«Mehrfamilienhäuser sind richtige WLAN-Höllen»
Peter Schlegels Haus in Esslingen sieht man nicht auf den ersten Blick an, dass es eine Festung ist. Eine Festung gegen elektromagnetische Strahlung. Doch hinter dem Täfer des alten Bauernhauses ist ein Netz aus Kupfergewebe verlegt, das die Bewohner vor Strahlung schützt.
Vor den alten Fenstern, welche die Strahlung ungehindert durchlassen, können feine, baumwollene Vorhänge mit unsichtbar eingewobenen, versilberten Kupferfäden gezogen werden. Beide Massnahmen reflektieren die Strahlung nach aussen zurück.
«Die Wirkung von Strahlen ist nicht weg zu diskutieren»,
Peter Schlegl, Baubiologe aus Esslingen
Für den Esslinger Ingenieur ist klar: Die Strahlung, der alle Menschen täglich ausgesetzt sind, ist schädlich. Als Baubiologe wird er regelmässig in Wohnungen gerufen, um Personen zu beraten, die dort unter Strahlen leiden.
Handystrahlung kontrovers diskutiert
Was für Schlegel eine Tatsache ist, sehen jedoch einige anders. Vor zwei Wochen befragte Züriost Gregor Dürrenberger von der Forschungsstiftung Strom und Mobilkommunikation zum Thema Belastung durch Handy- oder Antennenstrahlung. Anlass war der Kampf von Anwohnern der Hinwiler Aussenwacht Hadlikon gegen eine neue Antenne in der Nachbarschaft.
»Bisher haben bei Antennen keine gesundheitsschädlichen Effekte wissenschaftlich nachgewiesen werden können»
Gregor Dürrenberger, Forschungsstiftung Strom und Kommunikation
Im Interview sagte Dürrenberger, bisher hätten bei Antennen keine gesundheitsschädlichen Effekte wissenschaftlich nachgewiesen werden können. Bei Handy-Strahlung sei die Diskussion noch kontrovers. Peter Schlegel kann solche Aussagen nicht nachvollziehen. Die Wirkung von Strahlen ist nicht weg zu diskutieren, ist er überzeugt.
Peter Schlegel, sind Sie selber elektrosensibel?
Peter Schlegel: Was heisst schon elektrosensibel? Es gibt Personen, die heftig auf Strahlen reagieren mit Kopfschmerzen, Schwindel, Schlafstörungen oder Schlimmerem. Das ist bei mir zum Glück nicht der Fall. Aber Strahlen haben Auswirkungen, von denen wir alle betroffen sind, und nichts merken. Ein Beispiel ist die männliche Spermienqualität, die schon umfangreich untersucht wurde. Es ist erwiesen, dass die Spermienproduktion darunter leidet, wenn man das Handy im Hosensack trägt.
Und doch gibt es immer wieder Studien, in denen die Wirkung von Strahlen als nicht gesundheitsschädlich eingestuft werden.
Es ist wichtig, genau hinzuschauen, woher die Studie kommt. Und man soll nicht nur die Zusammenfassung, sondern den Volltext lesen. Denn Studien zur Wirkung von Strahlen entstehen oft in einem von Politik und Industrie beeinflussten Umfeld.
Wo zum Beispiel in den Untersuchungen negative Auswirkungen erscheinen, werden sie verharmlost, und in der Zusammenfassung steht nichts davon. Das ist eine Verzerrung der Realität. Die Bundesämter hätten eine Kontroll- und Schutzfunktion, doch zum Beispiel das Bundesamt für Gesundheit (BAG) ist auf diesem Gebiet auch nur ein verlängerter Arm der Industrie.
Das BAG gibt aber Merkblätter heraus, mit Empfehlungen, wie man sich gegen Strahlen schützen soll. Reicht das nicht?
Bei solchen Faktenblättern vermischen sich gute und schlechte Empfehlungen. Darin wird die Faktenlage immer noch verharmlost. Beispielsweise zum Thema WLAN – das unserer Erfahrung nach von allen Strahlen momentan eine der grössten Gefahren darstellt – werden zu wenig klare Warnungen aufgezeigt.
«Seit einigen Jahren sind alle Klassenzimmer in der Stadt Zürich mit WLAN ausgerüstet»
Der im Merkblatt empfohlene Mindestabstand zum strahlenden WLAN-Router ist mit einem Meter geradezu fahrlässig klein. Andererseits wird korrekt empfohlen, man solle das WLAN abstellen, wenn man es nicht braucht. Doch nicht einmal das wird beachtet: Seit einigen Jahren sind alle Klassenzimmer in der Stadt Zürich mit WLAN ausgerüstet, das nicht ausgeschaltet werden kann.
Aber WLAN-Signalen sind wir alle doch täglich ausgesetzt – sogar an Bahnhöfen gibt es mittlerweile überall dieses Angebot.
Die Digitalisierung ist eine Zwangsjacke, der sich kaum jemand wirklich entziehen kann oder will, das stimmt. Aber gerade WLAN ist zurzeit der Hauptgrund, warum sich geplagte Personen an uns Baubiologen wenden. Wenn wir dann in diesem Haus stehen, schaue ich als erstes auf meinem Gerät nach, wie viele Drahtlosnetzwerke sich in der unmittelbaren Umgebung befinden.
«Wer weiss denn schon, ob sich nicht der WLAN-Router des Nachbars hinter der eigenen Schlafzimmerwand befindet?»
Mehrfamilienhäuser sind richtige WLAN-Höllen. Und wenn man sein eigenes Netzwerk ausschaltet, wird man trotzdem von allen Seiten weiter bestrahlt. Wer weiss denn schon, ob sich nicht der WLAN-Router des Nachbars hinter der eigenen Schlafzimmerwand befindet?
Was für Massnahmen können in diesem Fall überhaupt getroffen werden? Der Nachbar wird ja kaum sein WLAN einfach abschalten.
Das stimmt, aber das ist die einzige Möglichkeit. Durch diese Hausbesuche wird man geradezu zum Psychologen (lacht). Wir gehen dann tatsächlich von Tür zu Tür und suchen das Gespräch mit den Nachbarn. Die Reaktionen reichen von Türe vor der Nase zuschlagen bis zur Einladung zum Kaffee. Am häufigsten reagieren die Leute etwas pikiert und zurückhaltend.
«Die Reaktionen reichen von Türe vor der Nase zuschlagen bis zur Einladung zum Kaffee.»
Wenn wir sie auf die Problematik von WLAN hinweisen, hören wir oft den Spruch: ‹Wenn das so gefährlich wäre, dürfte es doch gar nicht verkauft werden›. Man setzt sein Vertrauen in die Behörden, anstatt selber Verantwortung zu übernehmen. Aber es gibt doch immer wieder Fälle, in denen die Nachbarn überzeugt werden können, zumindest in der Nacht ihren Router abzuschalten.
Warum wird denn nicht öfters über das Thema Elektrosensibilität gesprochen?
Die Leute wollen das Problem nicht wahr haben. Wir Menschen sind Meister im Verdrängen. Aber die Auswirkungen von Strahlen sind tatsächlich beängstigend und sie kommen auch von Seiten, die man nicht verdächtigen würde. So leiden Elektrosensible etwa auch unter Elektrosmog von Sparlampen und auch LED-Lampen werden schlecht vertragen.
«Für manche ist nur schon der Weg zur Arbeit eine Tortur»
Für manche ist nur schon der Weg zur Arbeit eine Tortur. Fast nirgendwo sonst ist die Dichte an Handys und somit Strahlen so gross wie in einem voll besetzten Zug. Ich kenne Personen, die nur wegen ihres Arbeitsweges ihren Job aufgeben mussten.
Und doch bewegt sich die Gesellschaft gerade in die umgekehrte Richtung – alles muss via Funk angesteuert werden können, zum Teil die gesamte Haustechnik.
Und all diese «intelligenten Geräte» halten auch ihre Grenzwerte ein. Aber es ist eine gewaltige Flut an Strahlung, die über uns hinein bricht. Vieles läuft über WLAN oder Bluetooth, sogar der Backofen teilt uns mittlerweile die Temperatur des Fleisches auf unser Handy mit. Mit der Umstellung auf Internettelefonie muss zudem neu jede Person, die ein Telefon benutzen will, eine Internet-Box haben.
«Bei gewissen Gerätetypen kann man WLAN nicht einmal selber ausschalten»
Doch die hat WLAN und ihre Grundeinstellung ist natürlich, dass dieses eingeschaltet ist. Und auch wenn man es wieder ausschaltet – nach einem automatischen Update fallen diese Geräte wieder auf ihre Grundeinstellung zurück. Bei gewissen Gerätetypen kann man WLAN nicht einmal selber ausschalten. Man muss den Support anrufen, der es aus der Ferne deaktiviert.
Gibt es denn überhaupt Potenzial für eine Verbesserung?
Absolut. So müssten etwa die Mobilfunkanbieter gerade jetzt, während der Umstellung auf Internettelefonie, ihre Angestellten anweisen, bei der Installation eines Routers die Kunden zu fragen, ob sie überhaupt WLAN brauchen oder ob es ausgeschaltet sein soll. Diese Frage stellt heute keiner.
«Das ist ein globales Phänomen und muss sich ändern.»
Viele Personen wissen gar nicht, dass bei Ihnen zu Hause ein WLAN rund um die Uhr läuft. Wir leben in Parallelwelten: Die einen wollen an der zunehmend digitalisierten Funkwelt mit ihren faszinierenden Möglichkeiten teilhaben, aber nichts von den fatalen Nebenwirkungen wissen. Die anderen versuchen verantwortungsbewusst mit den modernen Techniken umzugehen oder leiden sogar darunter, aber manche von ihnen sind darüber viel zu wenig informiert. Das ist ein globales Phänomen und muss sich ändern.
