Entspannung für akrobatische Origami-Vögelchen
Ich bin eine Raupe. Mein Kokon schmiegt sich an meinen Körper, es ist kuschelig warm. Ich möchte noch lange nicht schlüpfen. «Atmen nicht vergessen!» Eine Stimme unterbricht meinen Tagtraum. Mist, schon wieder habe ich die Luft angehalten. So wird das nichts mit der Verpuppung. Zwar noch nicht ganz zum Schmetterling herangereift, strecke ich meinen Kopf aus dem Tuch, in das ich eingewickelt bin.
Ich befinde mich im Yogastudio «Yogamoveraum» von Zoë Lorek in Pfäffikon. Hier gibt sie seit vier Jahren verschiedene Yogakurse. Doch statt auf einer Matte auf dem Boden finden die Lektionen bei ihr oft in der Luft statt.
«Aerial Yoga» ist ein Trend, der in den letzten Jahren den Weg aus den Vereinigten Staaten in die Schweiz gefunden hat. Dabei werden die Übungen mit der Hilfe eines grossen, elastischen Tuches, das von der Decke hängt, ausgeführt. «Aerial Yoga ist eine Mischung aus Akrobatik und klassischem Yoga», sagt Lorek.
Nach einigen Übungen am Boden, um mich mit dem Tuch anzufreunden, geht es bereits in die Höhe. Ich habe mir angewöhnt, die Luft anzuhalten, wenn ich mich konzentriere. Doch Lorek merkt es jedes Mal. «Immer weiteratmen», höre ich wieder und wieder. Bald hänge ich wie im Schneidersitz im Tuch. Das leichte Schaukeln fühlt sich wunderbar an. Das «Highlight» beim Aerial Yoga sei die Umkehrhaltung, sagt Lorek. Dabei wickelt man sich derart im Tuch ein, dass man schliesslich kopfüber hängt. Aus meiner Schneidersitzposition kann ich mich einfach leicht nach vorne beugen, und schon kippt es mich langsam.
Wo ist aussen, wenn die Welt plötzlich Kopf steht?
Als ich mich für die Yogastunde angemeldet hatte, fragte mich Zoë Lorek gründlich danach aus, ob ich irgendwelche gesundheitlichen Beeinträchtigungen mitbringe. Denn genau diese Umkehrhaltung berge auch Risiken. «Vielen wird es schnell schwindlig oder gar übel, wenn sie kopfüber hängen», erklärt Lorek. Vor allem Kreislaufprobleme und zu tiefer Blutdruck können negative Auswirkungen auf die für den Körper ungewohnte Haltung haben. «Auch bei starkem Übergewicht kann es zu unangenehmen Situationen kommen», sagt die Yogalehrerin. Denn werde das Tuch für bestimmte Übungen gerafft, schneide es dann womöglich ins Bindegewebe ein.
Mut für die Rückwärtsrolle
Zum Glück gehöre ich zu keiner dieser Risikogruppen. Dennoch habe ich in dieser ungewohnten Position bald das Gefühl, mein Kopf fülle sich langsam etwas zu sehr mit Blut. Sich wieder aus der Stellung zu befreien, ist aber im ersten Moment gar nicht so einfach. «Mit den Händen nach dem Tuch greifen, Ellbogen nach aussen und hochziehen», lautet die Anweisung. Doch wo ist aussen, wenn die Welt plötzlich Kopf steht? Mit etwas Unterstützung schaffe ich es wieder in die Vertikale.
Dann wird es noch akrobatischer. Zuerst liege ich gestreckt in das aufgespannte Tuch rein, wie in eine Hängematte. Der Stoff des «Hammock», wie das Tuch in der Yoga-Fachsprache heisst, ist weich und angenehm. «Jetzt braucht es etwas Mut», kündigt Zoë Lorek an. Mit den Händen halte ich mich am Tuchrand fest, ein Bein ist in den Stoff gewickelt – mein Fixpunkt für die kommende Übung. «Und jetzt die Rückwärtsrolle!» Ehe ich richtig merke, was passiert ist, dreht sich schon wieder alles und ich stehe mit dem freien Bein auf den Boden auf. Ich fühle mich wie ein Origami-Vögelchen. Eingefaltet in ein Tuch, das sich gleichzeitig wie ein Zelt über mich spannt. Mit einem Purzelbaum geht es wieder zurück in die Hängematte.
Wie ein Baby im Mutterleib
Nach dem Exkurs in den akrobatischen Teil folgt nun die Entspannung. Dies sei auch für sie das primäre Ziel, sagt Zoë Lorek. Sie habe früher oft Rückenschmerzen gehabt. Als sie Aerial Yoga zum ersten Mal ausprobiert hatte, waren sie weg. «Denn im Gegensatz zum normalen Yoga werden im Tuch die Gelenke gestreckt ohne sie zu belasten – speziell bei der Umkehrhaltung.» Darum habe sie in der Folge auch die Ausbildung in dieser Sparte gemacht.
Ich bin mittlerweile wieder gut eingefaltet im sanft wippenden Tuch versorgt. Das Licht dringt durch die verschiedenen Lagen durch den dunkelroten Stoff. Ob sich so wohl ein Baby im Mutterleib fühlt? Wenn ja, verstehe ich, warum sie schreien, wenn sie raus müssen. Das Tuch gibt an den richtigen Punkten Halt und lässt trotzdem Bewegungsfreiheit zu. «Atmen nicht vergessen.» An das müssen die echten Raupen in ihren Kokons zum Glück nicht denken.
Am Samstag, 30. März, findet im «Yogamoveraum» an der Kempttalstrasse in Pfäffikon von 10 bis 17 Uhr ein Tag der offenen Tür statt. Weitere Informationen unter www.yogamove.ch.
