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«Die Sicherheit der Opfer steht an erster Stelle»

Eine Hand vor dem Mönchaltorfer Ortsschild, der Nagel des Ringfingers ist lackiert. Das heisst: Schluss mit sexueller Gewalt in meiner Gemeinde. Das Bild ist Teil der schweizweiten Kampagne «Nägel mit Köpfen» des Hilfetelefons Kummer Nummer. Dessen Gründer Roy Gerber ist täglich mit erschütternden Schicksalen konfrontiert.

Roy Gerber mit den Therapiehunden Micah und Benaiah. Sie sind bei jedem Treffen mit Betroffenen mit dabei., Schweizweit werden Zeichen gegen sexuelle Übergriffe gesetzt. , Schweizweit werden Zeichen gegen sexuelle Übergriffe gesetzt. , Schweizweit werden Zeichen gegen sexuelle Übergriffe gesetzt. , Schweizweit werden Zeichen gegen sexuelle Übergriffe gesetzt. , Schweizweit werden Zeichen gegen sexuelle Übergriffe gesetzt.

PD

«Die Sicherheit der Opfer steht an erster Stelle»

Und plötzlich ist die Leitung tot. Der Gesprächspartner hat abrupt aufgelegt. Dies ist eine der schwierigsten Situationen bei der Arbeit von Roy Gerber. Er ist der Gründer der «Kummer Nummer» – ein Hilfetelefon, bei dem jährlich über 700 Anrufe eingehen. 

Gerber nimmt Telefone entgegen von Personen, die Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sind. «Es braucht unglaublich viel Mut und Überwindung, unsere Nummer zu wählen», ist er sich bewusst. Die Telefonate sind anonym, er bekommt keine Telefonnummer der Anrufer zu Gesicht. «Darum ist es auch so schwierig, wenn das Gespräch unterbrochen wird – wir haben keine Möglichkeit, die Person erneut zu erreichen. Die Initiative muss erneut von ihr kommen.» Was in solchen Situationen am anderen Ende des Telefones passiert, darüber kann Gerber nur spekulieren. «Manchmal hört man eine Schulglocke im Hintergrund oder bekommt noch halb mit, wie der Anrufer von jemandem gestört wird.» 

Verschiedene Schicksale

Im Jahr 2017 haben Gerber und seine zwölf Mitarbeiter insgesamt 30’145 Stunden ehrenamtlich für die Kummer Nummer eingesetzt. Dazu gehören neben den Telefongesprächen auch persönliche Treffen. Die Gründe, warum die «Kummer Nummer» gewählt wird, seien «so divers wie die Fingerabdrücke der Personen, die anrufen», sagt Gerber: Vom 14-jährigen Mädchen, das fragt, ob es normal sei, dass sie ihren Vater jeden Tag oral befriedigen müsse, bis zur 84-jährigen Frau, die als Kind missbraucht wurde und erst jetzt den Mut dazu aufbringt, darüber zu sprechen. Dabei seien es längst nicht nur Mädchen und Frauen, die sich melden. «Gemäss Studien wird in der Schweiz jedes vierte Mädchen und jeder siebte Junge mindestens einmal im Leben sexuell missbraucht.»

«In drei von vier Fällen nennt das Opfer seinen Peiniger Papi, Onkel, Bruder oder Opa.»

Roy Gerber, Gründer der «Kummer Nummer»

Auch die Länge der einzelnen Telefonate sei sehr unterschiedlich. «Am Anfang sind die Anrufer oft noch zurückhaltend, sie müssen zuerst Ängste abbauen», sagt Gerber. Bevor ein Kind oder ein Jugendlicher sich bei der «Kummer Nummer» meldet, habe es oft schon einmal versucht, sich jemandem aus seinem Umfeld anzuvertrauen. «Dass darauf doch noch ein Anruf bei uns folgt, ist ein Zeichen dafür, dass genau dieses Vertrauen anderswo fehlt und zuerst schrittweise aufgebaut werden muss.» 

Gefahr in der eigenen Familie

Kommt es nach einem oder mehreren Telefongesprächen zu einem persönlichen Treffen, bestreiten Roy Gerber und seine Mitarbeiterinnen diese nie alleine, sondern im Zweierteam. Und mehr noch: Mit dabei sind immer die beiden Therapiehunde Micah und Benaiah. «Durch die Anwesenheit der Hunde ist es besonders Kindern oft schneller wohl, sie öffnen sich und erzählen mehr», so Gerber. 

Das ganze Team der «Kummer Nummer» untersteht der Schweigepflicht. «Die Sicherheit der Opfer steht an erster Stelle», sagt Gerber. Damit geht einher, dass er und seine Mitarbeiter mutmassliche Peiniger nicht aus eigener Kraft anzeigen können, auch wenn sie genau wissen, um wen es sich in bestimmten Fällen handelt. Denn dies würde das Opfer in Gefahr bringen. «Gerade bei Kindern wäre ihre Sicherheit mit so einem drastischen Schritt nicht mehr gewährleistet.» Je nach Situation sehe die Lösungsfindung anders aus. Man arbeite darum eng mit diversen Opferberatungsstellen und der Polizei zusammen. 

«Irgendwann kommt man an den Punkt, an dem man sich bewusst wird, dass man die Welt zwar nicht retten, aber doch so gut wie möglich daran arbeiten kann.»

Roy Gerber, Gründer der «Kummer Nummer»

Konkrete Fälle, die er über längere Zeit begleitet hat, will Gerber nicht nennen. «Aber es kommt oft vor, dass Kinder oder Jugendliche ab einem gewissen Punkt in vereinseigenen ‹Safe Families› untergebracht werden. Denn in drei von vier Fällen nennt das Opfer seinen Peiniger Papi, Onkel, Bruder oder Opa.» Oft komme es aber gar nicht erst zu einer Strafanzeige oder sie werde nach kurzer Zeit wieder zurückgezogen. «Wenn ein Opfer erfährt, dass sein Peiniger für seine Taten nicht einmal hinter Gitter müsste, steht schnell die Frage nach dem Sinn einer Anzeige im Raum», sagt Gerber. 

Dass das Leid, dem er täglich ausgesetzt ist, seine Spuren auch an ihm hinterlässt, will er nicht schönreden. «Jeder Fall, jedes Treffen wird im Team noch einmal besprochen, um alles verarbeiten zu können. Wir helfen uns gegenseitig.» Zwar könne er mittlerweile gut abschalten, doch die Geschichten kämen trotzdem immer wieder hoch. «Speziell wenn es sich um den Missbrauch von Säuglingen handelt», sagt Gerber. «Doch irgendwann kommt man an den Punkt, an dem man sich bewusst wird, dass man die Welt zwar nicht retten, aber doch so gut wie möglich daran arbeiten kann.»

«Nicht in meiner Gemeinde»

Die «Kummer Nummer» ist ein Angebot des gemeinnützigen Vereins Be Unlimited mit Sitz in Mettmenstetten. Roy Gerber ist als Geschäftsleiter angestellt, sein Einsatz bei der «Kummer Nummer» ist jedoch ehrenamtlich. Anrufe kommen aus der ganzen Deutschschweiz. Seit kurzem läuft die Kampagne «Nägel mit Köpfen». Dabei wird der Ringfinger mit Nagellack ins Zentrum gerückt und vor ein Ortsschild gehalten.

«Der Ringfinger ist der schwächste Finger der ganzen Hand», erklärt Roy Gerber. «Er kann kaum alleine aufgestreckt werden, sondern benötigt dazu die Hilfe der anderen Finger – genau so, wie Betroffene die Hilfe der Gesellschaft benötigen, um wieder aufstehen und weitergehen zu können.» Mit der aufgehaltenen Hand soll zudem ein Stoppsignal gegeben werden: Schluss mit sexueller Gewalt in dieser Gemeinde. «Nicht in meinem Dorf, nicht in meinem Kanton, nicht in meinem Land – wir wollen auf jedem Ortsschild der Schweiz eine solche Hand sehen», sagt Gerber, dessen Ringfingernagel derzeit ebenfalls meist farbig leuchtet. Auf der Website der «Kummer Nummer» sowie in den Sozialen Netzwerken werden die Fotos, die aus der ganzen Schweiz eingeschickt werden, aufgeschaltet. 

«Nicht selten gibt es Personen, die sich  der Polizei stellen, kurz nachdem sie einen Infoabend bei uns besucht haben.» 

Roy Gerber, Gründer der «Kummer Nummer»

Neben der Betreuung der «Kummer Nummer» organisiert der Verein Be Unlimited diverse Informationsabende oder Weiterbildungen in verschiedenen Themenbereichen von körperlichem oder sexualem Missbrauch. Die Zielgruppen sind Eltern, Lehrpersonen oder Vertreter von Kirchen und Sportclubs. «Denn Pädophile gehen ganz einfach dort hin, wo es viele Kinder gibt», sagt Gerber. Oft beginne er solche Informationsveranstaltungen mit einem einfachen Vergleich. «Drei von hundert Personen sind laut Statistik aktiv pädophil. Wenn also in einem Raum 200 Teilnehmer versammelt sind, sage ich direkt, dass sich in diesem Moment wohl sechs Pädophile im Raum befinden.» 

Fester Teil solchen Veranstaltungen sei der Verweis auf Stellen, an denen auch Pädophile selber Hilfe finden. «Und nicht selten gibt es Personen, die sich  der Polizei stellen, kurz nachdem sie einen Infoabend bei uns besucht haben.» 

Roy Gerbers Engagement für Gerechtigkeit hat den Ursprung in den USA, wo er 19 Jahre gelebt hat. «Eigentlich wollte ich dort nur reich und berühmt werden», sagt Gerber und lacht. Doch während er drei Firmen gegründet und den «American Dream» gelebt hatte, kam er bei Freiwilligeneinsätzen seiner Kirchgemeinde in Kontakt mit Obdachlosen, Drogensüchtigen und Missbrauchsopfern. Er erkannte das Elend, kehrte der Privatwirtschaft den Rücken und studierte Theologie in Kalifornien.

«Laut Weltgesundheitsorganisation ist Pädophilie keine Krankheit, sondern eine psychische Störung, die ein Leben lang besteht.»

Roy Gerber, Gründer der «Kummer Nummer»

Zurück in der Schweiz gründete er 2011 «Be Unlimited» und kurz darauf die «Kummer Nummer». Die Zahl der Anrufe und daraus folgenden persönlichen Treffen steigt seither stetig. «Eigentlich würde ich mir ja wünschen, dass nicht so viele Personen bei uns Hilfe suchen müssten», sagt Gerber. Und gleichzeitig sei jedes Telefonat und jedes Gespräch für ihn der Beweis, dass es sein Angebot braucht und dass noch mehr Präventionsarbeit nötig ist. 

Er lese immer wieder, dass Pädophilie heilbar ist. «Aber laut Weltgesundheitsorganisation ist Pädophilie keine Krankheit, sondern eine psychische Störung, die ein Leben lang besteht. Ich bin zwar ein Pfarrer und glaube an Wunder, aber wenn ein Gutachter zum Schluss kommt, dass ein Peiniger therapierbar oder sogar geheilt ist, macht mich das wütend.»

24 Stunden pro Tag erreichbar

Über die Telefonnummer 0800 66 99 11 finden Opfer von sexuellem Missbrauch 24 Stunden pro Tag Hilfe. Der Verein Be Unlimited und die «Kummer Nummer» sind durch Spenden finanziert, die Beratungen sind gratis. Das Angebot ist für Kinder, Jugendliche, Eltern, aber auch erwachsene Betroffene oder Betreuungspersonen offen. Weitere Informationen sowie Erfahrungsberichte sind online zu finden unter www.kummernummer.org

Die ganze Geschichte, wie es zur Gründung von «Be Unlimited» und der «Kummer Nummer» kam, hat Roy Gerber im Buch «Mein Versprechen» festgehalten. Der Gewinn aus dem Verkauf kommt der «Kummer Nummer» zu Gute. Weitere Informationen dazu unter www.beunlimited.org.

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