Fehlende Romantik auf der Schützenwiese
Vor 24 Jahren feierte mit Aarau letztmals ein krasser Aussenseiter den Schweizer Meistertitel, danach übernahm die finanziell übermächtige Konkurrenz aus Basel und Zürich das Szepter. Auch in Deutschland sind seit dem sensationellen Titel Kaiserslauterns bereits 20 Jahre vergangen.
Romantik hat im Fussball kaum noch Platz – die grossen Vereine mit den prall gefüllten Kassen dominieren. Geld schiesst und verhindert Tore, keine Frage. Dass ein Spieler zu einem Arbeitgeber wechselt, der ihm ein höheres Salär offeriert, ist grundsätzlich nicht das Problem. Die meisten «normalen» Arbeitnehmer würden sich einen Stellenwechsel ernsthaft überlegen, wenn sie woanders 2000 Franken mehr im Monat verdienen könnten. Vor allem, wenn sie wissen, dass ihre Karriere nur noch wenige Jahre dauert.
Und die Transfersummen sorgen für eine gewisse Verteilung der Gelder von oben nach unten – von den «Reichen» zu den «Armen», die dann mit den Brosamen der ausgeschütteten TV-Gelder die nächsten Talente für die grosse Bühne ausbilden. Abgesehen von einigen Wettbewerbsverzerrungen – wenn Oligarchen und Scheichs mit dubios erworbenem Geld um sich werfen – haben sich die Fans an dieses System gewöhnt.
Ernüchterung trotz Verständnis
Die weit geöffneten Transferfenster sind jedoch ein Ärgernis. Fans verfolgen die Saisonvorbereitung ihres Teams, decken sich und ihre Familie auch gerne mit einem Shirt des Lieblingsspielers ein – und sehen dann, wie in den ersten Runden der Meisterschaft jede Woche ein neues Team auf dem Platz steht. Wenn ein Dembélé bei Dortmund durch den nächsten Star wie Yarmolenko ersetzt wird, mag das noch gehen.
Auf der Schützenwiese ist das anders. Silvio fast weg zu Wil. Gianluca Frontino ganz weg – und ausgerechnet zu einem direkten Konkurrenten wie Aarau, wie einst schon Sven Lüscher. Ein gewisses Verständnis für den Spieler (will mehr verdienen) und den Verein (kassiert Ablöse) ist da, doch eine Enttäuschung bleibt. Auch die Ernüchterung, dass ein Verein wie Aarau über die grösseren finanziellen Möglichkeiten verfügt als der FC Winterthur. (dk.)

