«Scientology kann zur seelischen Abhängigkeit führen»
Die Religion Scientology wird in der Schweiz als sektenhafte Gruppe eingestuft. Warum gilt diese als so gefährlich?
Susanne Schaaf: Scientology versteht sich als Religionsgemeinschaft. Kritisch betrachtet wird die Organisation als «sektenhafte Gruppe» eingestuft. Sektenhaft oder problematisch ist zum Beispiel, dass Scientology straff und hierarchisch organisiert ist. Der Gründer L. Ron Hubbard wird verehrt, seine Schriften dürfen nicht verändert oder kritisiert werden. Das Menschenbild ist sehr schematisch, Menschen werden in einfache Kategorien eingeteilt. Nehmen wir die Bezeichnung «unterdrückerische Person». Scientology beschreibt damit Menschen mit sogenannter antisozialer Persönlichkeit, die jegliche Bemühungen, «menschliche Wesen stärker oder intelligenter zu machen», untergraben. Wer also Aktivitäten von Scientology kritisiert oder behindert, wird von der Organisation zur unterdrückerischen Person erklärt. Zur unterdrückerischen Person erklärt zu werden, führt zum Ausschluss aus Scientology, verbunden mit Kontaktabbruch.
Wann zeigt sich die Auswirkung der Scientology nach einem Beitritt?
Der erste Kontakt mit Scientology kann für die Betroffenen sehr positiv verlaufen. Sie schätzen das Interesse, die Zuwendung und die vermittelte Gewissheit, dass es anscheinend für alles eine Lösung gibt. Wann sich die ersten negativen Auswirkungen zeigen, ist individuell verschieden und hängt auch davon ab, wie schnell und stark sich jemand auf das System Scientology einlässt. Je nach persönlicher Lebenssituation rutscht man schneller oder langsamer oder gar nicht hinein.
In welcher Form tritt diese auf?
Nach einer gewissen Zeit werden die Betroffenen merken, dass von ihnen mehr Engagement erwünscht oder erwartet wird. Sie werden motiviert oder dazu überredet, Kurse zu besuchen und sich in die Materie zu vertiefen. Die Einbindung geschieht schleichend.
Welche Folgen können diese auf das Leben einer beigetretenen Person haben?
Wer in das scientologische System eintritt, übernimmt mit der Zeit scientologisches Denken, Fühlen und Handeln. Die Person wird ihr Leben zunehmend an der Lehre von Hubbard und den Regeln von Scientology ausrichten. Ob die Person sich linientreu verhält, wird kontrolliert. Abweichungen werden unterschiedlich bestraft. Mit der Zeit wird auch der Freundeskreis verlagert, man verbringt immer mehr Zeit mit Scientolog/innen. Der Besuch von immer neuen Kursen geht mit der Zeit ins Geld. Aus anfänglichem Interesse kann Selbstaufgabe und seelische Abhängigkeit werden. Dieser Ablauf muss nicht bei allen Personen gleich erfolgen.
Wie werden die Gedanken beeinflusst?
Scientology versucht, den Interessierten das Gedankengut in Büchern und Kursen zu vermitteln. Die Lehre geht davon aus, dass ein unsterbliches Wesen, der Thetan, jedem Menschen innewohnt. Durch traumatische Erlebnisse, die abgespeichert sind, wird die Funktion des allmächtigen Thetan eingeschränkt. Durch verschiedene Techniken der Reinigung – geistig und körperlich – soll der Geist wieder befähigt werden, über Materie zu herrschen. Bekannt sind beispielsweise das Auditing oder die Saunaprozeduren. Die Betroffenen «arbeiten» an der Verbesserung ihrer Persönlichkeit mit dem Ziel, sogenannt clear zu werden und mittels des sogenannten aktiven Verstandes ihre Situation vollständig zu kontrollieren.
Wie schwer ist ein Austritt aus der Scientology?
Wie schwer der Austritt fällt, hängt von verschiedenen Faktoren ab: ob jemand in die Organisation hineingeboren wurde und dort aufgewachsen ist, wie lange und in welcher Position jemand mitgemacht hat, über welche Ressourcen jemand verfügt (Beziehungen ausserhalb von Scientology, berufliche Einbettung und ähnliches). Was den Austritt erschwert, sind die verinnerlichte Verunsicherung, Angst und Schuldgefühle. Hubbard hat ja geschrieben, dass wer sich öffentlich von Scientology abwende, ein «Schwerverbrechen» begehe. Der Austritt ist ein Prozess, der mit kritischem Denken und der Loslösung auf dem scientologischen Denken beginnt. Da es nach einem Austritt schwierig ist, mit seinen bisherigen «Weggefährten» den Kontakt weiter zu pflegen, müssen sich Aussteiger in verschiedener Hinsicht neu orientieren und Fuss fassen.
Die Religionsgemeinschaft verkauft sich nach aussen sehr positiv und professionell. Welche Taktik steckt hinter diesem Vorgehen?
In der Tat investiert Scientology in Imagepflege und professionelles Auftreten nach aussen. Scientology möchte den besseren Menschen und eine bessere Gesellschaft erschaffen und bietet zum Beispiel Drogenprävention und Hilfe bei Drogenmissbrauch an, engagiert sich mit Katastrophenhilfeteams und anderem. Dies soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Scientology als System sehr rigid ist, Menschen in eine Abhängigkeit führen kann und sie unter Druck setzt.

