Wie Urs Neukom aus einer Niederlage das Areal im Tobel machte
Um sein grosszügiges Chefbüro in der vierten Etage des Gebäudes 5 mit wehendem lila Kurzarmhemd zu durchqueren, braucht Urs Neukom ziemlich genau zehn lautlose Schritte. Einmal an seinem Pult angelangt, lächelt er zurückhaltend hinter dem riesigen Tisch hervor und sagt: «Der klassische Boss bin ich wohl nicht.»
Montags singt Neukom im Chor. Donnerstags turnt er in der Männerriege. Manchmal arbeitet er daheim im Gemüsegarten. Den grossen Rest seiner Zeit verbringt er im Areal im Tobel in Hinwil-Hadlikon, dessen Besitzer und Chef der Verwaltungsfirma er ist. Oft auch die Sonntage und «um die Ferien muss meine Frau kämpfen.»
«Ich war zu jung»
Wirklich gewählt hat er seinen Posten nicht. Das Büro mit Aussicht auf die Alpen war schon das seines Vaters Hans Neukom. Dieser gründete 1952 die Schaumgummifabrik H. Neukom AG. Davor war auf dem Areal unmittelbar am Mülibach Tricotstoffe produziert worden.
Eingerichtet hat Urs Neukom das Büro bei der Übernahme aber neu. Sein Hinterkopf spiegelt sich im Glas, vor dem Delfinbild an der Wand. Aus seinem weichen Gesicht schauen zwei blaue Augen, die das Gegenüber freundlich mustern. Auf der Nase sitzt eine rahmenlose Brille.
Als Hans Neukom 1984 schwer erkrankte und schliesslich starb, war Urs Neukom 29. Vom einzigen Sohn wurde erwartet, die Lücke zu füllen. «Das war irgendwie immer klar.» Gewollt habe er das zwar durchaus. «Aber später. Ich war zu jung.» Der kaufmännische Angestellte hatte plötzlich selber 80 Angestellte.
Die Latexschäummaschine als Verhängnis
Anfangs der Neunziger Jahre investierte die H. Neukom AG in eine neue Latexschäummaschine. «Die Inbetriebnahme war schwieriger als wir dachten, dadurch hatten wir plötzlich Lieferschwierigkeiten.» Eine mässige wirtschaftliche Lage tat den Rest: Neukom musste Angestellte entlassen und die Produktion eingestellt werden. «Das war eine persönliche Niederlage», sagt Neukom.
Aus Fabrik- wird Turnhalle
Mit dem Lift gelangt man ins unterste Stockwerk des Gebäudes 5. Neukom überquert den Platz zum grössten der Häuser, dem Gebäude 4. Eine Frau winkt ihm vom Fahrrad aus zu. «Tschau Urs». Neukom stoppt kurz und winkt zurück. «Tschau Monika.»
Im Erdgeschoss des Gebäudes 4 öffnet er eine Tür. Dahinter tut sich ein hoher Raum auf, der gefüllt ist mit Kunstturn-Equipment: Eine Tumblingbahn, Böcke, Matten, Kraftgeräte. Werbebanner und eine Schweizer Fahne hängen an der Wand . Es riecht nach Magnesium und Schweiss.
Die Arbeitsplätze zurückholen
«Die Entlassungen taten mir unendlich leid und schmerzten mich sehr», sagt Neukom. Das Grundstück zu verkaufen sei für ihn nie in Frage gekommen. «Ich konnte doch nicht einfach davon laufen.»
«Die Entlassungen taten mir unendlich leid und schmerzten mich sehr»
Urs Neukom, Besitzer des Areals im Tobel
Theoretisch hätte man die Fabrikgebäude zu Lofts umbauen können, sagt Neukom. Ernsthaft in Betracht gezogen habe er das aber nicht. «Ich wollte die verlorenen Arbeitsplätze unbedingt zurück ins Tobel holen.» Die stückweise Umnutzung sei «eigentlich meine einzige akzeptable Möglichkeit dazu» gewesen.
Hier im Erdgeschoss ist es ein Kunstturnverein, der seit fünf Jahren eingemietet ist. In den oberen Etagen gibt es ein Yogastudio, einen Billard- und einen Kampfsport-Club. Daneben hat es im Areal im Tobel unter anderen Handwerker, einen Stoffladen, Ateliers, ein Cateringunternehmen und eine Spielgruppe. Leichtfüssig huscht der Mann im lila Hemd von Raum zu Raum und erzählt die Geschichte des jeweiligen Mieters. Auf einem Bruchteil der ehemaligen Fläche wird nach wie vor Schaumstoff produziert und verarbeitet. Beteiligt ist Neukom daran nicht mehr. «Das ist für mich vorbei.»
Anfangs habe er die Mieter als Fremdköper empfunden. «Aber heute liebe ich unser Geschäftsmodell: Leute kommen hierher und haben einen Traum, den sie verwirklichen wollen.» Ob das eine Schreinerei sei, oder ein Yoga-Studio: «Ich bin begeistert von jedem meiner Mieter.» Wenn er nicht überzeugt sei, vermiete er gar nicht erst.
Kino und orientalisches Musik-Märchen
Neukom öffnet einen ehemaligen Warenlift. «Den haben wir letztes Jahr nachgerüstet, jetzt entspricht er wieder den neusten Sicherheitsstandards», sagt er und während sich der Aufzug in Bewegung setzt, wirft er einen prüfenden Blick auf die Bewegungssensoren.
Er verlässt den Lift undbiegt links um die Ecke. Strahlend betritt er einen grossen Raum. «Einer meiner Lieblingsorte.» Das helle Parkett im Mehrzweckraum ist original, aber neu abgeschliffen, der Flügel in der einen Ecke ist abgedeckt.100 Leute haben im Saal Platz.
Hier finden die Veranstaltungen statt, die er selber oder «Kultur Hadlikon» organisieren. Neukom ist selber eines der drei Mitglieder. Das Kino führen sie einmal im Monat durch, Konzerte, Lesungen und Theater in unregelmässigen Abständen.
Er sei an jeder dieser Veranstaltungen dabei, sagt Neukom und scheint nicht verstehen zu können, dass das jemandem nicht klar sein könnte. Mit einem nachsichtigen Lächeln holt er das Jahresprogramm aus der Tasche, eine farbige Broschüre. «Das ist eigentlich auch gleich meine Agenda.» Heute Abend ist es ein orientalisches Musik-Märchentheater, das aufgeführt wird.
Kreativer Verwalter
Neukom zieht den orangen Vorhang am Rande des Saals zur Seite. Dahinter befindet sich der Raum mit der Ausrüstung, eine Art grosse Abstellkammer. In einer Ecke liegen die Kostüme für das Theater. Die Stühle stehen in hohen Stapeln bereit. Am Nachmittag wird er sie fein säuberlich im Saal verteilen. Die Aussicht darauf, Ausrüstung zu schleppen, scheint ihn nicht zu betrüben: Noch breiter als ohnehin schon, strahlt er ins Halbdunkel der Abstellkammer.
«Diese Veranstaltungen zu organisieren ist eine meiner Lieblingsaufgaben.» Dabei mache er alles gern: Von der Künstlerakquirierung bis zur Detailorganisation: «Ich denke, ich bin gut darin, Kreativität und Struktur zu verbinden.» Wer Tickets reserviert, der bekommt einen mit Namen versehenen Platz zugewiesen.
Die Söhne können übernehmen
Neukom wird im Juli 63. Das Areal verkaufen sei nach wie vor keine Option. «Die Möglichkeit, die ich hier bekommen habe, ist ein riesiges Privileg. Das verkaufe ich nicht», sagt Neukom und sein sanftes Gesicht wirkt ganz kurz etwas empört.
An einen Generationenwechsel denkt er allerdings durchaus. Verpflichtet die Firma zu übernehmen seien seine beiden Söhne natürlich nicht. «Aber es zeichnet sich ab, dass sie das wollen und das freut mich natürlich.» Die Übergabe soll schrittweise erfolgen und nicht so «Knall auf Fall» wie bei ihm selber. «Aber bevor wir uns darum kümmern, will ich noch einige wichtige Projekte zu Ende bringen.» Die Parkplatzsituation zum Beispiel, die beschäftige ihn aktuell.
«Vielleicht später einmal»
Auf der Programm-Broschüre, von der Neukom sagt, dass es seine Agenda sei, prangt das Logo des Areals im Tobel – ein Regenbogen. Entworfen hat ihn Neukom persönlich. «Er soll symbolisieren, dass wir im Areal im Tobel zwar alle unabhängig, aber trotzdem eine Gemeinschaft sind.»
50 Mieter hat Neukom, insgesamt gibt es auf dem Areal heute 110 Arbeitsplätze. 30 mehr als es waren, als er die Fabrik übernahm. Neukom lacht fröhlich. «Das gibt mir ein gutes Gefühl.» Vor dem Wort Stolz drückt er sich. «Momentan ist es mehr eine Genugtuung. Stolz bin ich dann vielleicht später einmal.»

