Der Kampf gegen die «tödliche Gewohnheit»
An der Klingel steht ganz einfach «Fachstelle». Wer sie drückt, hat den schwierigsten Schritt bereits geschafft. «Die grösste Hürde ist die Anmeldung für einer unserer Kurse», sagt Dominique Dieth, Leiter der Fachstelle Sucht des Sozialdienstes Bezirk Pfäffikon. Er sitzt mit zwei Männer im grössten Raum der Wohnung im Pfäffiker Zentrum, wo die Fachstelle seit sieben Jahren einquartiert ist. Die beiden Männer sind Teilnehmer des Kurses «Kontrollierter Alkoholkonsum», der im November gestartet ist. Sie haben sich dazu bereit erklärt, von ihren Problemen mit Alkohol zu erzählen.
Einfluss auf Persönlichkeit und Beruf
«Ich habe gemerkt, wie mir die Kontrolle entgleitet», beginnt der 58-jährige Michael H.*. Er arbeite seit über 30 Jahren in der Gastronomie, der Kontakt mit Alkohol sei bei ihm Alltag – Wein zum Zmittag, Bier zum Znacht plus ein Absacker. «Ich war die ganze Zeit direkt an der Quelle. Und auch zu Hause gehörte das Glas Wein zum Essen dazu.» Er sei ein Pegeltrinker gewesen. «Eine tödliche Gewohnheit.» Dies habe mit der Zeit seine Persönlichkeit beeinflusst. «Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich immer gleichgültiger wurde. Auch im Beruf.» So habe sich die Arbeit aufkumuliert, bis sie zu einem Berg anwuchs, der nicht mehr zu bewältigen war. Was zu noch grösseren Problemen geführt habe. «Ich konnte nicht mehr richtig arbeiten. Das hat mir dann schon Angst gemacht und ich wusste, dass ich etwas ändern musste.»
Sein persönliches Umfeld habe keinen Druck auf ihn ausgeübt, sich professionelle Hilfe zu suchen. «Trotzdem war meine Familie sehr erleichtert, als ich sagte, dass ich den Kurs besuchen werde.»
Kontrolle nach Operation vollends verloren
Im Gegensatz zu Michael H. habe es in der Familie von Heinz T.* einen «richtigen Aufstand» gegeben, damit er sich Hilfe holt. «Ich habe schon mein ganzes Leben lang öfters mal einen über den Durst getrunken», sagt der 66-Jährige. Doch die Kontrollmechanismen von früher würden seit seiner Magenbypassoperation nicht mehr greifen. «Und wenn ich zuviel trinke, werde ich oft ausfällig – dies geht so weit, dass ich meine eigene Frau in der Öffentlichkeit beleidige.» Zuerst hätten sich nur seine Frau und seine Kinder dafür eingesetzt, dass er sich seinem Problem stellt. Als sich dann auch noch seine Brüder vehement in die Diskussion eingeschaltet hatten, habe er eingesehen, dass es so nicht mehr weitergehen könne.
«Für manche ist es einfacher, gar nicht erst ein Glas in die Hand zu nehmen, als nach dem zweiten oder dritten aufzuhören.»
Dominique Dieth, Leiter Fachstelle Sucht des Sozialdienstes Bezirk Pfäffikon
Die Weltgesundheitsorganisation nennt als Faustregel für Männer zwei und für Frauen ein Standardglas pro Tag. In einer Woche werden zudem mindestens zwei alkoholabstinente Tage empfohlen. «Während Jahrzehnten wurde die komplette Abstinenz als einzige Lösung für Alkoholprobleme angepriesen», sagt Fachstellenleiter Dominique Dieth. «In der zieloffenen Suchtarbeit versuchen die Teilnehmenden ihren eigenen Weg zu finden, wie sie mit Alkohol umgehen wollen und können.» Trotzdem würde sich rund ein Drittel für den kompletten Verzicht auf Alkohol entscheiden. «Weil es für sie einfacher ist, gar nicht erst ein Glas in die Hand zu nehmen, als nach dem zweiten oder dritten aufzuhören.»
Für Michael H. und Heinz T. stand der konsequente Verzicht auf Alkohol nie zur Debatte. Beide bezeichnen sich als Genussmenschen, das Glas Rotwein zu einem guten Essen müsse möglich sein.
Kurs als «Nährboden»
In den Gruppensitzungen stand jede Woche ein anderes Thema im Fokus, unter anderem Grundinformationen zum Thema Alkohol und dem Berechnen von Standardeinheiten. Denn neben den regelmässigen Sitzungen führten die Teilnehmenden ein «Trinktagebuch», um den eigenen Konsum zu planen und zu kontrollieren. «Dieser Spiegel hat manchen die Augen geöffnet», sagt Heinz T.. Sich dem Problem bewusst zu sein, sei der Schlüssel zu einer Veränderung. «Zudem steigert sich bei einem grösseren Bewusstsein auch der Genuss – wenn man einfach etwas hinunterkippt, ist es hingegen egal, was es ist.»
«Mein Umfeld hat zuerst mit Unverständnis reagiert.»
Michael H.*
Michael H. bezeichnet den Kurs als «Nährboden» für Ideen und Lösungen. «Um etwas ändern zu können, muss man zuerst die eigenen Verhaltensmuster erkennen», sagt er. Und Heinz T. ergänzt: «Wir waren eine zusammengewürfelte Gruppe aus den verschiedensten Charakteren – doch genau dies ist die Würze. Monotonie hat noch nie zu neuen Lösungen geführt.»
Im Gespräch mit den anderen Kursteilnehmern und unter der Moderation von Dominique Dieth und Hanspeter Kofel der Fachstelle Sucht des Bezirkes Uster hat Michael H. mittlerweile einen Weg gefunden, wie er mit seiner Sucht umgehen kann: Er begibt sich gar nicht mehr in Situationen, die ihm gefährlich werden könnten. «Ich habe eine neue Stelle und zudem mein Ausgehverhalten radikal verändert.» So sei er heute weniger unterwegs und treffe sich weniger mit Bekannten auf ein Bier, sondern lade vermehrt Freunde zu sich nach Hause ein. «Meine Frau freut das natürlich», sagt er und lacht. «Mein Umfeld hat zwar zuerst mit Unverständnis reagiert, denn viele meiner Bekannten habe ich nur in solchen Situationen überhaupt getroffen. Doch mittlerweile werden auch meine Frau und ich oft eingeladen.» Und in diesen Situationen seien ein paar Gläser Wein dann auch völlig in Ordnung.
«Wir sind beide noch lange nicht am Ziel angekommen.»
Heinz T.*
Heinz T. hat einen anderen Weg gewählt. «Ich muss mir jeden Tag genau vornehmen, was ich trinken werde und was nicht.» Dazu würden zwei Tage gehören, in denen er gar keinen Alkohol trinke. «Bald sollen es drei Tage sein.» Seine Familie würde derzeit noch am Erfolg seiner Methode zweifeln. Seine Frau habe sich mittlerweile sogar für den kompletten Verzicht auf Alkohol entschieden. «Sie schimpft immer mit mir, wenn ich etwas trinke», sagt er. «Doch es gibt nicht einfach einen Knopf, den man drücken kann und dann sind alle Probleme weg.»
Ausrutscher als Teil des Prozesses
Ein Thema, das in einer Sitzung besprochen wurde, ist der Umgang mit «Ausrutschern». «Von vielen Teilnehmern haben wir die Rückmeldung erhalten, dass ihnen die Auseinandersetzung mit diesem Punkt einen grossen Schritt vorwärts gebracht habe», sagt Dominique Dieth. «Ausrutscher gehören zum Prozess dazu – wenn man sie reflektiert, sind sie ein wertvolles Instrument um daraus zu lernen.»
Das letzte reguläre Treffen der Gruppe fand Ende Januar statt. Im März treffen sich die Teilnehmenden noch einmal zu einer Schlussbesprechung. Heinz T. und Michael H. sind optimistisch, dass sie auf dem richtigen Weg sind. «Aber wir sind beide noch lange nicht am Ziel angekommen», sagt Heinz T.. «Genau so wie man langsam in einem Problem versinkt, braucht es auch Zeit, bis man es wieder herausgeschafft hat.»
*Namen geändert
Die Fachstelle Sucht des Bezirks Pfäffikon bietet ein Beratungsangebot zu Themen rund um Alkohol-, Cannabis-, Medikamenten und weiteren Substanzen Internet- oder Spielsucht und steht Betroffenen und ihren Nächsten mit Rat und Tat zur Seite.
Der nächste Gruppenkurs «Kontrollierter Alkoholkonsum» in der Region startet erst wieder im Herbst. Ähnliche Kurse werden in Zürich von der Zürcher Fachstelle für Alkoholprobleme und in Winterthur von der Integrierten Suchthilfe Winterthur angeboten.
Am Dienstag, 26. Februar, findet von 18 bis 20 Uhr ein Informationsabend zum Thema «Nikotinentwöhnung» in der Fachstelle Sucht an der Obermattstrasse 40 in Pfäffikon statt. Die Gruppenabende beginnen Mitte März und dauern bis Mitte Juni. Weitere Informationen zu den diversen Kursen der Fachstelle gibt es online auf der Website www.sdbp.ch.
