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«Ich darf den Patienten nicht mit der ganzen Diagnose überschütten»

Albert von Rohr hat vor mehr als 20 Jahren die Onkologie-Abteilung der Zürcher Klinik Hirslanden gegründet. Im Interview blickt der in Gutenswil lebende Onkologe auf Tausende von Patienten und grosse Fortschritte im Kampf gegen Krebs zurück.

«Es braucht den richtigen Mix aus Mitgefühl und Motivation»: Albert von Rohr muss oft schlechte Nachrichten überbringen.

Seraina Boner

«Ich darf den Patienten nicht mit der ganzen Diagnose überschütten»

Herr von Rohr, wie vielen Personen müssen Sie pro Jahr eröffnen, dass sie Krebs haben?

Albert von Rohr: Im Onkozentrum sind wir sieben Ärzte. Pro Jahr kommen rund 1000 neue Patienten zu uns. Von diesen sind etwa 800 an Krebs erkrankt. Ich muss also im Durchschnitt pro Woche zwei Patienten die Nachricht überbringen, dass sie an Krebs erkrankt sind. Zum Glück sind rund zwei Drittel der Fälle heilbar, entweder weil es sich um eine gut behandelbare Krebsart handelt oder weil die Krankheit früh genug entdeckt wurde. Doch beim letzten Drittel mit unheilbarem Krebs tauchen immer Fragen auf wie: Wie lange werde ich noch leben? Muss ich mein Testament bereits aufsetzen?

Können Sie solche Fragen überhaupt beantworten?

Das ist genau das Problem, präzise vorhersagen kann man so etwas nicht. Es spielen viele Faktoren eine Rolle, etwa die Art und das Stadium der Krankheit, das Alter und die Begleiterkrankungen des Patienten und vieles mehr. Ich gebe zwar jeweils eine Prognose ab, doch ich betone immer, dass es sich dabei um reine Statistik handelt. Wenn die statistische Lebenserwartung beispielsweise zwei Jahre beträgt, kann der einzelne Patient entweder noch einen Tag oder auch noch zehn Jahre leben. Eine genauere Prognose kann man erst im Laufe einer Behandlung machen, wenn man sieht, wie gut sie wirkt. 

Das Thema Krebs ist ja nicht nur eine körperliche, sondern auch eine psychische Belastung. Wie sehr sind Sie auch Psychologe?

Es braucht natürlich extrem viel Fingerspitzengefühl, wenn man einem Patienten mitteilen muss, dass er eine schwerwiegende, eventuell tödliche Krankheit hat. Ich darf einen Patienten nicht einfach mit der ganzen Diagnose überschütten, sondern muss im Gespräch heraushören, wie viel Information er überhaupt aufnehmen kann und will. Manche Patienten wollen genau wissen, was vorgeht, was die Chancen und Risiken sind. Andere verschliessen eher die Augen und vertrauen auf die Behandlung, welche die Ärzte vorschlagen. Ich reserviere mir darum immer viel Zeit für derartige Gespräche. Wer eine Krebsdiagnose erhält, ist meist deprimiert. Dann braucht es vom Arzt den richtigen Mix aus Mitgefühl und Motivation. Krebs ist nicht einfach ein entzündeter Blinddarm, den man herausschneiden kann, und der Patient ist nachher geheilt. Eine Krebskrankheit ist im ersten Moment immer lebensbedrohlich. 

«Krebs ist mit jeder chronischen Krankheit vergleichbar, die man über Jahre behandeln muss.»

Albert von Rohr, Onkologe

Ein Drittel aller Krebserkrankungen ist nicht heilbar. Aber das muss noch kein Todesurteil sein – oder?

Wenn eine Krankheit nicht heilbar ist, heisst das nicht, dass man sie nicht behandeln kann. Bei Patienten mit nicht heilbaren Tumoren gilt es, mit einer möglichst einfachen und gut verträglichen Behandlung den Krebs möglichst lange in Schach zu halten. Fast wichtiger ist es aber, den Gesundheitszustand des Patienten zu verbessern und die Symptome und Beschwerden, die durch den Krebs hervorgerufen werden, zu lindern. Das Behandlungsziel ist also, dass der Patient den Rest seines Lebens bei möglichst guter Lebensqualität verbringen kann. Manchmal muss man sich allerdings auch damit zufrieden geben, dass die Krankheit nicht weiter fortschreitet und die Situation sich stabilisiert. Krebs ist in diesem Fall mit jeder anderen chronischen Krankheit wie etwa einem Diabetes mellitus vergleichbar, die man ebenfalls nicht heilen kann und über Jahre behandeln muss. 

Was halten Sie von Hausmittelchen und alternativer Medizin zur Bekämpfung der Krankheit?

Abgesehen von dubiosen Methoden wie beispielsweise Handauflegen, Fernheilung und Magnetismus bin ich alternativen Methoden gegenüber offen eingestellt. Wenn ein Patient davon überzeugt ist, dass ihm eine Behandlung, die nicht der Schulmedizin entspricht, gut tut, dann soll er diesen Weg verfolgen – solange es keine Hinweise darauf gibt, dass die Behandlung ihm schadet. Diese Methoden werden meist begleitend zur schulmedizinischen Therapie angewendet, man spricht deshalb besser von komplementären Behandlungen. Im Onkozentrum haben wir sogar eine Ärztin, die sich auf Komplementärmedizin spezialisiert hat und unsere Patienten auf Wunsch berät und begleitet. 

Warum haben Sie sich für den Fachbereit Onkologie entschieden?

Ich arbeitete in meiner Zeit als Assistenzarzt im Kantonsspital Olten, das damals noch gar keine eigene Onkologie-Abteilung hatte. Einmal pro Woche kam ein Onkologie-Professor aus Bern zur Visite, um unsere Krebspatienten zu besprechen. Diese Arbeit weckte in mir das Interesse an diesem Spezialgebiet der Medizin. Es hat mich auch fasziniert, dass in der Onkologie der Patient stets als Ganzes betrachtet wird, denn bösartige Tumoren können in jedem Winkel und jedem Organ des Körpers auftauchen. Auch spielen psychologische Aspekte bei Krebspatienten eine wichtige Rolle. Zudem begleitet man die Patienten meist ein Leben lang – auch wenn sie als geheilt gelten. Später folgte ich dem Professor nach Bern und war dort bald Oberarzt, bevor ich meine Onkologie-Ausbildung in England fortsetzte, wo ich mich vor allem in der Forschung betätigte. 

Und doch kamen Sie wieder zurück und gründeten die Onkologische Abteilung hier am Hirslanden. 

Ich habe bald gemerkt, dass ich den Kontakt mit den Patienten vermisse und dass ich nicht der Wissenschafter bin, der sein Leben in einem Labor verbringen will. Dann kam die Anfrage, ob ich die Abteilung am Hirslanden eröffnen wolle. Die ganze Klinik war damals noch halb so gross wie heute, und in den ersten drei Jahren war ich der einzige Onkologe. Mittlerweile sind wir die grösste private Onkologie in der ganzen Schweiz. Hier sind wir ideal vernetzt mit allen anderen Abteilungen – auf die wir auch angewiesen sind, denn die Onkologie ist ein Gebiet, das extrem eng mit anderen Fächern zusammenarbeitet.

«Es lohnt sich kaum, ein neues Lehrbuch der Onkologie zu schreiben, denn bei der Veröffentlichung ist es bereits veraltet.»

Albert von Rohr, Onkologe

Und der Wissenschaft haben Sie den Rücken gekehrt?

Im Gegenteil. Ich mache zwar keine Laborforschung mehr, aber ich bin aktiv in der klinischen Forschung tätig, das heisst im Onkozentrum beteiligen wir uns an klinischen Studien zur Erforschung von neuen Krebsmedikamenten und anderen Behandlungsmethoden. Ich habe während meiner Laufbahn in dieser Hinsicht einige Durchbrüche erlebt, als gewisse Medikamente entwickelt wurden, die heute nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken sind. Bei der Entwicklung eines Medikamentes, welches heute weltweit für die Behandlung einer speziellen Form der Leukämie verwendet wird, war ich direkt beteiligt. Die Forschung auf dem Gebiet der Onkologie ist rasend schnell unterwegs. Es lohnt sich kaum, ein neues Lehrbuch der Onkologie zu schreiben, denn bei der Veröffentlichung ist es bereits veraltet. 

Was sind für Sie die schwierigsten Momente?

Natürlich gibt es immer wieder Situationen mit Patienten, in denen man zugeben muss, dass alle Möglichkeiten der Krebsbehandlung ausgeschöpft sind, und dass man nur noch Symptome lindern und beispielsweise eine gute Schmerztherapie bieten kann. Solche Momente sind sehr schwer. Dazu kommt, dass die administrativen Aufgaben massiv zunehmen. Die Behandlungsmethoden werden zwar immer besser, aber auch immer teurer. Das bringt einen riesigen Papierkrieg mit sich. 

«Manche Patienten müssen zuerst noch kranker werden, bevor ihnen erlaubt wird, ein Medikament zu erhalten, das ihnen schon früher hätte helfen können.»

Albert von Rohr, Onkologe

Was bedeutet das konkret?

Man kann heute oft nicht einfach mit einer Behandlung beginnen. Damit die Krankenkasse die Kosten für bestimmte Behandlungen übernimmt, müssen genaue Kriterien erfüllt sein. Nicht alle Patienten fallen in solche Schemas, da ihre Leiden zu selten oder zu speziell sind. So kommt es immer wieder vor, dass auch nach mehrmaligen seitenlangen Gesuchen um Kostengutsprache gewissen Patienten von der Krankenkasse die Behandlung verweigert wird. Manche müssen zuerst noch kranker werden, bevor ihnen erlaubt wird, ein Medikament zu erhalten, das ihnen schon früher hätte helfen können. Es wird heutzutage immer wichtiger, dass sich ein Onkologe auch in dieser Hinsicht voll für seine Patienten und für eine optimale Behandlung einsetzt. Jede Woche reserviere ich einen Tag nur für solche Büroarbeit. Doch dies reicht meist nicht, daher verbringe ich oft auch den Samstag im Büro. 

Haben Sie als Onkologe überhaupt regelmässige Arbeitszeiten?

Normalerweise bin ich um 7 Uhr in der Klinik. Die ersten Patienten kommen um 8 Uhr, die Sprechstunde dauert – oft ohne Mittagspause – bis 17 Uhr. Anschliessend folgen Sitzungen, und um zirka 21 Uhr bin ich meist wieder zu Hause. Früher war das noch extremer, inzwischen habe ich mein Pensum bereits etwas reduziert und mache auch mehr Ferien. Das ist schwierig mit Privatleben und Familie zu vereinbaren. Auch ich habe meiner Familie viel abverlangt. 

Wie sehen Sie Ihrer Pension entgegen? Können Sie sich überhaupt vorstellen, «Ihre» Klinik abzugeben?

Absolut. Das Onkozentrum ist bei meinen Kollegen in den besten Händen, und die Betreuung unserer Patienten wird sicher in meinem Sinn fortgesetzt, auch wenn ich mal pensioniert bin.

Zur Person: 

Albert von Rohr hat drei erwachsene Kinder und wohnt mit seiner Frau in der Volketswiler Aussenwacht Gutenswil. Nach dem Medizinstudium in Zürich und der Ausbildung zum Spezialarzt für Innere Medizin absolvierte er im Inselspital Bern und in England seine weitere Ausbildung in Onkologie und Hämatologie. Im Juli 1997 gründete er das Onkozentrum an der Klinik Hirslanden in Zürich. Er behandelt heute vor allem Patienten mit Tumoren des Magen-Darm-Traktes und der Lungen. 

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