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Reden über Sex, Job und Beziehung

In der Männergruppe Uster unterstützen sich Männer gegenseitig beim Mannsein. Ohne Frauen fühlen sie sich freier. Gerade weil diese oft das Hauptthema sind.

Frei reden über die Probleme die einen plagen – besonders Männer haben oft keine solchen Möglichkeiten. (Symbolbild: Fotolia)

Reden über Sex, Job und Beziehung

Rolf* hat von seiner Tochter erzählt. Von der Ohnmacht, die er manchmal gegenüber ihren Forderungen empfindet. Jetzt schweigt er einen Moment. Martin, Reto und Lukas sagen – nichts. «Das ist ein Merkmal unserer Männergruppe. Dass ich über Erlebnisse und Empfindungen sprechen kann und niemand das kommentiert», sagt Rolf.

Der 47-Jährige macht seit Januar in der Männergruppe Uster mit. Jeweils an einem Abend im Monat trifft sie sich im Selbsthilfezentrum Zürcher Oberland. Zur Zeit sind es sechs Mitglieder, zwei sind heute Abend nicht dabei. «Die Gruppe schafft einen Raum, in dem Männer unter sich sind und sich ungestört austauchen können», sagt Martin. Der 56-jährige Architekt hat den Treff vor sechs Jahren gegründet.

Wie Indianer bei Karl May

Die Gruppe funktioniert ohne festen Leiter. Abwechselnd übernimmt ein Mitglied die Moderation des Abends. Begonnen wird immer mit einer «Befindlichkeitsrunde». Jeder erzählt, wie es ihm geht und was ihn bewegt.

«Wir sind kein Stammtisch»

Martin, Gründer der Männergruppe Uster

Die vier Männer sitzen auf Stühlen im Kreis um einen Tisch. Auf diesem liegt der «Redestab», ein Stück eines Astes. Wer sprechen will, nimmt ihn und fängt zu reden an. Wenn er fertig ist, legt er den Redestab zurück und sagt «Howgh», wie die Indianer bei Karl May. Die Runde antwortet ebenfalls mit «Howgh», als Zeichen, dass sie das Gesagte anerkennt und respektiert, wie Martin sagt. «Die Rituale geben eine Struktur: Es spricht nur einer, es wird nicht unterbrochen, nicht kommentiert, nicht diskutiert. Wir sind kein Stammtisch.»

Die Kraft im Gefühl

In einem zweiten Teil befasst sich die Gruppe mit einem bestimmten Thema, das der jeweilige Moderator ausgewählt und vorbereitet hat. Heute geht es um Gefühle und wie sie sich von Emotionen unterscheiden. Martin gibt eine kurze Einführung. Wut, Freude, Angst, Trauer oder Scham seien Gefühle, die man für die Interpretation einer Alltagssituation verwenden könne. Und hinter jedem dieser Gefühle stünden Kräfte, positive oder negative. Angst etwa fördere Innovation – «Not macht erfinderisch» –, könne aber auch lähmen. Trauer könne bedeuten, dass man eine Begebenheit annimmt, aber auch Passivität bewirken.

«So war es bei mir letzthin», sagt Lukas, 60, Informatiker und selbstständiger Unternehmer. Er habe seiner Freundin erzählt, dass er einmal die Zürcher Bahnhofstrasse rückwärts ablaufen wolle, um einen anderen Blickwinkel auf etwas Bekanntes zu bekommen. Seine Freundin habe die Idee jedoch komplett abgelehnt und als seinem Alter unangemessen empfunden.  «Ich habe mich zurückgewiesen gefühlt und habe mich zurückgezogen, bin in Passivität verharrt, statt ihre Meinung als solche anzunehmen», sagt Lukas.

Suchende und Leidende

Die Männer der Männergruppe sind ebenso unterschiedlich wie die Gründe, wegen denen sie in der Gruppe mitmachen. Reto, 72, etwa bezeichnet sich als «Lebenskünstler mit allen technischen Mitteln von Schreiben, Malen und Formen». Er habe schon immer einen selbsttherapeutischen Charakter gehabt, sagt der frühere Sozialarbeiter. «Ich will erforschen, wer ich bin, um mich zu befreien.» Die Männergruppe ermögliche es ihm, aktuelle persönliche Themen zu reflektieren.

«In dieser Gruppe verständiger Männern kann ich offen über meine Empfindungen reden»

Rolf, Mitglied der Männergruppe

Rolf hingegen kam auf Anraten seiner Psychologin zur Männergruppe. Er wuchs praktisch ohne Vater auf und fühlt sich von Frauen dominiert, auch von seiner Frau und seiner Tochter. Von seinen teils schweren Depressionen weiss sein Arbeitgeber im Sicherheitsbereich nichts. «In dieser Gruppe verständiger Männern kann ich offen über meine Empfindungen reden», sagt Rolf. Wichtig ist ihm auch das Wesensmerkmal einer jeden Selbsthilfegruppe: Menschen zu treffen, denen es ähnlich geht.

Männern würden von der Gesellschaft auch heute noch Rollen zugeschrieben, sagt Martin. Die des Führers, des Machers, des Ernährers, vor allem aber des Einzelkämpfers. «Von diesem Rollenverständnis bin ich auch geprägt.» Um sich daraus zu befreien, die weibliche Seite im Mann zu finden, müssten Männer unter sich sein. «In einer Gruppe ohne Frauen kann ein Mann besser ein selbstbestimmtes, männliches Selbstverständnis entwickeln.»

Bettgeschichten anders erzählt

Auffallend ist, wie selbstverständlich und unanekdotisch die Männer in der Gruppe über Sexualität sprechen. «Im Bett habe ich es mit meiner Freundin sehr schön, wenn wir bei Leuten zu Besuch sind, fühlt sie sich aber von mir oft zu wenig beachtet», erzählt zum Beispiel Lukas. Wo das Urteil der anderen explizit nicht gewünscht ist, scheint es wichtiger zu sein, sich mitzuteilen statt sich zu präsentieren. «Oftmals hilft das Aussprechen von Dingen unter Zeugen bereits zum Einleiten eines Wandels», sagt Martin.

Zum Schluss des Abends gibt es jeweils einen gemeinsamen Imbiss. Heute hat Martin eine Mehlsuppe mitgebracht, dazu gibt es Greyerzer und ein Glas Walliser Rotwein. Nun ist auch die No-Billag-Initiative ein Thema oder der Männergruppenausflug in den Jura. «Unser Verhältnis ist freundschaftlich, nicht therapeutisch», sagt Reto. Er und Martin etwa kannten sich bereits vor der Gründung der Ustermer Männergruppe, man trifft sich auch mal im Kino oder beim Bäcker. Trotzdem sei die Auseinandersetzung miteinander in der Gruppe anders als im Alltag, sagt Martin. «Wir gehen mehr aufeinander ein, hören besser zu. Und was hier gesagt wird, bleibt unter uns.» (Raphael Brunner)

Die Männergruppe Uster freut sich über weitere Mitglieder. Wer Interesse hat, kann sich beim Selbsthilfezentrum Zürcher Oberland und Pfannenstil in Uster melden. www.selbsthilfezentrum-zo.ch oder 044 941 71 00.

* Alle Namen geändert

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