Über mir verschwindet langsam die Sonne, unter mir tut sich ein schwarzer Abgrund auf. Die schmale Leiter, auf der ich immer weiter nach unten klettere, ist plötzlich fertig. Mein Fuss baumelt in der Leere. «Einfach loslassen. Es ist nicht mehr weit», höre ich eine Stimme von unten. Der Schacht ist jedoch zu schmal, um nachsehen zu können, was mich dort genau erwartet. Nach kurzem Zögern folge ich der Aufforderung, löse mich von den Sprossen und plumpse in die Dunkelheit.
«Bitte nicht in den frischen Mörtel treten.»
Marcel Kürbis, verantwortlicher Polier
Ich lande dort, wo sonst literweise Abwasser fliesst: im Mischwasserkanal an der Kempttalstrasse in Illnau. Dieser ist in die Jahre gekommen und wird aktuell saniert (siehe Box). Die Stimme, die mich aufforderte, die Leiter loszulassen, gehört Marcel Kürbis. Er ist Polier und verantwortlich für die Sanierungsarbeiten. «Na, war doch ganz easy», sagt er zur Begrüssung. Und fügt an: «Bitte nicht in den frischen Mörtel treten. Wir wollen keine Abdrücke.»
Dankbar für den Schutzanzug
Eng, kalt und stinkend – so hätte ich den Mischwasserkanal wohl beschrieben, wenn man mich vor der Begehung gefragt hätte. Die Realität sieht jedoch anders aus. Tatsächlich kann ich mich mit einen 1,62 Metern fast aufrecht darin fortbewegen – ohne dass ich das Gefühl habe, erdrückt zu werden. Mit einer Höhe von 1,50 Metern, eine Breite von 1,30 Metern und einer Länge von 500 Metern handelt es sich um den grössten begehbaren Kanal von Illnau-Effretikon. Trotzdem bin ich froh, in einem Ganzkörper-Schutzanzug zu stecken. Immer wieder streife ich die dreckigen Wände oder komme an einem Rohr an.

