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«Wir müssen die festgefahrenen Strukturen hinterfragen»

Für den reformierten Kirchenpflegepräsident Markus Holzner ist klar: Es braucht eine Überholung der Institution Kirche. Und seine Ideen scheinen zu fruchten. Während viele Kirchgemeinden einen Rückgang ihrer Mitglieder beklagen, sieht die Situation in Mönchaltorf genau anders aus.

Für Markus Holzner ist klar, dass er an dem Ort die Kirche besucht, wo er wohnt. Er ist davon überzeugt, dass die Identifikation mit der Kirche dort am höchsten ist, wo man verwurzelt ist. (Bild: Seraina Boner)

«Wir müssen die festgefahrenen Strukturen hinterfragen»

Herr Holzner, wie kann es sein, dass in Mönchaltorf immer mehr, und vor allem mehr junge Leute in die Kirche gehen?

Markus Holzner: Die Lösung heisst Beteiligungskirche. Junge Leute wollen mitreden, mitgestalten. Sie übernehmen Verantwortung nur dann, wenn sie auch einen Sinn und einen Nutzen für sich und für die Gemeinde sehen. Jedes Kirchenmitglied hat seinen Platz und seine Aufgabe, da alle Menschen mindestens eine Gabe von Gott bekommen haben. Wenn man diese auch einsetzen kann, merkt man, dass man gebraucht wird und dass man wichtig ist. Und nur wenn die Mitglieder ein sichtbarer Teil der Gemeinschaft sind, kann sie funktionieren.  

Was ist Ihre Gabe?

Ich kann Menschen motivieren und begleiten, damit sie einen passenden Platz in der Gemeinde finden und sich entfalten können. Und ich führe gerne Menschen zusammen. 

Dann ist es also Ihnen zu verdanken, dass die Mönchaltorfer Kirche im Aufwind ist?

Jein. Ich bin ein Teil davon. Alleine kann man nichts erreichen. Es braucht in der Gemeinschaft verschiedene Gaben, so wie ein Körper verschiedene Organe braucht. Ich bin ausgebildeter Projektmanager und darum gut im Organisieren und Leiten. Grosse Aufgaben werden in kleine Häppchen aufgeteilt und gabenorientiert umgesetzt. Unsere Ressourcen sind in erster Linie unsere Kirchgemeindemitglieder. Nur gemeinsam können wir uns weiterentwickeln. Deshalb ist es wichtig, dass freiwillige Mitarbeitende einbezogen, begleitet und gefördert werden. 

Die Kirche muss von Grund auf neu gedacht werden.

Was genau muss sich denn verändern?

Wir müssen die festgefahrenen Strukturen kritisch hinterfragen und dann mutig sein, sie zu ändern. Die Kirche muss von Grund auf neu gedacht werden. Schwindende Mitgliederzahlen sprechen für sich. Mit dieser Einstellung polarisiert man – auch intern. Aber die Lösung steckt schon im Begriff ‹Reformierte Kirche› – wir müssen und sollen uns regelmässig neu formen und ausrichten, das steht auch in der Kirchenordnung. Darin sehe ich die Chance, unsere Kirche für die Zukunft wieder fit zu machen. 

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Gerade unsere Jugend hat Bedürfnisse, auf die wir stärker eingehen müssen. Momentan sitzen die Konfirmanden im Gottesdienst zuhinterst, wo viele ihre Zeit absitzen. Ziel ist es, dass alle Menschen aller Generationen, egal mit welchem Hintergrund, ihren Platz in der Gemeinde finden. Dann hat die Kirche wieder eine Zukunft. 

Das Prinzip, das viele Freikirchen bereits umsetzen. Warum also in die Landeskirche gehen?

Für mich persönlich ist wichtig, dass ich dort die Kirche besuche, wo ich wohne. Als ich vor drei Jahren mit meiner Familie von Uster nach Mönchaltorf zog, wechselten wir in die Ortskirche Mönchaltorf. Ich bin überzeugt, dass die Identifikation dort am höchsten ist, wo man verwurzelt ist, lebt und sich natürlich für die Kirche einsetzen kann. Das partizipative Gemeindeprinzip der Beteiligungskirche wird bereits in einigen landeskirchlichen Ortsgemeinden umgesetzt. Es ist ein biblisches Prinzip und für jede kirchliche Gemeinschaft relevant und tragend.  

 

Sie mussten also Ihrer Devise folgen und in Mönchaltorf zur Kirche? 

Genau (lacht). Mein Glück war, dass ich hier sofort Gleichgesinnte fand. Gemeinsam kann so viel erreicht werden. Es ist mir bewusst, dass dies gegen den Gesellschaftstrend der Individualisierung geht. Aber es funktioniert. Und es ist ein Privileg, an der Ortskirche bauen zu können. Ich verwende gerne den Begriff des Bauens: Jeder Stein und jede Tat wird sichtbar, wie bei einem Gebäude. Und Jesus Christus ist das Haupt und das Fundament der Kirche. 

Was sind die Gaben, die in einer solchen Gemeinschaft zusammenkommen – die es für diese Umstrukturierung braucht?

Natürlich braucht es jemanden, bei dem die Fäden zusammenlaufen und bei dem die Führung eines Projektes liegt. Mein Einsatz ist aber nicht wichtiger als der von anderen. Der eine hat die Gabe der Seelsorge, spürt wie es anderen geht und kann auf diese Personen eingehen. Einen anderen würde man wohl im Volksmund als Evangelisten bezeichnen, der die Leidenschaft und somit die Gabe hat, den Glauben an Jesus Christus weiterzugeben. Wieder andere haben die Gabe des praktischen Dienstes und sorgen für einen feinen Zmittag. Andere Beten für die Anliegen und tragen so zum Gemeindebau bei. Ebenso wichtig sind Musiker und Lobpreiser. Auch die Lust, die Bibel zu lesen, muss neu geweckt werden. Die Menschen sind das Herz der Kirche mit der Vielfalt ihrer Gaben. So wie das Benzin für den Motor, damit das Auto in Bewegung kommt.  

Was ist der erste Schritt, sich dieser neuen Form von Kirche hinzugeben?

Erkennen und sich immer wieder bewusst machen, jeder ist wichtig, einzigartig und wird in der Gemeinde gebraucht. Wer aktiv am Bauen ist, soll seine Augen offen halten und mithelfen, neue Menschen für die Gemeinde zu finden und zu integrieren. Aktuell suchen wir beispielsweise Verstärkung für unsere Lobpreisband. Weiter müssen wir genau hinschauen, was unsere Mitglieder aus allen Generationen brauchen, damit unsere Angebote bedürfnisorientiert sind. Jede Beteiligungskirche lebt von Leidenschaft und ihren Menschen.

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