«Wutausbrüche nehmen wir als Kompliment»
Euer Album heisst «Anarchie und Alltag». Wie viel Anarchie bestimmt euren Alltag?
Koljah: Anarchie ist die Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft und bestimmt meinen Alltag gar nicht.
Panik Panzer: Anarchie als eher schwache Metapher für Chaos bestimmt meinen Alltag schon irgendwie. Ich bin zum Beispiel den ganzen Tag mit dem stetigen Versuch beschäftigt, Ordnung in allen Bereichen meines Lebens zu schaffen, aber scheiter dabei permanent.
«Kultur ist nichts Gutes oder Schützenswertes. Ich würde mir wünschen, dass Menschen nicht mehr unter das Korsett irgendeiner Kultur gezwängt, sondern als Individuen betrachtet werden.» – Koljah, Rapper bei der Antilopen Gang
Im Song «Trojanisches Pferd» singt ihr von einem heissen Plan, den ihr verfolgt. Von welchem Plan ist die Rede?
Koljah: Ursprünglich war der Plan, die Gesellschaftsordnung zu stürzen, aber mittlerweile will ich einfach nur meine Schäfchen ins Trockene bringen.
Panik Panzer: Ich will eigentlich nur irgendwo dazugehören, aber bin in meiner Rolle als Aussenseiter und Querulant gefangen.
Gemäss einem eurer Lieder kann Pizza den Weltfrieden herstellen: Sie kommt in allen Ländern und Kulturen vor. Was versteht ihr unter gegenseitigem kulturellen Verständnis?
Koljah: Ich würde mir wünschen, dass es weniger kulturelles Verständnis gibt. Kultur ist nichts Gutes oder Schützenswertes. Wenn deutsche Politiker – und gerade auch solche aus der Schweiz – zum Beispiel mit dem Iran Geschäfte machen, einem antisemitischen Terrorregime, in dem Schwule oder Ehebrecherinnen erhängt werden und Demonstranten niedergeschossen werden, dann wird gerne von einem kulturellen Dialog geschwafelt. Ständig werden die schlimmsten Gräueltaten wie zum Beispiel Ehrenmorde oder Genitalverstümmelungen relativiert, weil es eben zur jeweiligen Kultur gehöre. Ich würde mir wünschen, dass Menschen nicht mehr unter das Korsett irgendeiner Kultur gezwängt werden, sondern als Individuen betrachtet werden.
Panik Panzer: Am besten sollten alle cool sein und chillen.
Mögt ihr überhaupt Pizza?
Panik Panzer: Selbstverständlich. Pizza ist wie Panik Panzer, mag jeder
Im Song «Pizza» ist das Gebäck das Symbol für den Weltfrieden:
(Quelle: Youtube)
Eure Musik ist provokant. Werdet ihr deswegen oft angefeindet?
Panik Panzer: Klar, insofern ist Provokation auch ein eher langweiliges Stilmittel. Wenn man in ein Wespennest pikst, wird der Schwarm natürlich wild. Die Anfeindungen kommen also nicht sehr überraschend und meistens eh von Leuten, mit denen man nichts zu tun haben will. Daher nehmen wir die Wutausbrüche irgendwelcher reaktionärer Spinner als Kompliment.
Ihr verwendet Ironie und Sarkasmus als Stilmittel. Hat das schon zu Missverständnissen geführt?
Panik Panzer: Uns wurde vor vielen Jahren mal ein Konzert abgesagt, weil eine Bande von Idioten so ziemlich gar nichts in unserer Musik richtig verstehen wollte. Da wurde uns zum Beispiel unterstellt, wir würden zur Gewalt gegen Brillenträger aufrufen und ein unmissverständlich feministischer Song wurde als frauenfeindlich fehlinterpretiert. Heute sind wir, glaube ich, viel seltener ironisch als früher, weil auch dieses Stilmittel eher langweilig geworden ist und oft von Arschlöchern verwendet wird, die damit ihren Unfug rechtfertigen.
Was bereitet euch auch nach neun Jahren immer noch Spass an der Musik?
Koljah: Tourpausen und Offdays sind super.
Panik Panzer: Ich bin sehr gerne auf Tour, obwohl man da auf viel Komfort verzichten muss und so eine Konzertreise auch durchaus mal anstrengend sein kann. Bei einer langen Tour, wie wir sie gerade spielen, muss man daher auf jeden Fall darauf achten, dass man seinen Körper nicht zu sehr schindet und auf der Bühne nicht in Routinen verfällt. Beides ist eine anspruchsvolle Aufgabe für uns. Abseits der Touren freue ich mich, wenn ich einen Text fertig geschrieben habe oder was mit Autotune einsingen darf. Das sind meine Lieblingsmomente als Musiker.
Die Antilopen Gang spielt am Samstag, 10. Februar, im Salzhaus Winterthur. Gewinnen Sie hier zwei Tickets für das Konzert!
Ab morgen, 8. Februar, geht eure Anarchie- und Alltag-Tour in den Endspurt. Welche Erwartungen habt ihr an euch selber?
Panik Panzer: Leider sind wir mittlerweile geistig und körperlich so lädiert, dass wir nur noch in der Lage sind, etwa 80 Prozent zu geben. Aber das ist immer 500 Prozent mehr, als wenn andere Künstler 100 Prozent geben. Wir sind eine der besten Live-Bands da draussen, daher erwarten wir allabendliche Freudentränen vor, auf und hinter der Bühne. Ausser Koljah, der weint vor Verzweiflung.

