Unser Existenzkampf und die Siamesischen Zwillinge
Neben dem Hühnerstall, in dem 22 schwarz-weiss-gesprenkelte Hennen fleissig Eier legten, bauten wir, mit Vaters Hilfe, die Ställe für unsere Kaninchen. Den zwei Ziegen wurde im Kuhstall eine Box hergerichtet. Nun fehlten nur noch die Kühe. Für diese Anschaffung suchte sich Vater Arbeit bei einem Bauunternehmer.
Nach intensiver Suche, durfte er zwei Tage lang arbeiten. Danach wurde ihm die Arbeitserlaubnis entzogen, mit der Begründung, wir müssten zuerst 6 Monate in der Gemeinde ansässig sein. Du meine Güte, waren das harte Zeiten!
Unser Stall füllte sich langsam mit Leben. Die zwei Ziegen, Flöckli und Schwänli, hatten je ein Zicklein geworfen. Bei warmem, windstillem Wetter durften wir mit den Kleinen spazieren gehen. Sie folgten uns Schritt für Schritt und brachten uns mit ihren Kapriolen zum Lachen.
Zu dieser Zeit veröffentlichte unsere Zeitung einen Bericht über die Geburt von Siamesischen Zwillingen. Dies beschäftigte uns Kinder sehr. Wir löcherten besonders unser Mueti und die Grossmutter mit unseren Fragen. Wie und wo die Kinder denn zusammengewachsen seien. Wie es wäre, wenn eines der Kinder schlafen wolle und das andere lieber spielen? Fragen über Fragen, die uns niemand beantworten konnte.
So stellten wir uns verschiedene Situationen vor und probierten sie aus. Wir trugen einander Huckepack umher oder zwängten uns zu zweit in einen Pullover. Als Thury und Erich – einer mit dem linken und der andere mit dem rechten Bein in dasselbe Hosenbein – stiegen, purzelten sie um. Dabei schürften sie sich Knie und Nase auf und zerrissen auch noch die Hose.
Jedenfalls waren unsere Eltern froh, als sie uns beruhigen konnten. Die Kinder waren in Amerika von einem berühmten Chirurgen erfolgreich getrennt worden.
Als die Geschichte schon fast in Vergessenheit geraten war, entdeckte ich Schreckliches. Auf den Kerbelblüten hinter unserm Haus tummelten sich lauter orangefarbene Käfer. Sie trugen sich alle Huckepack herum. Ich war geschockt, alles Siamesische Zwillinge! Die armen Tierchen! Denen musste ich helfen. Ich dachte an den berühmten Chirurgen.
Ganz vorsichtig, jedoch mit wenig Fachkenntnis, trennte ich Paar um Paar der armen Käfer. Als mein Vater sah, was ich da so ernsthaft trieb, sagte er lachend: «Ach lass doch die armen Käfer ihr Käferfest feiern. Die finden es lustig, sich gegenseitig herum zu tragen.»
Ich sah es ein. Es war wohl nicht so einfach, ein berühmter Chirurg zu werden. (zo)
