«Vor dem letzten Tag graut mir jetzt schon»
Frau Quadranti, Sie sind Mutter von drei erwachsenen Kindern, Schulpräsidentin, Nationalrätin, Fraktionspräsidentin der BDP, Präsidentin der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi – die Liste wäre zu lang, um alle Ämter aufzuzählen. Welche sind in Ihrer Top 3?
Rosmarie Quadranti: Eine Rangfolge gibt es nicht. Ich habe ein Riesenglück, all diese Arbeiten machen zu dürfen. Viele hängen von Wahlen ab, aber das macht sie nicht wichtiger als andere. Am meisten Zeit nehmen Nationalrat und Schule in Anspruch. Und das Amt der Schulpräsidentin, das ich von all den Engagements am längsten ausführe, geht nun zu Ende. Das ist ein ähnlicher Schmerz, wie wenn die Kinder von zu Hause ausziehen. Vor dem letzten Tag graut mir jetzt schon. Das letzte Treffen mit dem Elternrat habe ich bereits hinter mir. Als ich dort verabschiedet wurde, ging mir dies viel näher als erwartet. Aber ich bin ein politischer Mensch, werde auch in Zukunft die Entwicklung der Schule beobachten und mich wenn nötig dazu äussern. Aber ich suche nicht nach der nächsten Gelegenheit, meinen Senf dazu zu geben – ich werde keine Schattenpräsidentin sein!
Sie sitzen seit 2011 für die BDP im Nationalrat. Inwiefern unterscheidet sich die Nationalrätin Rosmarie Quadranti von der Schulpräsidentin?
Das sind zwei verschiedene Frauen (lacht). Als Präsidentin kann man wirklich etwas bewegen, als Nationalrätin steckt man mit vielen anderen gemeinsam in einer Trägheit des Systems fest. Das fällt mir sehr schwer, ich bin eine Macherin. Das Engagement als Nationalrätin ist bisweilen eine grosse Geduldsprobe für mich. Man darf die beiden Ämter nicht zu sehr vergleichen, das sind wirklich zwei verschiedene Welten.
Kamen sich diese auch negativ in die Quere?
Rein zeitlich habe ich immer alles gut unter einen Hut gebracht – als Schulpräsidentin konnte ich für gewöhnlich grossen Einfluss darauf nehmen, wann etwa Sitzungen stattfanden. Diese musste ich einfach um den Nationalrat und die Sessionen herumplanen. Die Präsenz vor Ort ist ja bei beiden Stellen unterschiedlich. Das Geniale liegt in der Vielfältigkeit, die mit beiden Ämtern einhergeht. Dies führt bei mir zwar zu einer sehr vollen, aber auch sehr spannenden Agenda. Was das Thema Bildung angeht, können sich die beiden gar nicht in die Quere kommen – im Gegenteil, sie befruchten sich.
«Ich bin Rosmarie geblieben.»
Rosmarie Quadranti
Sie laden die Volketswiler Bevölkerung regelmässig ins Bundeshaus ein – was wollen die Interessierten jeweils von «ihrer» Nationalrätin wissen?
Die politischen Geschäfte interessieren kaum, es gibt mehr Fragen zu meinen Erlebnissen oder den Interaktionen mit Politikern und zum sozialen Klima. Für viele sind Nationalräte unnahbare Personen, aber wir sind nicht besser als andere. Mit den Besuchen im Bundeshaus will ich solche Distanzen abbauen. Ich bin Rosmarie geblieben. Wer sich selbst in den Mittelpunkt stellt, ein Amt nur belegt, um seine Visitenkarte aufzupeppen, tut der Demokratie nicht gut.
Sie sind seit 1994 in der Schulpflege und seit 2000 Präsidentin. Inwiefern hat sich das Amt in dieser Zeit verändert?
Das kann ich nicht beantworten, denn für mich hat das Amt an sich keine Wichtigkeit – ähnlich wie beim Nationalrat. Präsidien sollten nicht in unerreichbaren Höhen schweben. Dies fördert nur das Wutbürgertum. Bei diesem Punkt hat die überkommunale Politik natürlich einen Einfluss und Vorbildfunktion. Da ist der Ton unflätiger geworden, das Niveau gesunken. Es sollen, ja müssen Fragen gestellt werden. Aber im entsprechenden Ton. In Volketswil werde ich zwar weniger mit unanständigen Wörtern konfrontiert, aber als Nationalrätin erhalte ich zuweilen Hassmails, die definitiv unter der Gürtellinie sind.
Hatte Ihr Wechsel von der SVP zur BDP auch Auswirkungen auf Ihre Arbeit in Volketswil?
Definitiv. Seither ist die Arbeit in der Behörde schwieriger geworden. Die SVP rutschte immer weiter nach rechts, aber ich blieb stehen. Darum habe ich zu Ende der Legislatur meinen Austritt aus der Partei gegeben, sodass man mich dann 2010 als BDP-Politikerin wiederwählen konnte. Die SVP stellte einen Gegenkandidaten für das Präsidium, und als er klar unterlag, war dies der Auftakt zur Verpolitisierung der Behörde. Aber um Themen engagiert anpacken zu können, muss das Parteibüchlein in der Schublade bleiben. Wenn Vertreter verschiedener Parteien zusammensitzen, ergibt dies einen fruchtbaren Austausch – wenn die Sache im Zentrum steht.
Sie sind Gründungsmitglied des Offenen Frauenpodiums Volketswil – dieses unterstützt für Ihre Nachfolge aber eine parteilose Kandidatin.
Als Erstes vorweg: Ich bin nicht das Offene Frauenpodium. Und zweitens geht es für uns um die Menschen, nicht um die Parteien. Es ist nun mal einfach keine der Frauen, die sich bei uns gemeldet haben, in einer Partei aktiv! Ich finde Parteizugehörigkeit aber etwas Positives, gerade wenn man die Kandidaten nicht persönlich kennt, sind sie mit einer Partei im Rücken besser einzuordnen. Aber wenn man den Menschen kennt und weiss, dass er oder sie gute Arbeit macht, dann ist die Partei zweitrangig. Was es auf jeden Fall braucht, sind mehr Frauen in der Politik.
«Die letzte Kampfwahl hat tiefe Narben hinterlassen.»
Rosmarie Quadranti
Sie haben Ende letzten Jahres bekannt gegeben, dass Sie aufgrund des FDP-Gegenkandidaten nicht für eine weitere Legislatur kandidieren. Der Grund: Nach der letzten Kampfwahl habe die Arbeit mit dem unterlegenen SVP-Präsidiumskandidaten im Gremium nicht mehr funktioniert, diese Geschichte wollten Sie nicht noch einmal durchleben. Hat Ihnen diese Aussage den Ärger eingebracht, den Sie erwarteten?
Bedingt – mit einigen Parteien habe ich es mir wohl damit verdorben (lacht). Aber es kam niemand persönlich mit Kritik auf mich zu – schon gar nicht die betroffenen Personen. Hintenrum habe ich natürlich viel erfahren. Meine Feinde fühlten sich sicher in ihrer Meinung bestätigt, neue habe ich mir wohl keine gemacht. Nur mein persönliches Umfeld hat direkt und kritisch nachgefragt, ob ich mein Vorgehen auch im Rückblick in Ordnung finde und ob ich es noch einmal so machen würde.
Und, würden Sie?
Absolut. Die letzte Kampfwahl hat tiefe Narben hinterlassen, da muss ich nicht so tun, als wäre alles gut. ich habe mir fest vorgenommen, nicht mehr zu schweigen, wo man reden sollte.
«Die unbefriedigende Zusammenarbeit im Gremium und der damit einhergehende Unfriede war und ist aber zermürbend.»
Rosmarie Quadranti
Sie können nun den Wahlen aus der Beobachterperspektive verfolgen – wie haben Sie den Wahlkampf bisher erlebt?
Bis zum ersten Wahlgang am 15. April lief alles fair und engagiert. Als dann die parteilose Sabine Wegmann, die noch keine Behördenerfahrung hat, besser abschnitt als FDP-Mann Yves Krismer, der aktuelle Finanzvorstand der Schulpflege, hat dies wohl einige wachgerüttelt. Dann hat sich auch der Ton in den Leserbriefen verändert, er wurde gehässiger und es wurde vermehrt auf die Person gespielt. Das trübt natürlich die Freude an einem politischen Engagement.
Gab es in Ihrer Zeit in der Schulpflege Momente, in denen Sie gerne alles hingeschmissen hätten?
Natürlich war ich manchmal besonders gestresst oder habe mich speziell geärgert. Aber in solchen Zeiten habe ich höchstens bis zum Abendessen ans Aufhören gedacht. Die unbefriedigende Zusammenarbeit im Gremium und der damit einhergehende Unfriede war und ist aber zermürbend. Zum Glück gibt es gleichzeitig viele sehr gute und engagierte Personen in der Schulpflege. Wenn dieses Gleichgewicht nicht stimmen würde, hätte ich schon lange aufgehört.
Sie haben 2015 einen Brief an die Volketswiler Schüler verteilen lassen, in dem Sie die Eltern aufforderten, an der Gemeindeversammlung teilzunehmen, um für das neue Schulhausprojekt zu stimmen. Diese Handlung wurde im Nachhinein vom Bezirksrat gerügt und Sie bezeichneten die Aktion bereits einmal als grössten Fauxpas ihrer Karriere. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?
Natürlich war es falsch, diesen Brief zu verteilen. Aber wenn man nie das Risiko eingeht, einen Fehler zu machen, dann bewegt man sich nicht. Schlimmer für mich waren Situationen, in denen ich Menschen auf irgendeine Art und Weise verletzt habe. Das sind Fehler, die ich mir nicht verzeihe und besonders im Bildungsbereich einfach nicht passieren dürfen. Trotzdem muss man in der heutigen Gesellschaft mutig sein. Das versuche ich jetzt und dafür werde ich sowohl geliebt als auch angefeindet. Vielleicht ist Mut auch das falsche Wort, aber ich will Diskussionen auslösen und dabei zu meiner eigenen Meinung stehen.
Stichwort Diskussionen – man hört immer wieder, dass die Schulgemeinde und die Politische Gemeinde miteinander nicht gut auskommen sollen.
Solche Aussagen stammen ausschliesslich von Personen, die eine Einheitsgemeinde vorantreiben wollen. Momentan sind wir mit der Politischen Gemeinde auf Augenhöhe, und das ist meiner Meinung nach gut so. Natürlich sind wir uns nicht immer einig, aber es ist wie überall in der Politik: Solange man sachlich über ein Thema diskutieren kann, sind verschiedene Haltungen in Ordnung. Da kann mal auch mal schimpfen. Aber daraus einen Krach zwischen Schulgemeinde und Politischer Gemeinde abzuleiten, wäre falsch.
«Bildung darf man nicht mit finanziellen Überlegungen angehen.»
Rosmarie Quadranti
Das Projekt «Schulraumplanung 2020» ist bereits weit fortgeschritten. Mit welchem Gefühl geben Sie nun dieses Dossier weiter?
Ich bin stolz auf dieses Projekt, das ich zusammen mit vielen anderen wichtigen Playern aufgleisen konnte. Ich habe von Anfang an versprochen, dass es in Volketswil keine Pavillons geben wird, in welche die Klassen einziehen müssen. Und dieses Versprechen habe ich gehalten. Bildung darf man nicht mit finanziellen Überlegungen angehen, sondern es muss von Anfang an pädagogisch gedacht werden. Nun darf ich noch das erste Schulhaus mit einer deutlichen Kostenunterschreitung abrechnen und werde das Dossier dann mit einem guten Gefühl abgeben können.
Was war für Sie der schönste oder bewegendste Moment in ihrer Amtszeit?
Der schönste Moment kommt immer wieder: das Jahreschlussessen mit den Lehrpersonen und weiteren Mitarbeitenden der Schule. Das ist der einzige Zeitpunkt, in dem ich es geniesse, höher zu stehen als die anderen. Denn wenn ich jeweils meine Rede halte, habe ich den Überblick auf all die wertvollen Personen, die sich um Volketswils Kinder kümmern.
Wofür werden Sie nun Ihre neue Freizeit einsetzen?
Ich bin seit Anfang April Präsidentin des Schweizer Musikrates und werde nun die Bildung vermehrt von der Seite der Musik anpacken. Es gilt, den Verfassungsartikel umzusetzen, der die Kantone verpflichtet, schweizweit geltende Bildungsziele für die Musik an den Schulen zu formulieren. Langweilig wird es mir sicher nicht. Zudem werde ich auch nicht jünger und muss mir mehr Zeit für Ruhephasen einrechnen. Also ab und zu im Schaukelstuhl sitzend, zufrieden der positiven Weiterentwicklung der Schule Volketswil zusehen.
Zweiter Wahlgang Schulpräsidium
Nachdem am 15. April keiner der Kandidaten für die Neubesetzung des Schulpräsidiums das absolute Mehr erreicht hat, findet am 10. Juni ein zweiter Wahlgang für das Amt statt. Sabine Wegmann (parteilos), die neu in die Schulpflege gewählt wurde, tritt gegen den Finanzvorstand der Schulpflege Yves Krismer (FDP) für die Nachfolge der amtierenden Präsidentin Rosmarie Quadranti (BDP) an. Im ersten Wahlgang lag Sabine Wegmann mit 1068 Stimmen noch vor Yves Krismer mit 978 Stimmen. (lcm)
