Anwohner fühlen sich von Jugendlichen terrorisiert
Missstände. Dieses Wort benutzte die St. Galler Pensionskasse (SGPK) mehrmals in ihrem Schreiben an die Mieter der von ihr bewirtschafteten Wohnhäuser gleich neben dem Schulhaus In der Höh. Die Verwaltung habe mehrere Reklamationen erhalten. «Leider wird seit einigen Wochen die abendliche Ruhe massiv durch Musiklärm und Geschrei gestört, verursacht durch jugendliche Gruppen, welche sich auf dem Schulhausareal aufhalten», heisst es im Schreiben. Der Lärm dauere jedes Wochenende über die Nachtruhezeit hinaus. Ein Mieter, der selber für Ruhe sorgen wollte, sei massiv bedroht worden. «Er musste flüchten und wurde von einigen Jugendlichen bis zur Haustüre verfolgt, wo sie randalierten, bis die Polizei erschien», heisst es im Schreiben der Verwaltung weiter.
«Dass es in der Nähe zu Schulhäusern mehr Lärm gibt, muss man in Kauf nehmen – aber nicht in diesem Ausmass.»
Heinz Gutermann, Immobilienbewirtschafter bei der SGPK
Zwei Mieter hätten sogar ihre Wohnungen aufgrund solcher Vorfälle gekündigt, sagt Heinz Gutermann, Immobilienbewirtschafter bei der SGPK. «Die Nähe zum Schulhaus schätzen Familien mit schulpflichtigen Kindern. Dass es in der Nähe zu Schulhäusern auch mehr Lärm gibt, muss man in Kauf nehmen – aber nicht in diesem Ausmass.» Die SGPK verwaltet schweizweit viele Immobilien, doch solche Probleme kenne er von keinem anderen Ort. Darum hat die Verwaltung die Bewohner aufgefordert, sich direkt an die Gemeindepolizei zu wenden, sollten sie erneut ähnliche Missstände feststellen. «Die Mieter werden sich seit dem Schreiben direkt an die Polizei gewendet haben, bei uns selbst gingen auf jeden Fall seit dem Schreiben keine Reklamationen mehr ein», sagt Gutermann.
Angst vor weiteren Folgen
Dies war im letzten Juli. Doch laut einem Anwohner habe es keine Verbesserung gegeben. Noch immer komme es regelmässig zu Vorfällen am Abend und an den Wochenenden. Er will anonym bleiben, da er Angst hat, noch weiter in den Fokus der Jugendlichen zu rücken. Er wohne schon viele Jahre in seiner Wohnung, unaushaltbar sei Situation erst seit dem Um- und Erweiterungsbau des Schulhauses. Nicht nur würden sich nun vermehrt Jugendliche auf dem auch abends beleuchteten Areal aufhalten, auch der Schall des Kindergeschreis werde nun verstärkt wahrgenommen. Sein Wunsch wären Überwachungskameras auf dem Schulgelände, um dem «Terror» Einhalt zu bieten.
Seitens der Schule nehme man das Problem ernst, sagt Schulpflegepräsident Yves Krismer (FDP). Er sei in diesem Sommer auch schon selber vor Ort gewesen, nachdem Lärmklagen eingegangen waren. «Da waren dann Scherben und Abfall vorzufinden», bestätigt er. «Doch wir konnten ganz normal mit den Jugendlichen sprechen.» Überwachungskameras seien für die Schulpflege kein Thema. «Zudem heisst es noch lange nicht, dass man die verantwortlichen Unruhestifter dann auch findet, nur weil eine Kamera installiert ist.»
«Wenn die Jugendlichen hier etwas über die Stränge schlagen, bekommen das viele Anwohner mit.»
Yves Krismer, Schulpflegepräsident
Dass alle sich an die Nachtruhe ab 22 Uhr zu halten haben, sei selbstverständlich. Durch die neue Turnhalle, die auch von Vereinen genutzt wird, herrsche natürlich am Abend vermehrt Betrieb. «Darum muss das Areal auch so lange beleuchtet sein – als Schule sind wir dafür verantwortlich, dass es zu keinen Unfällen auf dem Gelände kommt.»
Yves Krismer will das Schulhaus In der Höh aber nicht als dramatischen Brennpunkt bezeichnen. «Das Spezielle ist natürlich die Lage innerhalb eines Quartiers – wenn die Jugendlichen hier etwas über die Stränge schlagen, bekommen das viele Anwohner mit.» Es seien jedoch bei weitem nicht nur Jugendliche aus Volketswil, die sich jeweils auf dem Areal aufhalten.
Frage der Ressourcen
Seitens der Gemeindepolizei tönt es ähnlich. «Jugendliche brauchen einen Platz zum Verweilen und das Schulhausareal bietet sich dafür an», sagt Polizeichef Roland Vetter. Die Missstände um das Schulhaus In der Höh seien ein stetiges Thema. «Probleme mit Lärm, Kiffen oder Littering gibt es aber auch bei anderen Schulhäusern.» Die Nachtpatrouille fahre solche Brennpunkte jeweils ab. Aus Bürgerbefragungen sei bekannt, dass sich die Volketswiler Einwohner mehr Polizeipräsenz am Abend wünschen. «Doch das ist immer eine Frage der Ressourcen», sagt Vetter. «Leider sind wir auf Patrouille auch oft mit Fällen von häuslicher Gewalt, Verkehrsunfällen oder Einbrüchen beschäftigt, die in der Priorisierung höher liegen als Lärmbelästigungen.»
«Mit repressiven Massnahmen alleine können die Ursachen von Lärmbelästigungen, Littering und Konsum von Alkohol und Drogen nicht bekämpft werden.»
Roland Vetter, Polizeichef
Genaue Angaben zur Anzahl Meldungen, welche bei der Polizei zum Schulhaus In der Höh eingehen, könne er nicht machen. «Wenn man die Anwohner auf ein bestimmtes Thema sensibilisiert, wie etwa mit dem Schreiben der Verwaltung, dann steigen die Meldungen automatisch an – doch dies ist dann wenig repräsentativ.» Für ein friedliches Nebeneinander brauche es Respekt und Toleranz. «Wo diese fehlen, wird die Polizei gerufen, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Doch mit repressiven Massnahmen alleine können die Ursachen von Lärmbelästigungen, Littering und Konsum von Alkohol und Drogen nicht bekämpft werden.» Hier sei ein Miteinander von Eltern, Schule und Behörden gefordert.
Runder Tisch geplant
Yves Krismer rechnet damit, dass sich die Situation rund um die Schulhäuser mit den fallenden Temperaturen entspannen wird. Doch um auf den nächsten Frühling vorbereitet zu sein, soll in den nächsten Wochen ein runder Tisch einberufen werden, an dem sich Schule, Politische Gemeinde und Gemeindepolizei austauschen und Lösungsansätze diskutieren. «Denn einfach mehr Präsenz zu markieren, kann auch kontraproduktiv sein», sagt er. «Man muss aufpassen, dass sich die Jugendlichen keinen Sport daraus machen, noch mehr Unruhe zu stiften ohne gefasst zu werden.»
