Politik

Der Gewerbeverband hat jetzt eine eigene Zeitung

Der Ustermer Gewerbeverband wird zum Verleger und lanciert die Idealvorstellung einer bürgerlichen, gewerbefreundlichen Zeitung – die den Verband erst noch kaum was kostet.

Der Gewerbeverband hat jetzt eine eigene Zeitung

«Fussgängerfreundliches Zentrum – wie weiter?», titelt die erste Ausgabe der «Ustermer Gewerbezeitung» auf ihrer Front. Im Artikel greift der Autor die Motion der Mitte-Fraktion auf, die mit ihrem Vorstoss erreichen will, dass das Zentrum Usters an vier Wochenenden pro Jahr autofrei wird. Es kommen die Argumente der Befürworter zum Zug, Gewerbeverbandspräsident Heinz Haag kritisiert das seiner Meinung nach fehlende Konzept, und «Herzkern»-Geschäftsführerin Sandra Hausmann moniert, dass die Motion nicht mit ihrem Verein abgesprochen sei; man setze sich schliesslich auch für eine Belebung des Stadtzentrums ein.

Also wie eine richtige Zeitung. Ist es das, was die Publikation des Ustermer Gewerbeverbands (GVU) sein soll? «Speziell auf der Frontseite haben wir schon den Anspruch, interessante redaktionelle Inhalte zu veröffentlichen», sagt Gerold Brütsch, beim GVU zuständig für PR und Marketing und in dieser Funktion so etwas wie der Chefredaktor der «Ustermer Gewerbezeitung», für die er auch die meisten Texte verfasst hat.

«In erster Linie achten wir darauf, dass wir Ustermer Themen aufnehmen. Der Sinn dieser Zeitung ist schliesslich, die hiesige Bevölkerung zu erreichen», sagt Brütsch. Die Berichterstattung dürfe dabei auch mal kritisch und pointiert sein. «Wir sehen uns jedenfalls nicht als Sprachrohr für Kampagnen, wie sie derzeit zum Beispiel der schweizerische Gewerbeverband im Zusammenhang mit der No-Billag-Initiative fährt.»

Wahlwerbung nur für Mitglieder

Auf den Seiten zwei und drei wird die «Gewerbezeitung» dann ihrem Namen gerecht. So darf Stadtpräsident (und GVU-Mitglied) Werner Egli (SVP) auf 90 Zeilen die Gewerbler in eigenen Worten zu mehr Engagement in der Politik auffordern. Und gleich danach kommt eine grosse Vorankündigung für die Politarena des GVU im Februar 2018 mit dem Zürcher FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger.

Auf Seite 4 folgt ein Interview mit Stadtpräsidiumsanwärter Cla Famos (FDP), das so über weite Teile auch in einer «normalen» Tageszeitung stehen könnte. Barbara Thalmann, die ebenfalls für das Amt kandidiert, wird in der «Gewerbezeitung» nicht zu Wort kommen. Und das nicht etwa, weil sie in der falschen Partei ist – in Thalmanns Fall in der SP –, sondern weil sie nicht Mitglied des GVU ist, wie Brütsch betont.

«Wir setzen die Mitglieder keineswegs unter Druck, in der Gewerbezeitung zu inserieren .»
Gerold Brütsch, Chefredaktor

«Wir haben eine klare Linie und unterstützen nur unsere Kandidaten. Das würden wir auch machen, wenn die bei der SP oder den Grünen wären, nur haben wir aus diesem Spektrum niemanden in unseren Reihen.» Bürgerliche Nicht-Mitglieder müssten hingegen ebenso auf den Support verzichten wie solche, die vor den Wahlen aus taktischen Gründen dem GVU beiträten, so Brütsch.

So schneidet man eine Hecke

Auf Seite 5 folgt das, was viele Regionalredaktionen machen: ein nationales Thema lokal herunterbrechen. In diesem Fall geht es um den Personalmangel in den Verwaltungen, der – auch das ist typisch Regionaljournalismus – vor der eigenen Haustüre doch nicht so dramatisch ist wie anderswo.

Die nächste Doppelseite gehört ganz dem Verein Herzkern Uster respektive der Auseinandersetzung mit der Attraktivität des Stadtzentrums, inklusive Konsumentenstimmen. Dann dünnt sich das Ganze etwas aus mit einem Bericht über den Lehrlingswettbewerb Züri Oberland und zwei Kurzporträts von neuen GVU-Mitgliedern. Gerade diesen Punkt möchte Brütsch noch verbessern. «Anstatt Firmen mit ihrem Tätigkeitsprofil vorzustellen, wollen wir in Zukunft den Nutzen für die Leser vergrössern.» Als Beispiele nennt Brütsch einen Spengler, der Tipps zur Fahrsicherheit gibt oder einen Gärtnermeister, der erklärt, wie man am besten eine Hecke schneidet.

Eine Zeitung beinahe zum Nulltarif

Das ganze Verlagswesen, die Druckvorstufe wie auch der Druck und die Verteilung der Zeitung übernimmt die Eugen Wiederkehr AG, die auch weitere Gewerbezeitungen aus anderen Regionen herausgibt. Die Ustermer Gewerbler kostet diese Dienstleistung keinen Rappen, weil auch die Inserate und die daraus resultierten Einnahmen über die Firma Wiederkehr laufen. Brütsch hält fest, dass die GVU-Mitglieder keineswegs unter Druck gesetzt würden, in der «Gewerbezeitung» zu inserieren. «So loyal sind unsere Mitglieder auch nicht», sagt er und lacht. «Wir haben unsere Zeitung vorgestellt, mehr nicht. Aber sicher wird es solche geben, die aus Goodwill inserieren.»

«Eine gedruckte Zeitung ist nach wie vor das beste Medium, um die Leute zu erreichen.»
Gerold Brütsch, Chefredaktor

Die Rückmeldungen aus der Bevölkerung seien bisher durchgehend positiv, freut sich Brütsch. Nur einer habe die Zeitung retourniert mit dem Hinweis, dass er kein Interesse habe an diesem «Käseblatt». Ein Käseblatt – das soll die «Gewerbezeitung» eben nicht sein. Genau deshalb ist für Brütsch wichtig, dass die Texte gut und fehlerfrei sind; und aus diesem Grund werden die Artikel professionell korrigiert und die Seiten vor dem Druck noch einmal revidiert. «Schliesslich stehe ich mit meiner eigenen Textagentur hinter dem Produkt.» Dieser Anspruch gilt auch für das Layout, das unaufdringlich modern ist und durch seine grosszügige Bebilderung auffällt.

Das Zeitungslayout erarbeitet hat ein Vorstandsmitglied, und für die Redaktion ist Vizepräsident Brütsch zuständig – schiebt man sich im GVU also gegenseitig lukrative Aufträge zu? Brütsch winkt ab: «Wir arbeiten sehr weit unter dem, was wir sonst verdienen würden, man muss also schon viel Begeisterung mitbringen, um den Job zu machen.»

Wer hat‘s geschrieben?

Der grosszügige Bildanteil wird im zweiten Bund noch grösser. Hier nehmen bevorstehende Events den meisten Platz ein, es gibt ein Firmen- und ein Vereinsporträt, eine Bilderseite von der Uster Messe. Den Schwerpunkt aber bilden zwei Seiten über die Zentrumsentwicklung. Kleiner Schönheitsfehler hier: es handelt sich um zwei zVg-Texte – also «zur Verfügung gestellt» –, das heisst, ausgerechnet bei einem dermassen wichtigen Thema weiss der Leser nicht, wer der Absender ist. Der Verein Herzkern? Die Stadt? Eine politische Partei?

Abgesehen von kleinen Justierungen will Brütsch die «Gewerbezeitung» so weiterlaufen lassen, wie sie die Ustermer Anfang November in ihrem Briefkasten hatten – vierteljährlich erscheinend in einer Auflage von 19‘000 Exemplaren, allenfalls in Zukunft mit einigen Seiten mehr. Dass die Publikation dereinst nur noch im Internet erscheinen könnte, schliesst er aus. «Natürlich haben uns Leute gefragt, wieso wir noch in ein Holzmedium investieren. Aber ich finde, eine gedruckte Zeitung ist nach wie vor das beste Medium, um die Leute zu erreichen.»

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