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«Da hätte ich auch gerne einmal auf den Tisch gehauen»

Er ist einer der alten Hasen der regionalen Politlandschaft. Nun steht Gemeindepräsident Rolf Rothenhofer (parteilos) nach 28 Jahren in der Egger Exekutive bald der letzte Tag bevor. Dann hat er mehr Zeit für seine Leidenschaft: die Familienforschung.

Rolf Rothenhofer wird Ende Juni aus seinem Büro im Egger Gemeindehaus ausziehen. (Foto: Seraina Boner)

«Da hätte ich auch gerne einmal auf den Tisch gehauen»

Sie sind seit 1990 Egger Gemeinderat, seit 16 Jahren Gemeindepräsident und doch scheint es so, als dass gerade in den letzten beiden Legislaturen die grössten Entscheidungen Ihrer Amtszeit getroffen wurden. Zufall?

Rolf Rothenhofer: Viele Geschäfte brauchen eine jahrelange Planungszeit, besonders Gestaltungspläne oder Quartierpläne. In den letzten Jahren kamen nun einige grosse Projekte innerhalb kurzer Zeit zu einem Abschluss. Der Gestaltungsplan des «Esslinger Dreiecks» begleitet mich seit meiner ersten Legislatur und musste ganze drei Mal revidiert werden. Die Umsetzung der Einheitsgemeinde auf Januar 2016 war sicher das schönste Projekt, das ich leiten durfte. So etwas gibt es nur einmal und man muss Glück haben, im richtigen Moment Gemeindepräsident zu sein. 

Dabei war der Weg zur Einheitsgemeinde kein einfacher, in einer ersten Abstimmung 2001 entschieden sich die Egger noch gegen die Vorlage. War es von Anfang an Ihr Ziel als Gemeinderat, die beiden Gemeinden zusammenzuführen?

Das Thema hat mich immer beschäftigt, aber ein klar definiertes Ziel für mein politisches Engagement war es nicht. 2001 kam seitens der Schulgemeinde viel Opposition – wenn nur eine Seite die Einheitsgemeinde will, ist die Sache praktisch aussichtslos. Mit dem Wechsel des Schulpräsidiums hat «das Zügli wieder Fahrt aufgenommen». Sich als neuer Gemeinderat themenspezifische Ziele zu setzen, ist sowieso schwierig, da so viele Faktoren zusammenspielen müssen. Der Gemeinderat besteht aus sieben Mitgliedern und für jeden Entscheid braucht es immer eine Mehrheit. Klar ist, dass man die Finanzen im Griff haben will – und gleichzeitig will man einen stabilen Steuerfuss haben und trotzdem in Projekte investieren können. Manchmal gehen auch Dinge schief. Aber niemand tritt ein Amt an, um absichtlich etwas falsch zu machen.

Was war der schwierigste Moment in Ihrer Amtszeit? 

Im Vorfeld der Abstimmung über die Verkehrsführung durch das Dorf im Herbst 2014 bin ich schon etwas an meine Grenzen gekommen. Da wurden viele Halbwahrheiten verbreitet und persönliche Interessen zu Lasten der Allgemeinheit ins Zentrum gestellt. Als Gemeinderat muss man immer neutral und anständig bleiben, aber da hätte ich auch gerne einmal auf den Tisch gehauen und meine Meinung gesagt. 

Wenn man auf lokaler Ebene politisch wirklich etwas bewegen will, dann geht das fast nur als Gemeinderat.

Rolf Rothenhofer

Ihr Nachfolger Tobias Bolliger (FDP) wird das Präsidialamt neben einer Vollzeitstelle stemmen – wie haben Sie Arbeit, Familie und Politik unter einen Hut gebracht?

Anfangs habe ich ebenfalls 100 Prozent als Procurement Manager gearbeitet, dann irgendwann auf 80 Prozent reduziert und mich vor vier Jahren frühzeitig pensionieren lassen. Das Amt als Gemeinderat ist sehr «abendlastig» – praktisch alle Sitzungen werden am Abend abgehalten, bei den Veranstaltungen ist es ähnlich. Das bringt man gut an aneinander vorbei. Meine Tochter und mein Sohn kannten es gar nie anders. Am schönsten wäre natürlich ein Verhältnis von 60 Prozent Arbeitstätigkeit und 40 Prozent Gemeinderat. Doch auch dann hat man am Wochenende selten frei. 

Was war ihre ursprüngliche Motivation, einen Gemeinderatssitz anzustreben?

Ich war damals als Zivilschutzortschef tätig und wurde von den «Aktiven Eggern» angefragt, ob ich für Sie als Gemeinderat kandidieren würde. Wenn man auf lokaler Ebene politisch wirklich etwas bewegen will, dann geht das fast nur als Gemeinderat. Da hat man die meisten Möglichkeiten und Chancen, wirklich etwas zu reissen. Ich kann jetzt von meinem Büro im Gemeindehaus aus dem Fenster schauen und sehen, an was wir die letzten Jahre und Jahrzehnte gearbeitet haben. Das ist ein schönes Gefühl.

Vorwürfe, wie dass der Gemeinderat nicht richtig überlegt hat, darf man schon durchgehen lassen.

Rolf Rothenhofer

Können Sie sich noch an Ihre erste Gemeindeversammlung als Präsident erinnern?

Ehrlich gesagt nicht. Aber ich habe in meiner Amtszeit rund 45 Gemeindeversammlungen geleitet, da kann ich mich an die einzelnen nicht mehr gut erinnern. Und obwohl jede Versammlung wieder anders ist, sind alle gut abgelaufen. Bei den Voten ging es immer um die Sache, es wurde praktisch nie gegen Personen geschossen. Vorwürfe, wie dass der Gemeinderat nicht richtig überlegt hat, darf man schon durchgehen lassen. Ich habe diese Versammlungen immer gerne geleitet. 

Vor drei Jahren haben Sie dann zum ersten Mal in Ihrer ganzen Amtszeit an einer Gemeindeversammlung gefehlt.

Ich musste doch Tobias Bolliger als Vize-Präsident eine erste Chance geben, sich zu beweisen (lacht)! Wir haben wirklich immer alle Ferien und Termine um die Gemeindeversammlungen herumgeplant. Aber 2015 haben wir uns einen Traum erfüllt und haben eine längere Reise durch den Yellowstone und andere Nationalparks in den USA gemacht. 

Dann stand ich plötzlich im Zentrum – obwohl ich eigentlich gerne etwas zurückgezogen arbeite. 

Rolf Rothenhofer

2002 wurde der damalige Gemeindepräsident Viktor Baumann (FDP) in seinem Amt nicht bestätigt, obwohl er der einzige Kandidat war. Sie traten etwas überstürzt seine Nachfolge an. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Wir waren ein gutes und funktionierendes Gremium – dass Viktor Baumann sich dann gleich ganz aus der Exekutive zurückzog, kam für alle überraschend aber ich konnte es auch verstehen. Damals war ich der jüngste Gemeinderat, heute bin ich der älteste. Dass ich als Präsident kandidierte, hat sich erneut einfach ergeben. Hätte sich ein anderer dazu bereit erklärt, wäre ich natürlich nicht angetreten. Aber dann stand ich plötzlich im Zentrum – obwohl ich eigentlich gerne etwas zurückgezogen arbeite. 

Nachdem die Wahlen 2002 turbulent waren, wurde der Egger Gemeinderat einige Jahre später in Stiller Wahl ohne Urnengang bestätigt und vor vier Jahren musste ein Gemeinderat sogar ausgelost werden – Sie haben in Sachen Wahlen wirklich schon alles erlebt…

Die Auslosung war tatsächlich ein spezieller Anlass, doch die beiden Gemeinderatskandidaten hatten auch nach einem zweiten und dritten Auszählen genau gleich viele Stimmen, also was blieb uns übrig? Stille Wahlen sind gerechtfertigt, wenn der Gemeinderat eine gute Arbeit macht. Auch in diesem Jahr verlief der Wahlkampf ja sehr ruhig. Es hatte aber genügend Kandidaten, sodass das Stimmvolk eine richtige Wahl hatte, das ist die Hauptsache. Und dieses Mal konnte ich einfach nur zusehen und musste nicht als Parteiloser meine eigenen Plakate aufstellen (lacht). 

Ich wusste nicht viel über meine eigene Familie, bevor ich selber zu forschen begann.

Rolf Rothenhofer

Wie werden Sie Ihre neue freie Zeit einsetzen? 

Ich werde noch mehr für meine Familie da sein können und wieder mehr Sport machen. Und bei schlechtem Wetter  werde ich mich im Staatsarchiv vergraben, um weiter an meiner Familiengeschichte zu forschen. Ich war der Nachzügler in unserer Familie, mein Vater starb, als ich noch jung war. Ich wusste nicht viel über meine eigene Familie, bevor ich selber zu forschen begann. Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass die Rothenhofers ursprünglich vor 212 Jahren aus Deutschland kamen, aber ich habe auch Verwandte in den USA gefunden, die wir bereits einmal besucht haben. Woher die Faszination kommt, kann ich nicht in Worte fassen. Die Recherchen sind ein langer Prozess, zum Teil muss ich alte Schriften übersetzen lassen, damit ich sie lesen kann. Bis jetzt habe ich mich ins Jahr 1640 gearbeitet und freue mich darauf, noch weiter zu forschen. 

Was werden Sie am meisten vermissen?

Den Kontakt zu den Menschen, sei es im Gemeinderat selber, in der Verwaltung oder mit der Bevölkerung. Natürlich werde ich weiterhin aktiv am Dorfleben teilnehmen, aber man muss sich schon bewusst sein: Solange man ein politisches Amt ausübt, ist man eine öffentliche Person, danach tritt man in die zweite Reihe zurück. Die Egger werden sich sicher schnell an ihren neuen Gemeindepräsidenten gewöhnen. Ab Ende Juni werde ich  dann «richtig» pensioniert sein und darauf freue ich mich. 

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