Versinkt das gedruckte Wort in der Bedeutungslosigkeit und wird von der elektronischen Springflut weggeschwemmt? Wer heute mit der Bahn unterwegs ist und all die Reisenden beim Starren auf das Handy-Display betrachtet, gewinnt zwangsläufig diesen Eindruck. Doch vielleicht naht Rettung dank neuer Kommunikationstechnologien respektive deren Umsetzung und Kommerzialisierung. Das jedenfalls ging mir durch den Kopf, als ich kürzlich meine über 5000 Bücher umfassende Bibliothek durchpflügte und dabei auf einen kritischen Kommentar stiess, den ich 1991, also vor fast 30 Jahren, publizierte.
Aufhänger war eine Zeitungsmeldung, die mich damals aufhorchen liess. Dabei ging es um einen in Frankreich erschienenen Roman, in dem die in der Handlung vorkommenden Figuren oder Einrichtungen für ihre Nennung bezahlt haben. Eine «Aktie» für eine Rolle in der Geschichte «Les Baskets d’Euripide» kostete seinerzeit rund 25 Franken – schon damals ein Pappenstiel. Dabei war von untergeordneter Bedeutung, dass sich die Romangeschichte um die Abenteuer einer geheimnisvollen Gnomen- und Zwergenkultur in den Höhlen von Paris dreht. Wichtig waren vielmehr jene, die sich selber zu Romanhelden berufen fühlten: zahlreiche Künstler, Journalisten, ein privater Fernsehkanal, eine Zeitschrift, ein Supermarkt, eine Werbeagentur, die Universität von Besançon(!), aber auch unbekannte Bürger machten vom Angebot der beiden Autoren Mario Morosi und Guy Frenet Gebrauch, sich namentlich in die Romanhandlung einzukaufen. Laut Nachrichtenagentur wollten die erwähnten Schriftsteller «Leute zueinander bringen, die sich nicht kannten, und jene, die viel Geld haben, mit jenen in Verbindung bringen, die voller Ideen stecken.»
Seit dieser famosen Marketingidee hat sich die Kommunikation revolutioniert und damit die einst festgefügte Landschaft dramatisch umgepflügt. Und heute, wie beim Erscheinen dieses Buches vor dreissig Jahren, stellt sich die Frage, wie weit das elektronische oder gedruckte Wort eigentlich gehen kann, ohne sich zu korrumpieren. Der Grundauftrag der objektiven Aufklärung würde verraten. Denn wer Schlagzeilen machen will, soll in die Politik einsteigen oder Inserate aufgeben. Dass die Prahlsucht sich auch in Buchdeckel klemmen lässt, ist zwar nicht neu, aber die Art und Weise, wie zwei clevere Schriftsteller sich der menschlichen Blufferei und Renommiersucht bedienten und daraus ein Geschäft machten, ist doch bemerkenswert.
Heute dank allen Fortschritten und zusätzlichen Möglichkeiten könnte man sich – vorausgesetzt, man funktioniere mit der gleichen Unverfrorenheit – auch vorstellen, wie der Fortsetzungsroman abläuft. Dann wäre denkbar, dass Bundespräsident Ueli Maurer als geliebter König des erwähnten Gnomen- und Zwergenvolks erscheint; eine dankbare Rolle für den «Präsident of Switzerland». Weitere Möglichkeiten: Ein Radiohörspiel berichtet vom wundersamen Treiben unserer Regierung, während eine TV-Seifenoper Donald Trump Kränzchen um Kränzchen windet – alles «selbstverständlich» bezahlt aus der jeweiligen Staatsschatulle. Lukrative Märkte würden erschlossen; der Buchmarkt dürfte überschwemmt werden mit zahllosen Neueditionen und so die bedrängte Druckbranche in eine neue Zukunft führen. Auch zu historisch gewachsenen Printkonzernen gehörende Radio- und TV-Stationen könnten die Renaissance beflügeln.
Vor allem aber dürften all jene aktiv werden, die sich aufgrund ihrer Identität an den Rand gedrängt fühlen, wobei alle möglichen Identitäten das Zeug zur Opferrolle haben, gehe es nun um Rasse, Geschlecht, sexuelle Orientierung, religiöse Zugehörigkeit, Parteibuch, « toxische Männlichkeit» und andere Schlagworte. Hauptsache, man kann das Interesse der Allgemeinheit auf das eigene Universum lenken und dieses als Mass aller Dinge deklarieren. Und wehe, jemand meldet Vorbehalte an und verlangt eine von Partikularinteressen losgelöste Sicht der Dinge. Denn wenn Einzelakteure die Aufmerksamkeitsökonomie in gezielte Bahnen lenken, torpedieren sie den Gemeinschaftssinn und führen die Gesellschaft letztlich in die Irre.

