Politik

Wenn jede Minute zählt

Rettungssanitäter sorgen Tag und Nacht dafür, dass bei einem medizinischen Notfall schnellstmöglich Hilfe naht. Nebst ungeduldigen Angehörigen und versperrten Strassen haben sie auch mit Verantwortungslosigkeit der Betroffenen zu kämpfen. Markus Huggler, Winterthurer Rettungsdienstleiter und ehemaliger Rettungssanitäter, erzählt.

Wenn jede Minute zählt

Für Kinder sind sie faszinierend, bei Automobilisten sorgen sie für Stress: die Fahrzeuge der Blaulichtorganisationen. Dazu gehören auch die Rettungswagen des Rettungsdiensts Winterthur. Diese kommen bei medizinischen Notfällen oder geplanten Verlegungen in 49 Gemeinden des Kantons zum Einsatz.

Markus Huggler ist der Leiter des Rettungsdiensts Winterthur. Nach mehr als 17 Jahren Erfahrung als Rettungssanitäter weiss der Winterthurer, dass der Alltag in diesem Beruf kein Zuckerschlecken ist. «Das Denken der Menschen hat sich stark verändert», so der 53-Jährige. Vor allem in städtischen Gebieten werde die Sanität oft wegen Kleinigkeiten gerufen. Auf dem Land würden die Bewohner dagegen eher zu lange warten, bis sie medizinische Hilfe anfordern.

Ausserdem würden Jugendliche weniger Verantwortung zeigen, wenn sie mit Freunden unterwegs sind. «Schon mehrmals mussten wir ausrücken, weil ein Mitglied einer Partytruppe über den Durst getrunken und im schlimmsten Fall das Bewusstsein verloren hat. Sobald wir dann am Einsatzort ankamen, war die alkoholisierte Person oft alleine, ohne Betreuung der Freunde. Diese Verantwortungslosigkeit gibt mir zu denken», so Markus Huggler. 

Missachtung der Verkehrsregeln
Wird der Rettungsdienst alarmiert, haben die Rettungssanitäter aber keine Zeit, darüber nachzudenken. Innert zwei Minuten müssen sie ausgerückt sein, innert einer Viertelstunde sollen sie am Einsatzort ankommen. Entscheidend dabei sei das konstante Vorwärtskommen des Rettungswagens auf den öffentlichen Strassen. Mit dem Blaulicht und Horn dürfen sie mit der nötigen Vorsicht jede Verkehrsregel missachten. «Was nicht heisst, dass man einfach blindlings über jede Kreuzung rasen kann. Als Fahrer braucht es Feingefühl», weiss der Winterthurer aus Erfahrung.

Zeit verliert man vor allem dann, wenn die anderen Verkehrsteilnehmer keinen Platz machen. Manchen Autofahrern fehle in solchen Situationen gemäss Markus Huggler die Orientierung oder das Gehör für die Sirene. «Vor allem junge Leute tendieren dazu, ohrenbetäubende Musik zu hören. So besteht das Risiko, dass das Horn viel zu spät realisiert wird. Ich empfehle deshalb, die Lautstärke der Musik immer so anzupassen, dass man doch noch hört, was um sich herum geschieht.»

Markus Huggler betont aber, dass es als Fahrer eines Blaulichtfahrzeuges wichtig sei, die anderen Autofahrer nicht zu sehr unter Druck zu setzen. «Zusätzliches Lichthupen oder Auffahren bringt in der Regel nichts, so geraten die Fahrer in Stress und handeln unüberlegt.» 

Zusammengefasst solle man einfach mit Menschenverstand und der nötigen Vorsicht handeln, denn man muss damit rechnen, dass die anderen Verkehrsteilnehmer nicht so reagieren würden, wie man dies selber tun würde. Sicher am Ereignisort ankommen ist dabei das oberste Gebot.

Zusammenarbeit ist das A und O
Kommt das Rettungsteam dann am Einsatzort an, steht bereits die nächste Hürde bevor. «Meist sind Angehörige oder Freunde des Verletzten vor Ort, die sich Sorgen machen. Es ist wichtig, sie zu beruhigen und professionell aufzutreten», erzählt Markus Huggler. Ab und zu sei es aber auch nötig, klare Anweisungen zu geben. «Wenn man die beteiligten Personen einbeziehen kann, verlieren sie das Gefühl ihrer Hilflosigkeit.»

Gelingt dies nicht, kann ihr nervöses Verhalten die Sanitäter bei der Arbeit behindern. Einer der grössten Fehler, die ein Rettungsteam machen kann, sei vor dem Patienten zu diskutieren. So würde man das ganze Umfeld verunsichern.

«Wenn die Angehörigen mitbekommen, dass sich das Rettungsteam uneinig über die Behandlung ist, schwindet ihr Vertrauen», so Markus Huggler. Während des Einsatzes soll nach den bestehenden Algorithmen zusammengearbeitet werden, die es für alle Krankheitsbilder gibt. «Wenn man eine Entscheidung vom Partner nicht nachvollziehen kann, gibt es andere Wege ihm einen Hinweis zu geben, als eine offene Diskussion zu führen.» Zum Beispiel die Nachbesprechung eines Einsatzes. Oft findet diese bereits auf der Rückfahrt statt. «Alle Einsatzkräfte sollen die Möglichkeit haben, ihre Fragen zu stellen oder Entscheidungen zu hinterfragen. So lernt man stetig dazu und kann das Erlebte verarbeiten», berichtet der 53-Jährige. 

Lebenserfahrung ist notwendig
Grundsätzlich sei nicht nur fachliches Wissen sondern auch Lebenserfahrung notwendig, um diesen Beruf lange ausführen zu können. Markus Huggler hat auch schon Situationen erlebt, bei denen es ihm kalt den Rücken herunterlief. «Damit umzugehen lernt man erst mit Erfahrung.» 

Die Arbeit an der Front vermisst der Winterthurer inzwischen nicht mehr. Nur der Schichtarbeit trauert er ein wenig nach. «Ich muss die Zeit mit meiner Familie anders einteilen. Aber ich kann mich anpassen. Das war schon immer so.»

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