«Könnten Sie meine Schwiegermutter für ein paar Tage unterbringen?»
Das Ziel der Band Knuts Koffer war es stets, die perfekte Balance zwischen Musik und Text zu finden. «Denn wer tanzt, hört nicht mehr richtig auf den Text und wer sich nur auf die Worte konzentriert, bewegt sich nicht mehr», sagt Frontmann Frédéric Zwicker. Doch auf ihrer neuen Platte haben sie dieses Prinzip über Bord geworfen. «Jeste li za Ploču s Plesnom Glazbom?» heisst das Werk, das im Dezember im Zürcher Club Exil offiziell getauft wurde.
Texte nicht im Zentrum
Der kroatische Satz bedeutet übersetzt: Soll ich eine Tanzplatte auflegen? Er stammt aus einem Buch, in dem die 1000 wichtigsten Sätze von Deutsch auf Kroatisch übersetzt sind – wie alle Liedtexte auf der neuen Platte. «Da wir die Texte selber bis vor Kurzem nicht verstanden haben und sie eher dadaistisch sind, steht die Musik ganz im Zentrum», sagt Zwicker. Es entstanden die kuriosesten Kombinationen: «Könnten Sie meine Schwiegermutter für ein paar Tage unterbringen? Besten Dank im Voraus. Ich bin sehr zufrieden mit Ihnen» oder «Danke schön. Ich danke ihnen. Herzlichen Dank. Darf ich zum Tanz bitten?» sind zwei Strophen aus den insgesamt zehn Liedern.
Dass die erste Platte, an der Florian Vogler als Schlagzeuger beteiligt ist, ausgerechnet aus Liedern besteht, deren Text explizit nicht im Zentrum steht, sei für ihn im ersten Moment eine kleine Enttäuschung gewesen. Denn die bisher hauptsächlich auf Schweizerdeutsch gehaltenen Texte der Band hätten ihm immer besonders gut gefallen. «Ich sagte mir, dann müsse die Musik umso besser sein!»
Musikalischer Austausch
«Knuts Koffer» existiert bereits seit 2006 und hat schon mehrere Alben veröffentlicht. Voglers Bruder Tobias war als Pianist bereits bei der letzten Platte «ii» dabei, die 2015 erschien. «Als Maturarbeit gab ich eine CD mit unserer damaligen Band Alaska heraus», erzählt Florian Vogler. Dafür haben die Brüder, die eigentlich aus Grüningen stammen, einen Bandraum in Pfäffikon gemietet, wo heute noch regelmässig Proben für «Knuts Koffer» stattfinden.
«Noch gibt es in der Schweiz viele Vorbehalte gegenüber den ‹Jugos›, doch das wollen wir mit Hilfe von Musik ändern.»
Frédéric Zwicker, Frontmann «Knuts Koffer»
Die Band besteht aktuell neben den Vogler-Brüdern und Frontmann Frédéric Zwicker aus Bassist Christoph Bucher und Sängerin Laura Bärlocher. Wirklich kroatisch sprechen konnte bisher keiner von ihnen. «Während eines Orchesteraustausches nach Zagreb lernte ich vor 15 Jahren den Geigenspieler Daniel Kuzmin kennen», sagt Zwicker. «Seither hatte ich den Wunsch nach einem stärkeren musikalischen Austausch.» Denn die exjugoslawische Musik sei genau so spannend wie unbekannt. Aufgrund der speziellen politischen Situation in Exjugoslawien habe sich eine extrem reichhaltige Musikszene entwickelt. «Noch gibt es in der Schweiz viele Vorbehalte gegenüber den ‹Jugos›, doch das wollen wir mit Hilfe von Musik ändern.»
Das Schreiben der Liedtexte war dann mehr ein Puzzlespiel als ein kreativer Schöpfungsprozess. «Ich suchte nach einem Satz, der mir gut gefiel, und musste dann einen entsprechenden Satz, der sich darauf reimt, im Büchlein finden», erzählt Zwicker. Dementsprechend zerfleddert vom vielen Blättern sehe dieses mittlerweile aus. Für die ganze Band galt es danach, die korrekte Aussprache der kroatischen Laute zu lernen. «Wir haben grossen Wert darauf gelegt, dass die Betonungen stimmen», sagt Vogler. «Frédéric hat uns so lange gegeisselt, bis wir alles richtig ausgesprochen haben», fügt er lachend hinzu.
Dabei hätten ihre kroatischen Kollegen, die sie immer wieder um Tipps und Korrekturen angefragt hatten, eher dafür plädiert, dass die Band ihren «Schweizer Akzent» beibehält. «Dies sei genau das Charmante und Besondere an unserer Musik», sagt Zwicker mit einem halben Augenrollen. Die Band selber wurde zudem kurzerhand von «Knuts Koffer» in «Knutov Kofer» umbenannt.
Vor der Schweizer Plattentaufe in Zürich – wo auch eine kroatische Band auftrat – spielte «Knutov Kofer» bereits mehrmals in Kroatien, darunter eine erste Plattentaufe in Zagreb. «Die Organisation war ziemlich chaotisch», erzählt Vogler. «Als wir in der Schweiz losgefahren sind, wussten wir noch nicht, wo wir überhaupt spielen werden.» Schliesslich klappte alles, es reisten sogar rund 20 Freunde aus der Schweiz an. «Bei der Plattentaufe in Zürich waren wir nervöser, da wir mehr Leute kannten», sagt Zwicker. Doch an beiden Orten sei die Stimmung «der Hammer» gewesen.
Auf zwei Kontinenten
Rund zwei Jahre dauerten die Arbeiten an den kroatischen Songs. Dabei war die Sprache nicht die einzige Hürde. Denn Pianist Tobias Vogler wanderte während dieser Zeit mit seiner Familie nach Kanada aus. «Da wir bei seiner Abreise erst rund die Hälfte der Lieder geschrieben hatten, mussten wir uns die Aufnahmen zwischen Montreal und dem Studio in Appenzell hin und her schicken», sagt Florian Vogler. Bei Live-Konzerten wird seine Pianomusik zwangshalber digital eingespielt.
Wie lange Tobias Vogler noch in Kanada bleiben wird, ist unklar. «Ob wir ein solches Pingpong für die nächste Platte noch einmal machen würden, wissen wir noch nicht», sagt Frédéric Zwicker. Doch am liebsten wäre es ihm, wenn die Band in ihrer heutigen Form bestehen bleiben würde und nicht schon bald wieder ein Wechsel ansteht. «Die heutige Besetzung ist wohl die coolste bisher. Die beiden Vogler-Brüder bringen neben ihren musikalischen Talenten viele technische Fähigkeiten mit, die man in einer Band braucht.» So kümmert sich Tobias Vogler etwa um die Website der Band und Florian Vogler kümmerte sich um die Untertitel für Videoclips und Projektionen bei Konzerten, wo die kroatischen Texte auf Deutsch übersetzt angezeigt werden.
Schnell unterwegs
Obwohl die Plattentaufe im Exil erst rund einen Monat her ist, arbeitet «Knuts Koffer» bereits wieder an neuen Liedern. «Sonst war ich bei der Fertigstellung einer Platte eher ausgelaugt vom Texte schreiben, der Schwamm musste sich erst neu füllen», sagt Frédéric Zwicker. Dies sei dieses Mal nicht der Fall. «Es ist fast ein Problem, dass wir so schnell unterwegs sind», fügt Florian Vogler hinzu. «Wir müssen uns selber bremsen, damit es nicht zu viel wird. Und erst einmal ganz viele Konzerte spielen.»
