Herr von Rohr, wie vielen Personen müssen Sie pro Jahr eröffnen, dass sie Krebs haben?
Albert von Rohr: Im Onkozentrum sind wir sieben Ärzte. Pro Jahr kommen rund 1000 neue Patienten zu uns. Von diesen sind etwa 800 an Krebs erkrankt. Ich muss also im Durchschnitt pro Woche zwei Patienten die Nachricht überbringen, dass sie an Krebs erkrankt sind. Zum Glück sind rund zwei Drittel der Fälle heilbar, entweder weil es sich um eine gut behandelbare Krebsart handelt oder weil die Krankheit früh genug entdeckt wurde. Doch beim letzten Drittel mit unheilbarem Krebs tauchen immer Fragen auf wie: Wie lange werde ich noch leben? Muss ich mein Testament bereits aufsetzen?
Können Sie solche Fragen überhaupt beantworten?
Das ist genau das Problem, präzise vorhersagen kann man so etwas nicht. Es spielen viele Faktoren eine Rolle, etwa die Art und das Stadium der Krankheit, das Alter und die Begleiterkrankungen des Patienten und vieles mehr. Ich gebe zwar jeweils eine Prognose ab, doch ich betone immer, dass es sich dabei um reine Statistik handelt. Wenn die statistische Lebenserwartung beispielsweise zwei Jahre beträgt, kann der einzelne Patient entweder noch einen Tag oder auch noch zehn Jahre leben. Eine genauere Prognose kann man erst im Laufe einer Behandlung machen, wenn man sieht, wie gut sie wirkt.
Das Thema Krebs ist ja nicht nur eine körperliche, sondern auch eine psychische Belastung. Wie sehr sind Sie auch Psychologe?

