Politik

Die Schweizer Doppelmoral beim Tierwohl

Sinken die Temperaturen, werden die Winterjacken mit Echtpelzkragen ausgepackt. Gleichzeitig wird das Enthornen von Kühen und Ziegen als Verstümmelung betitelt. Talina Steinmetz, Redaktorin im Ressort Bezirk Pfäffikon, schreibt im Klartext über die Doppelmoral, wenn es um den Tierschutz geht.

Die Schweizer Doppelmoral beim Tierwohl

V egetarismus und Veganismus sind in unserer Gesellschaft längst nicht mehr nur ein Trend. Sich fleischlos oder gar nicht von tierischen Produkten zu ernähren, wurde zum gängigen Lebensstil. Ist man Fleischesser, ist  Nachhaltigkeit das oberste Gebot. Der Konsument von heute ist gerne bereit, für die entsprechende Qualität auch tiefer in die Tasche zu greifen – sich selber, der Um- und Tierwelt zuliebe.

Doch leider scheint dieser «Ich sorge mich um unsere Erde»-Gedanke im Winter in den Hintergrund zu rücken. Ob als Kragen, Schlüsselanhänger, auf dem Kopf oder an Schuhen: Kaum sinken die Temperaturen, prägen Pelzmode und Fellaccessoires die Fussgängerzonen und Bahnsteige in der Schweiz – und mir dreht sich dabei fast der Magen um.

Tötung durch Vergasung oder Elektroschock

Über 100 Millionen Tierewerden gemäss dem Zürcher Tierschutz jährlich wegen ihres Pelzes getötet. Nerze und Füchse sind mit einem Anteil von 50 Millionen pro Jahr die am häufigsten gepelzten Tiere. Sie werden vergast oder durch einen Elektroschock getötet, bevor ihnen das Fell abgezogen wird. 90 Prozent werden dann zu Accessoires und Kleidung mit Pelzbesatz verarbeitet.

Um in kurzer Zeit viel Pelz zu erarbeiten, werden die Tiere häufig auch lebendig gehäutet. Sie leiden also Höllenqualen, weil Herr oder Frau Schweizer nicht auf den «fluffigen» Kragen an der Jacke oder den weichen Bommel auf der Wintermütze verzichten wollen.

Importverbot wurde abgelehnt

Im Jahr 2016 wurde so viel Pelz in die Schweiz importiert, wie es seit 24 Jahren nicht mehr der Fall war: 463,5 Tonnen. Die Dunkelziffer ist unbekannt. Tierschützer gehen davon aus, dass sie sehr hoch ist. Trotzdem wurden Vorstösse, ob von der Politik oder der Öffentlichkeit, die den Import von Pelz aus tierquälerischer Haltung, Jagd oder Tötung unterbinden sollten, vom Ständerat abgelehnt. Die Begründung: Ein Importverbot könnte Probleme mit der Welthandelsorganisation einbringen.

Vergleicht man diese Haltung mit der sonstigen Einstellung der Schweizer gegenüber dem Tierschutz, scheint es fast so, als wäre nur das Wohl jener Tiere wichtig, die man in nächster Nähe antrifft. Es wurde darüber abgestimmt, ob die Schweizer Bauern höhere Subventionen erhalten sollen, sofern sie bei ihren Kühen und Ziegen die Hörner dran lassen.

Über Tierwohl streiten, während Fell getragen wird

In der Debatte wurde das Enthornen der Tiere mit einer Verstümmelung gleichgesetzt und als Tierquälerei dargestellt. Während also darüber gestritten wird, ob eine Kuh ihre Hörner behalten soll oder nicht und Fleischesser mit herablassenden Kommentaren zu kämpfen haben, wird beim Thema Echtpelz schnell mal weggeschaut – eine Doppelmoral, die mir zu denken gibt.

Ich wünsche mir, dass nicht nur bei Lebensmittel auf die Herkunft und Verarbeitung geschaut wird, sondern auch beim Kleiderkauf. Tieren steht Pelz immer besser als uns – für sie ist er überlebenswichtig. 

Fehler gefunden?

Jetzt melden.