreit sie vom schlechten Gewissen, etwas Brauchbares weggeschmissen zu haben – für die andern bedeutet es doch eine wirkliche Hilfe in ihrem sonst so kargen Leben. Ruth Krüsi

