Vegetarisches Reh und perfekte Salat-Temperaturen
Jedes Mal, wenn ich das Volketswiler Restaurant Wallberg betrete, bin ich erneut überrascht, wie wild zusammengewürfelt die Gäste sind. Männer im Anzug am einen Tisch, Frauen mit ihren Kleinkindern am anderen, dazwischen einige Handwerker, eine Gruppe Erwachsener Anfang 20 und wir. Hungrig wie immer, kritisch wie immer. Zumindest die Mittagskarte hat uns bereits auf der Website überzeugt und wir sind heiss auf Herbstspezialitäten wie Rehschnitzel oder Pilzragout. Auf dem Tisch wartet schon frisches, knuspriges Brot auf uns – einmal mit hellem, einmal mit dunklem Mehl. Unter den strengen Augen der Volketswiler Gemeindepräsidenten der letzten 100 Jahre, die uns von einem Bild an der Wand aus beobachten, schlagen wir bereits vor dem Bestellen herzhaft zu.
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Der Business-Lunch mit drei Gängen kostet 29 Franken, doch auch ohne dieses günstige Angebot hätte ich mich wohl für das Menü entschieden: Tomatencremesuppe, Schupfnudeln mit Waldpilzragout und Holunderparfait sind genau mein Ding. Statt meiner vegetarischen Hauptspeise hätte man auch Rehgeschnetzeltes mit Preiselbeerrahmsauce und Spätzli oder gebratenes Forellenfilet mit Mandelbutter, Salzkartoffeln und Gemüse wählen können oder die Gänge des Menüs einzeln bestellen.
Der Rest der Tafelrunde entscheidet sich aber andersweitig: Einmal der klassische «Wall-Burger» mit Black Angus Beef und Pommes Frites (25 Franken) für den Jüngsten der Truppe und einmal das pompöse Rehschnitzel auf sautierten Waldpilzen, Rotkraut, Maroni, Preiselbeerapfel und Quarkspätzli (44 Franken). Die vierte in der Runde ist zwar von den Beilagen des Wildgerichtes angetan, hat aber als Teilzeit-Vegetarierin Mitleid mit dem armen Tierchen. «Könnte ich das Rehschnitzel bitte einfach ohne Rehschnitzel haben?»
Gesagt getan. Doch bevor die diversen Varianten herbstlicher Gaumenfreuden serviert werden, geniessen wir zuerst die Vorspeisen. Die Kollegen haben sich für den Nüsslisalat mit Ei von der Mittagskarte entschieden, ich bleibe bei der Tomatensuppe. Während mein Messer mit einem Löffel ausgewechselt wird, fällt mir auf, dass sogar auf dem Besteck der Name des Restaurants aufgedruckt ist. Nicht nur das. «Das Messer ist echt schwer», sagt der Kollege. Ein Zeichen für Qualität, meine ich.
Als die Vorspeisen serviert werden, wandert die Aufmerksamkeit jedoch sofort weg vom Besteck. Meine Suppe ist wunderbar würzig und die Aromen sind ausgewogen. Besonders begeistert bin ich von der Temperatur der Suppe. «Meist sind sie zu heiss oder zu kalt», sage ich. Doch hier ist die Temperatur perfekt. «Wie beim Salat», meint der Kollege, und nachdem einige in Gelächter ausbrechen, erzählt er von schlechten Erfahrungen mit Salat «wie aus dem Tiefkühlfach». Die Salatsauce überzeugt derweil ebenfalls mit einer süss-senfigen Note. Die Teller werden mit dem restlichen Brot blitzblank ausgeputzt.
Von meinem Platz aus habe ich einen direkten Blick in die Küche des Restaurants – ich könnte stundenlang zusehen, wie die Köche die Speisen zubereiten und anrichten. Doch dafür bleibt gar keine Zeit, denn es geht nicht lange und die Hauptgänge werden serviert. Ich bin mit meinen Schupfnudeln sehr zufrieden. Bereits hatte ich befürchtet, dass sie nur gekocht und nicht etwa angebraten sind. Dass sie angebraten werden, ist nämlich extrem wichtig, finde ich. Das gleiche gilt für Spätzli.
Doch beim Blick auf die Teller links und rechts von mir, kann ich auch spätzlitechnisch beruhigt aufatmen. Die Kollegen mit ihren Herbsttellern nicken und kauen genüsslich. «Das Rehschnitzel ist super und auch die vielfältigen Beilagen enttäuschen nicht», meint der Fleischliebhaber zufrieden. Trotzdem finde er das Gericht mit 44 Franken am oberen Preislimit. «Dafür hätte der Teller gerne etwas voller sein können.»
Die Vegi-Variante wurde derweil mit Rosenkohl aufgepeppt, die Kollegin strahlt über das ganze Gesicht. «Der Rosenkohl ist wunderbar knackig», schwärmt sie während gleichzeitig eine Diskussion losbricht, ob Rosenkohl in diesem Menü überhaupt etwas zu suchen hat.
Auch der Kollege mit dem Burger ist zufrieden, wenn obwohl er sich nicht sicher ist, wie er diesen nun genau essen soll. «Die Pommes natürlich mit den Händen, aber der Burger? In so einem Restaurant?» Er entscheidet sich schliesslich doch für Besteck und lobt das Fleisch. Dieses sei zwar gut gewürzt und sicher von guter Qualität, «es dürfte jedoch etwas weniger brätig sein», kritisiert er auf hohem Niveau.
Währenddem er mit Messer und Gabel den Burger bearbeitet, werden leider die Pommes etwas kalt – doch da kann der Küchenchef wenig dafür. Ich geniesse meine Schupfnudeln, die wie alle anderen Speisen auch sorgfältig und elegant angerichtet sind. Mir fehlt gar nichts, weder Fleisch, noch Salz oder Pfeffer. Und die Freude auf das Dessert steigt stetig.
Bereits beim Studieren der Karte hatte ich mich allerdings gefragt, woher jetzt noch Holunderblüten für das Parfait aufzutreiben sind. Als das violette Türmchen dann schön drapiert mit karamellisierten Walnüssen und einigen Beeren serviert wird, wird die Sache klar: Hier stecken nicht etwa die Blüten, sondern die Holunderbeeren in der süssen Überraschung. Sie rundet das Mittagessen gemeinsam mit einem Kaffee ab. «Wie in Italien», schwärmt die Kollegin, die gerade von einem Wochenende am Comersee zurückgekehrt ist und sich vor einigen Stunden noch darüber enervierte, dass man in der Schweiz nur wenig guten Kaffee erhält.
Fazit: Ein Dreigänger über Mittag im Wallberg für 30 Franken ist jeden Franken wert. Wer das Glück hat, dass gerade Wild Teil davon ist, hat doppelt gewonnen.
