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«Haie brauchen mich dringender als Katzen»

Yvonne Löffler arbeitet ehrenamtlich bei der Haischutzorganisation «Sharkproject». Von Gutenswil aus erledigt sie die administrativen Arbeiten, geht jedoch mindestens zwei Mal pro Jahr mit den Königen der Meere auf Tauchgang.

Um den Lebensraum Ozean zu schützen, verzichtet Yvonne Löffler wenn immer möglich auf die Verwendung von Plastik., Um den Lebensraum Ozean zu schützen, verzichtet Yvonne Löffler wenn immer möglich auf die Verwendung von Plastik. , Liebe zu Tieren nicht nur unter Wasser: An Land wird Yvonne Löffler von ihrem Hund begleitet. (Foto: Nicolas Zonvi), Auf den Bahamas kam sie dem Tigerhai «Emma» besonders nahe. (Foto: Andreas Schwitter), Yvonne Löffler fühlt sich mittlerweile unter Wasser «wie zu Hause». (Foto: Julia Rudinsky)

(Foto: Nicolas Zonvi)

«Haie brauchen mich dringender als Katzen»

«Ich hatte Jahre lang grosse Angst vor dem Ozean», sagt Yvonne Löffler. Schon als kleines Kind habe sie aber die Namen fast sämtlicher Fische gekannt. «Als mir Bekannte von ihren Tauchgängen erzählten, regten sie sich irgendwann fast darüber auf, dass ich besser über die Unterwasserwelt Bescheid wusste als sie», sagt Löffler und lacht. Und immer sei die Frage gekommen, warum sie selbst nicht tauche. Erst vor sechs Jahren hatte sich die heute 40-Jährige zum ersten Mal unter Wasser getraut. Als sie dann in Ägypten den Tauchschein gemacht und sich zwischen den farbenfrohen Fischen umgesehen hatte, sei ihr klar gewesen: «Ich bin zu Hause.»

Haifleisch in der Schweiz

Heute trägt sie einen silbernen Hammerhai als Kette um den Hals, in den Ohren stecken kleine Haifiguren. Löffler machte innert kurzer Zeit die 180-Grad-Drehung von der wasserscheuen Frau zur Hailiebhaberin. «Ich habe ein Urvertrauen in diese Tiere. Sie haben es nicht auf uns Menschen abgesehen und werden trotzdem verachtet.» Nachdem sie sich mit der Debatte um die umstrittenen Tiere tiefer auseinandergesetzt hatte, war für sie klar: «Die Haie brauchen eine Lobby, die für ihre Rechte kämpft.»

Die Flossen der Haie kommen zwar primär in asiatischen Ländern auf die Teller, stammen aber zu 30 Prozent von spanischen Fischereiflotten. Haifleisch ist zudem nicht nur in Asien eine Delikatesse. Auch in der Schweiz wird es als Steaks verkauft, in Deutschland ist es vor allem unter dem Begriff «Schillerlocken» verbreitet. «Viele Personen wissen nicht einmal, dass das geräucherte Stück Fisch, das sie gerade essen, von einem Hai stammt», sagt Yvonne Löffler. Von den rund 500 bekannten Haiarten stehen bereits 100 auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten, denn jedes Jahr werden zwischen 100 und 150 Millionen Haie als Opfer von gezielter Jagd oder als Beifang in Netzen getötet. Sie selbst habe nach ihren ersten Tauchgängen aufgehört, Meerestiere zu essen, lebt mittlerweile ganz vegetarisch. 

«Der Lebensraum des Hais wird nicht respektiert.»

Yvonne Löffler

Durch Tauchbekanntschaften wurde sie auf die Haischutzorganisation «Sharkproject» aufmerksam, die in verschiedenen Ländern aktiv ist (siehe Box). «Ich war viele Jahre in Tierschutzorganisationen in der Schweiz und im näheren Ausland aktiv, doch mir wurde klar, dass Haie mich dringender brauchen als Hunde und Katzen.» Der Hai habe eine wichtige regulatorische Funktion im Ökosystem, die durch nichts ersetzt werden könne. «An Land ist es weniger verheerend, wenn ein grosses Raubtier verschwindet, denn andere Tiere rücken nach oder der Mensch kann eingreifen – im Meer sind wir machtlos.» 2017 wurde Löffler in den Vorstand der Schweizer Sektion von «Sharkproject» gewählt, im Mai diesen Jahres zur Vize-Präsidentin. 

«Andere Gesetze»

«Pro Jahr kommt es weltweit durchschnittlich zu 12 Todesfällen durch Selfies, 50 durch Tiger, 500 durch Elefanten, 25 000 durch Hunde, eine ganze Million durch Insekten aber nur 8 durch Haie –  Menschen gehören von Natur aus nicht ins Meer und stehen darum logischerweise auch nicht auf ihrer Speisekarte», sagt Löffler. «Das würde für die Natur gar keinen Sinn machen.» Dass es zu Haiunfällen komme, sei meist ganz einfach durch Nichtwissen der Menschen oder Ignorieren der Warnzeichen zu erklären. «Wenn man auf Safari ist und der Fahrer sagt, man soll das Auto nicht verlassen, da Löwen in der Nähe sind, kommt niemand auf die Idee, trotzdem auszusteigen», sagt Löffler. «Doch im und unter Wasser scheinen für viele Menschen andere Gesetze zu gelten, der Lebensraum des Hais wird nicht respektiert.»

Mit Tauchern komme es zu praktisch keinen Unfällen, sondern meist mit Schwimmern, Surfern oder Speerfischern. «Und auch in diesen Fällen beisst der Hai oft nur für einen Testbiss zu, weil er uns mit einem Fisch verwechselt oder einfach nur neugierig ist.» Würde man sich in diesem Moment ruhig verhalten und sich nicht losreissen wollen, hätte man lediglich Stichwunden von den spitzen Zähnen. Danach lasse der Hai wieder los, weil er merke, dass wir keine passende Beute für ihn sind. «Aber so ruhig bleibt natürlich niemand», gibt Löffler zu. So verbluten oder ertrinken die meisten Haiunfallopfer denn auch. «Es gibt keine Aufzeichnungen über Haie, die einen Menschen komplett auffressen.»

«Das ist meine Art, einen positiven Fussabdruck auf der Welt zu hinterlassen.»

Yvonne Löffler

Diese für manche wohl schwer nachvollziehbaren Informationen in der Gesellschaft bekannt zu machen, sei eine aufwendige und langwierige Arbeit. «Doch das ist meine Art, einen positiven Fussabdruck auf der Welt zu hinterlassen und etwas Gutes zu tun», sagt Löffler. Abgeschreckt vom Müllproblem in den Meeren versucht sie so wenig Plastik wie möglich zu verbrauchen – «ausser Robidog-Säckli habe ich seit drei Jahren keinen Plastiksack mehr gebraucht». Sie ist vor zwölf Jahren von Schaffhausen ins Oberland gezogen, wo sie jetzt in Gutenswil mit ihrem Hund wohnt. «Neben der Arbeit als Finanzcontrollerin, dem Engagement für die Haie, meinem Hund und meinem Pflegepferd bleibt fast keine Zeit mehr für andere Dinge.» 

Auf Tuchfühlung

Mindestens zwei Mal pro Jahr  sucht Yvonne Löffler die Haie selbst auf. «Bis ins Jahr 2020 sind meine Tauchferien bereits fix gebucht», sagt sie freudig. Jeder Tauchgang mit den Tieren sei aufs Neue eindrücklich, die Begegnungen einzigartig. So etwa auf den Bahamas mit Tigerhai «Emma». Diese schwamm einmal direkt auf Löffler zu, schien nicht ausweichen zu wollen. «Also habe ich ihr – wie ich es gelernt habe – meine Hand entgegen gestreckt und sie an der Nase sanft zur Seite geschoben.» Dass dies das Tier leicht irritierte, habe man daran gesehen, dass Emma den Mund kurz schloss. «Doch sobald sie an mir vorbei war , entspannte sie sich und öffnete den Mund wieder.» Dieses Erlebnis habe ihr erneut gezeigt, dass Haie den Menschen nichts Böses wollen. «Es kann einfach nicht sein, dass wir Menschen Tierarten, die über 400 Millionen Jahre existieren konnten, innerhalb von 40 Jahren ausrotten.»

Yvonne Löffler auf Tauchgang mit Tigerhai «Emma». (Video: Marcus Aui) 

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