Gehorsames Streiken in Wetzikon
Am 14. Juni 1991 fand der erste landesweite Frauenstreiktag statt. Die grösste Kundgebung in der Region mit anschliessendem Protestmarsch wurde in Wetzikon abgehalten. Wie der «Zürcher Oberländer» einen Tag später schrieb, zogen rund 200 Frauen «lärmend vom Oberland-Märt durch die Wetziker Bahnhofstrasse zur Kulturfabrik, um für die tatsächliche Gleichstellung von Mann und Frau zu demonstrieren».
Auf eine Ansprache von Tiziana Mona, der damaligen Präsidentin des Syndikats Schweizerischer Medienschaffender auf dem Oberland-Märt-Platz, folgte die Demonstration. «Mann, lass das Herrschen sein, stell dir vor, du wärst allein» oder «Ich will AHV für die Kinderjahre» waren Sprüche, die auf Transparenten unter Gesang und dem Lärm von Rasseln und Pfannendeckeln, durch die Stadt getragen wurden.
Verschiedene Reaktionen
Der Umzug war zwar vom Gemeinderat bewilligt worden, doch die Kantonspolizei hatte kein grünes Licht für die Benutzung der Strassen gegeben. Darum hielten sich die rund 200 Frauen und vereinzelten Männer, die aus dem ganzen Oberland nach Wetzikon gekommen waren, brav auf den Trottoirs auf und überquerten «sämtliche Fussgängerstreifen» wie es im Artikel heisst.
«Das ist ja Sexismus!»
Mann im Spital Uster 1991
Dies führte dazu, dass der Verkehr teilweise minutenlang still stand. «Manche nahmen die kurze Unterbrechung ihrer Fahrt eher gelassen hin, andere verloren die Geduld und fuhren mit ihren Fahrzeugen bedrohlich nahe an die Fussgängerinnen heran.» Ein Autolenker habe vor lauter Wut den Demonstrantinnen eine Zeitung nachgeworfen.
«Das ist ja Sexismus!»
Währenddessen überreichten FDP-Frauen jeder arbeitenden Frau im Spital Uster ein Rose. Sie kamen ins Spital, «weil sich hier die Frauen aus ethischen Gründen einen Streik nicht leisten können und, wie sie sagen, in sozialen Berufen noch immer die grössten Lasten auf Frauenschultern liegen». Dabei ging jedoch nicht alles glatt. Eine Angestellte habe keine Rose gewollt und ein Mann habe sich geärgert, weil er keine Blume bekam: «Das ist ja Sexismus!»
Eine weitere Gruppe hatte den Spital ebenfalls besucht, setzte jedoch auf Worte statt Blumen. Heidi Witzig aus Uster, ehemalige SP-Gemeinderätin, Schriftstellerin und Historikerin, sprach zu einer Gruppe von rund 70 Frauen, die sich im Garten versammelt hatten. Das Referat wurde per Lautsprecher übertragen, damit die Patienten über das offene Fenster mithören konnten.
Singend, spielend oder im Liegestuhl
Witzig kritisierte in ihrer Ansprache die Zustände in typischen Frauenberufen und plädierte für eine Welt, «in der sich Männer und Frauen gerade in die Augen schauen können, nicht von oben nach unten». Nicht nur Frauen müssten in die Welt der Männer eindringen, auch die Männer in die Frauenwelt.
«Wir sind privilegiert und können uns einen kurzen Streik leisten, andere Frauen müssten Angst um ihre Stelle haben.»
Ustermer Demonstrantinnen 1991
Am Nachmittag folgt die zweite Rede von Heidi Witzig auf dem Ustermer Stadthausplatz, wo es sich zahlreiche Frauen – zum Teil sogar in Liegestühlen – bequem gemacht hatten. Gleichzeitig formierte sich bei der Gärtnerei im Wagerenhof ein Zug von Frauen mit Transparenten. «Singend und spielend ziehen sie quer durchs Areal und lassen sich auf dem Rasen nieder, bevor sie den arbeitenden Frauen, hauptsächlich Putz- und Küchenfrauen, Kaffee anbieten», heisst es im ZO-Artikel. «Wir sind privilegiert und können uns einen kurzen Streik leisten, andere Frauen müssten Angst um ihre Stelle haben», erklärten sie.
15‘000 Frauen in Zürich
Einige Seiten weiter vorne im Blatt ziehen die Zürcherinnen Bilanz. Nach Schätzungen des Streikkomitees hatten rund 15‘000 Frauen an der Frauenstreikkundgebung auf dem Helvetiaplatz teilgenommen. Als «hocherfreulich» bezeichnete Ursula Urech von der Streikkoordination das grosse Echo des Streiks. Und obwohl es zu zahlreichen effektiven Arbeitniederlegungen gekommen sei, würden sich wohl ein nächstes Mal viele Frauen nicht mehr so leicht einschüchtern lassen.
