«Kinder fühlen sich nutz- und wertlos»
Welche Kinder werden in der Buechweid aufgenommen?
Werner Scherler: Für einen Aufenthalt gibt es zwei Gründe. Der erste ist der Sonderschulbedarf. Kinder, die in der Regelschule Probleme haben, werden zuerst ja integrativ in ihrer Klasse gefördert. Gelingt dies nicht, gibt es einen Beschluss der Schulgemeinde, respektive der zuständigen Schulbehörde, diese Kinder in einer separativen Sonderschule zu platzieren. Neben diesem Sonderschulbedarf gibt es in den meisten Fällen auch soziale Indikationen. Die Kinder können aus irgendeinem Grund nicht mehr zu Hause bleiben und besuchen bei uns nicht nur die Sonderschule, sondern wohnen in einer betreuten Wohngruppe auf dem Gelände.
Eine Betreuung in Wohngruppen und Sonderschulung kostet. Wie teuer ist ein Heimtag pro Kind?
Ein Platz in unserem Sonderschulinternat kostet 430 Franken pro Tag. Mit 300 Franken übernehmen die Wohngemeinden der Kinder den grössten Teil davon. Die Differenz von 130 Franken zahlt der Kanton. Dies führt zu Kosten in Höhe von rund 12’900 Franken pro Monat und Kind in unserem Sonderschulinternat.
In jüngster Zeit standen sogenannte Sonder-Settings aufgrund der hohen Kosten in der Kritik. Der Fall «Carlos» sorgte schweizweit für Aufsehen. Ein neuer Fall aus dem Kanton Zürich ist sogar noch teurer. Der zwölfjährige Junge kostet den Steuerzahler laut «Blick» monatlich 85’000 Franken. Verstehen Sie es, wenn dies für Unverständnis in der Bevölkerung sorgt?
Das sind natürlich Beträge, die auf den ersten Blick erschrecken. Es gibt aber wirklich Kinder und Jugendliche, bei denen wir mit unseren üblichen Mitteln nicht weiterkommen. Was, wenn ein Kind ohne Vorwarnung auf andere Kinder oder Erwachsene losgeht? Alles kurz und klein schlägt? Kinder mit starker Fremd- oder Selbstgefährdung müssen oft stationär psychiatrisch betreut werden, manchmal rund um die Uhr und im Einzelsetting. Diese Rundum-Betreuung wird dann sehr schnell sehr kostenintensiv.
Dann kann man solche hohen Kosten nicht verhindern?
Es ist die Aufgabe vom Kanton und von uns Institutionen zu überlegen, wie wir mit solchen Ausnahmefällen umgehen. Muss man «feuerwehrmässig» reagieren, wird es immer teurer. Der Kanton Zürich plant nun in einer Heiminstitution eine Gruppe für psychische kranke Kinder zu installieren, um solche Fälle besser betreuen zu können. Dies erspart dann hoffentlich diese extrem teuren Sondersettings, die aus der Not heraus schnell aus dem Boden gestampft werden müssen. Man darf aber nicht vergessen: Eine Betreuung von psychisch kranken Kindern ist immer kostenintensiv, da ein hoher Betreuungsaufwand durch Fachpersonen erforderlich ist.
Gibt es auch in der Buechweid Fälle, wo man einem Kind nicht helfen konnte, mit ihm überfordert war?
Ja, es gibt sicher Situationen, wo man gegenseitig das Vertrauen verliert. Dann ist eine Zusammenarbeit mit dem Kind oftmals schwierig. In diesen Fällen braucht es aber nicht gleich ein Sonder-Setting. Ein Wechsel in eine andere Sonderschulinstitution kann dann bereits eine Lösung sein. Im letzten Jahr hatten wir drei Fälle, wo zeitweise ein Aufenthalt in der Kinderpsychiatrie notwendig war.
Aus welchen Gründen können Kinder, die das Sonderschulinternat besuchen, nicht mehr zu Hause leben?
Das ist ganz unterschiedlich. Wir haben Kinder hier, die keine Eltern mehr haben. Häufig muss man auch Kinder vor ihren eigenen Eltern schützen. Sei es, weil sie vernachlässigt wurden, einen sexuellen Missbrauch erlebt haben oder in der Familie ein psychisches oder Suchtproblem besteht. Es gibt aber auch zunehmend Eltern, die mit ihren Kindern schlicht und einfach überfordert sind.
Inwiefern sind sie überfordert?
Mit der Erziehung und Betreuung der Kinder. Häufig fehlt in solchen Familien ein geordneter Tagesablauf. Viele Kinder haben nie gelernt, sich an Regeln zu halten. Vielfach sind die Kinder auch entmutigt, da sie nicht «gehört» werden. Ihnen fehlt eine verlässliche Ansprech- und Bezugsperson in der Familie.
Gibt es bei den Kindern in der Buechweid etwas was sie verbindet – trotz ihrer unterschiedlichen Lebens- und Schicksalsgeschichten?
Sie alle tragen in sich eine tiefe Entmutigung. Sie fühlen sich nutz- und wertlos. Sie denken: So wie ich es mache, ist es sowieso nicht Recht. So wie wir sind, genügen wir nicht.
Wie zeigt sich bei den Kindern diese Entmutigung?
Häufig gibt es in der Vorgeschichte der Kinder mehrere Faktoren, die sich kumulieren. Eine Klasse, die sie ausgrenzte; ein Elternhaus, das sich nicht gut genug für die Kinder einsetzen kann. Viele Kinder verweigern sich dann total oder werden straffällig. Oftmals sind sie in der Regelschule nicht mehr tragbar.
Wie lange bleiben die Kinder und Jugendliche in der Buechweid?
Im Durchschnitt fünf Jahre.
Können sie danach wieder in einer Regelschule integriert werden?
Da das Problem meist in der Familie liegt, kann ein Kind nur dann eine Regelschule besuchen, wenn die Verhältnisse zu Hause wieder soweit stabil sind, dass es dort wohnen kann. Ist dies nicht der Fall, wechselt es vielleicht nach der Schulzeit in eine betreute Wohngruppe und nimmt eine Ausbildung in Angriff.
Gibt es Situationen, wo Sie als Leiter selber an Limit kommen?
Ja, die gibt es. Zum Glück haben wir aber alles auf viele Schultern verteilt – in der Buechweid arbeitet ein kompetentes Team an Lehrpersonen und Fachspezialisten. Insgesamt sind etwas über 100 Personen in der Buechweid angestellt. Diese Arbeit im Team erleichtert den Umgang mit schwierigen Situationen.
Wie gehen Sie mit Gewalt in der Buechweid um?
Das ist einer unseren wichtigsten Punkte: Ein Kind muss seine Zeit bei uns ohne Angst verbringen können. Es muss sich sicher und soweit wie möglich geborgen fühlen können. Unsere oberste Aufgabe ist es, dies auch sicherzustellen. Gewalt können wir nicht tolerieren. Wenn Gewalt vorkommt, sprechen wir diese direkt an.
Wie geschieht dies?
Wir machen alle Vorfälle im Plenum öffentlich. Wir haben alle 14 Tage eine Schulversammlung. Gewaltvorfälle werden dort thematisiert. Wir sagen, wen es betrifft und welche Massnahmen getroffen wurden.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Ein Mädchen hatte Besuch von einer Kollegin, die nicht in der Buechweid lebt. Sie wurde beim Warten auf ihre Kollegin von drei oder vier Jugendlichen aus der Buechweid geplagt. Die Jungs bewarfen sie mit Steinchen, pöbelten sie an. Ein solches Verhalten können wir klar nicht dulden. Das Mädchen fühlte sich alleine und hilflos in dieser Situation.
Mit welchen Konsequenzen mussten die Jugendlichen rechnen?
Wir wollten ihnen vor Augen führen, wie sich das Mädchen fühlte. Mit einer Strafarbeit oder Nachsitzen erreicht man dies nicht. Wir arbeiten nach den Ansätzen der sogenannten «Neuen Autorität». Wir wollen nicht unsere Macht demonstrieren, sondern den Jugendlichen ihr Fehlverhalten vor Augen führen und sie gleichzeitig stärken, damit sie andere Verhaltensweisen lernen.
Und wie haben Sie dies erreicht?
Wir wollten die Jungs in die gleiche Situation bringen. Sie mussten den Mut haben, alleine in eine andere Institution zu gehen und dort quasi unter Fremden zu Mittag essen.
Was ist passiert?
Alle hatten wahnsinnig Angst, alleine an einen unbekannten Ort zu gehen. Doch alle hatten sich der Aufgabe gestellt. Sie konnten an der nächster Schülerversammlung erzählen, dass sie den Mut gehabt und auch erfahren haben, wie es ist, an einem Ort alleine zu sein. Und dass man froh ist, wenn man in einer solchen Situation mit Respekt und Wohlwollen empfangen wird.
Im Plenum solche Missstände öffentlich zu machen und die Betroffenen namentlich zu nennen – ist das nicht eine Art an den Pranger stellen?
Nein, wir wollen damit niemand blossstellen oder lächerlich machen. Wir wollen aber klar ein Zeichen setzen und sagen, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Gleichzeitig wollen wir den Tätern zeigen, dass sie sich mit der von uns getroffenen Massnahme bewähren können.
Ist dies für die Jugendlichen wichtig?
Wenn wir Massnahmen treffen, ohne dies an Schülerversammlung zu erzählen, bitten uns die Schüler sogar, dies an der nächsten Versammlung zu erwähnen. Sie wollen zeigen, dass sie den Mut gehabt haben, sich zu überwinden. Gerade für diese Jugendlichen ist diese Erfahrung wichtig: Zu wissen, dass sie Sachen machen können, die für sie nicht einfach sind. Sie müssen zudem auch lernen, sich in eine Gruppe zu integrieren, sich an gewisse Regeln des Zusammenlebens zu halten.
Dies fällt heute vielen Kindern und Jugendlichen schwer.
Ja, daran ist aber auch unsere individualisierte Gesellschaft mit Schuld. Kindern fehlen heute «Leitplanken», an denen sie sich orientieren können. Unsere Gesellschaft hat heute für fast alle Verhaltensweisen der Kinder Verständnis. Das ist meiner Ansicht nach falsch. Ich plädiere dafür, dass wir als Gesellschaft sagen, welches Verhalten wir tolerieren – oder eben nicht. Fehlen solche «Leitplanken», wird ein Zusammenleben schwierig – hier in der Buechweid genauso wie im alltäglichen Leben.
Werner Scherler ist ausgebildeter Heilpädagoge und Lehrer. Der 63-Jährige ist seit 18 Jahren Gesamtleiter der Stiftung Buechweid in Russikon, zu der ein Sonderschulinternat gehört. Zuvor war er im Schulheim Elgg Internatsleiter.Werner Scherler hat drei erwachsene Söhne und wohnt mit seiner Frau im Bezirk Winterthur.

