Zu Besuch im neuen alevitischen Kulturzentrum
Über der Eingangstür des neuen Kulturzentrums der Aleviten Winterthur – ein Kollektivmitglied des Interkulturellen Forums Winterthur – hängt gross Pir Sultan, der im Alevitentum Gerechtigkeit und Wahrheit symbolisiert. Es sind Grundpfeiler der philosophisch gedachten Glaubensrichtung.
99 Prozent der Mitglieder des Winterthurer Aleviten-Vereins stammen ursprünglich aus der Türkei, vornehmlich aus Mittel- und Ostanatolien. In ihrer Heimat hat sich ein Grossteil der Aleviten jedoch an den Islam assimiliert. «Eigentlich hat unser Glaube aber nichts mit dem Islam zu tun», erzählt Ergül Dede, Vorstandsmitglied des Vereins. Vielmehr sei man in der Türkei gezwungen worden, den Islam anzunehmen.
«Wir stehen ein für die Gleichheit aller Lebewesen. Der Natur soll man freien Lauf lassen.»
Ergül Dede, Vorstandsmitglied des Alevitischen Vereins Winterthur
Philosophische Naturreligion
«Aleviten sind die Urbevölkerung von Mesopotamien und Anatolien», führt Ergül Dede weiter aus. Das Alevitentum sei eine Naturreligion. «Wir stehen ein für die Gleichheit aller Lebewesen. Der Natur soll man freien Lauf lassen», so der 48-Jährige. Über die Auslegung des Glaubens gebe es unterschiedliche Meinungen. «Wir in Winterthur versuchen, alle Ansichten einzubeziehen.»
Ein Glaubensbuch wie die Bibel besitzen die Aleviten nicht. Die wichtigsten Schriften seien sogenannte Nefes. Diese Lieder würden eine zentrale Rolle an ihren Zeremonien spielen. «Eine Predigt gibt es bei uns nicht.» Es sei mehr eine Feier, die von Musik begleitet wird. Deshalb kann im neuen Vereinslokal ein Instrumentenunterricht besucht werden. Neben bekannten Instrumenten wie Klavier oder Gitarre können dort traditionelle türkische Instrumente erlernt werden.
Vielseitiges Vereinsleben
Das Vereinslokal in Winterthur Hegi ist seit März in Betrieb und jeden Tag ausser am Montag ab 17 Uhr bis in den späten Abend geöffnet. Die rund 300 Mitglieder treffen sich dort, um gemeinsam zu diskutieren, zu essen und zu musizieren. «Einmal im Monat organisieren wir am Sonntag ein Frühstück. Hier sind alle willkommen, die sich für unsere Kultur interessieren», sagt Ergül Dede.
Jeden Freitag versammelt sich der Verein, um sich über den Glauben auszutauschen. Auch Kinoabende oder Konzerte werden regelmässig veranstaltet. Aktuell steht der Besuch des Schriftstellers Cemal Tas am 6. Mai an. Er erzählt über den Alevitischen Genozid von 1938 in Dersim. Mit ihm spricht der Rechtswissenschaftler Dr. iur. Hüseyin Celik über die juristischen Fakten dieses Massakers.
«Wir treffen uns auch oft mit alevitischen Vereinen der Schweiz», erzählt der Winterthurer. Wichtige kulturelle Gedenktage werden gemeinsam gefeiert.
Kampf um Anerkennung
Im Sommer wollen die Winterthurer Aleviten zusammen mit anderen Vereinen aus dem Kanton eine Aktion starten, welche die Anerkennung des alevitischen Glaubens als eigene Religionsgemeinschaft im Kanton Zürich fordert. «In Basel zum Beispiel ist unser Glauben bereits anerkannt.» Deshalb seien Gespräche mit Politikern momentan sehr wichtig. Ziel sei auch, dass das Alevitentum künftig im Religionsunterricht behandelt werde.
Alevitisches Kulturzentrum Winterthur
Holzwingertstrasse 46, 8409 Winterthur
Mehr Informationen zu den Aleviten Winterthur unter: www.wakm.ch
Bei allgemeinen Fragen: info@wakm.ch

