«Frauen müssen sich an der eigenen Nase nehmen»
Ein exklusiver Anlass für Frauen, um über Frauenquoten in Politik und Wirtschaft zu diskutieren – wer davon ausgeht, nur frustrierte Emanzen, die Männer für Feindbilder halten, würden an einem solchen Anlass teilnehmen, irrt gewaltig. Am Montagabend lud das Offene Frauenpodium Volketswil in die Bauarena ein. Als Gastreferentin konnte Bundesrätin Doris Leuthard (CVP) gewonnen werden. Sowohl in ihrem Referat als auch in der anschliessenden Podiumsdiskussion war keine Spur von Groll gegenüber Männern zu spüren.
Hunderte von Ausreden
So fragte Leuthard etwa zu Beginn ihres Referats: «Machen wir etwas falsch? Wollen Frauen einfach nichts von Politik wissen?» Der Bundesrat sei schon lange daran, die Richtlinien zu verbessern, damit Frauen die Möglichkeit und damit eine Wahl haben, sich überhaupt engagieren zu können. Da sei primär die Wirtschaft gefordert, doch man müsse auch selber Bedingungen stellen und für seine Bedürfnisse einstehen. «Es braucht Mut, sich zu bewerben, und Frauen haben oft hunderte von Ausreden, warum es gerade nicht passt, warum noch eine Ausbildung fällig wäre, bevor der nächste Schritt ansteht. Es fehlt uns immer noch an Selbstbewusstsein. Da müssen wir uns an der eigenen Nase nehmen.» Denn wenn man sich kompetent vorbereitet und dossiersicher ist, könne man sich durchsetzen und vertrage auch mehr Kritik.
«Doris Leuthard ist eine Frauenförderin», sagt Rosmarie Quadranti, und somit die perfekte Besetzung für das Referat. (Video: Lea Chiapolini/Seraina Boner)
Wichtig seien in erster Linie Netzwerke, sich alleine zu engagieren berge viele Stolpersteine, egal ob in Wirtschaft oder Politik. Männer seien oft besser vernetzt und würden daher auch rascher angefragt, ob sie für ein bestimmtes Amt kandidieren würden. Es gebe zwar immer wieder Parteien, denen reiche es, ein oder zwei Frauen auf die Liste zu setzen, «damit es gut aussieht und damit sie ihre Pflicht erfüllt haben». Doch das könne nicht das Ziel sein. Mit den Worten «eine Frau verändert ein Gremium, viele Frauen verändern die Politik», schloss Leuthard ihr Referat und ermutigte die Frauen im Publikum, sich zu engagieren.
Mehr Mut
Danach diskutierten auf dem Podium Nationalrätin Tiana Moser (GLP), Kantonsrätin Barbara Franzen (FDP), Gemeindepräsidentin von Wangen-Brüttisellen Marlis Dürst (Forum) und Gabriele Gerber aus der Geschäftsleitung der Feldschlösschen Bierbrauerei. Moderiert wurde die Diskussion von Nationalrätin Rosmarie Quadranti (BDP). Keine der Frauen versuchte, den Männern die Schuld für den tiefen Frauenanteil in Politik und Privatwirtschaft in die Schuhe zu schieben. Sie stiessen alle in das gleiche Horn wie Doris Leuthard und betonten, wie wichtig es sei, den Schritt «einfach zu wagen». «Ich hatte am Anfang auch nicht das Gefühl, ich sei den Aufgaben einer Nationalrätin gewachsen», gab Tiana Moser zu. Und Barbara Franzen ergänzte: «Das Wasser ist sowieso kalt, egal woher man kommt.» Für gewisse Herausforderungen gebe es einfach keine Ausbildung.
«Wenn wir Unterstützung von Männern wollen, dann müssen wir auf sie zugehen und uns nicht zusätzlich abgrenzen.»
Gabriele Gerber, Mitglied der Geschäftsleitung der Feldschlösschen Bierbrauerei
Marlis Dürst ist nach 16 Jahren immer noch die einzige Frau im Gemeinderat von Wangen-Brüttisellen. Sie habe vor dieser Zeit nicht einmal den Mut gehabt, an der Gemeindeversammlung als Votantin das Wort zu ergreifen. «Als ich mich dann zum ersten Mal getraut habe, kam nach der Versammlung ein Mann auf mich zu und bedankte sich bei mir, er hätte den Mut, selber etwas zu sagen, nicht gehabt. Das gab mir den nötigen Anstoss.» Gabriele Gerber betonte, dass es nicht produktiv sei, nur Frauennähe zu suchen und sich unter «Seinesgleichen» abstützen zu wollen. «Wenn wir Unterstützung von Männern wollen, dann müssen wir auf sie zugehen und uns nicht zusätzlich abgrenzen.» Das helfe auch den Männern, die «bei den Frauen ja auch nicht immer ganz draus kommen».
Auf Rosmarie Quadrantis Frage, was denn die typisch weiblichen Eigenschaften seien, von denen ein Gremium profitieren könne, waren sich die Podiumsteilnehmerinnen grösstenteils einig. «Frauen suchen das Gespräch mehr, fragen öfter bei anderen nach», sagte Marlis Dürst. Ihr sei schon von Männern gesagt worden, der Umgangston im Gremium verändere sich sobald eine Frau mit dabei sei. Für Kantonsrätin Franzen kommt noch eine weitere Komponente dazu: Frauen seien klar in der Führung aber in heiklen Situationen nicht verletzend. «So bringt man auch ein Gremium besser zusammen und hinterlässt keine unausgesprochenen Gespenster.»
«Das Gremium im Griff»
An diesem Punkt schaltete sich auch Doris Leuthard wieder ein, die etwas später von Rosmarie Quadranti mit den Worten «das ist mir sonst nämlich gar nicht recht» zurück auf das Podium zitiert wurde, nachdem sie eigentlich bereits wieder im Publikum Platz genommen hatte. «Das ist bei uns auch so», hängte sie sich an die letzten Aussagen an. «Bei uns denken die Frauen daran, etwa dem neuen Bundesrat Cassis einen Blumenstrauss zu organisieren. Oder letzte Woche war Ueli Maurer erkältet – da fragt man doch einfach nach, wie es geht!» Man verbringe Stunden miteinander, da dürfe das Soziale nicht zu kurz kommen. Menschlichkeit brauche es in jedem Bereich des Lebens. «Wenn man das gut macht, hat man schnell ein ganzes Gremium im Griff», sagte Leuthard und lachte.
«Von Männern habe ich oft die Antwort erhalten, es sei doch alles kein Problem, ich schaffe das schon – das hilft doch nichts!»
Tiana Moser, GLP-Nationalrätin
Gegen Schluss des Podiums wollte Rosmarie Quadranti wissen, ob eine grundlegende Solidarität unter den Frauen nötig sei. «Es braucht eine niederschwellige Zugänglichkeit über Parteigrenzen hinweg», antwortete Tiana Moser. Eine Frau um Rat zu fragen, sei einfacher, wohl aufgrund des gewohnten Kommunikationsstils. «Von Männern habe ich oft die Antwort erhalten, es sei doch alles kein Problem, ich schaffe das schon – das hilft doch nichts!»
Von Frauen komme aber auch viel Kritik, fügte Gabriele Gerber hinzu. «Man steht schnell als Rabenmutter da, wenn man nicht 100 Prozent für die Familie gibt.» Gleichzeitig erlebe sie es in der Geschäftsleitung, dass man als Frauen näher zusammenstehe, wenn es innerhalb des Gremiums zu Diskussionen komme. Auf Sachebene dürfe sich jedoch keine «falsche Solidarität» entwickeln, fügte Barbara Franzen hinzu. Und auch Doris Leuthard sah das Thema kritisch. «Solidarität gibt es in der Regel nicht, denn Frauen sind nicht die besseren Menschen. Man darf nicht auf Solidarität setzen, dafür ist der Neid unter Frauen zu gross. Jede muss für sich selber Verantwortung übernehmen.»
Doris Leuthard und Rosmarie Quadranti nehmen Stellung zur «exklusiven Frauenrunde». (Video: Lea Chiapolini/Seraina Boner)
