«Es wird immer schwieriger, Fälschungen zu erkennen»
Klären wir das doch gleich zu Beginn: Lebt Elvis noch?
Felix Roth: Nein, Elvis Presley lebt definitiv nicht mehr.
Er wird aber noch relativ häufig gesehen?
Ich bezweifle nicht, dass es Leute gibt, die überzeugt sind, Elvis gesehen zu haben. Dabei handelt es sich um individuelle Wahrnehmungen. Ich glaube an Wahrheiten. Die können zwar auch nie endgültig bewiesen werden, sie werden aber gestützt durch Fakten und sind das Resultat von Beweisführungen. Und da hält die Theorie, dass Elvis noch lebt, nicht stand.
Was ist mit Ufos?
Die Nasa hat in den 50er- und 60er-Jahren Versuche mit verschiedensten Flugobjekten gemacht. Es gab Augenzeugen, die ihre Beobachtungen weitererzählt haben, und dabei wurde das Flugobjekt mit jedem Mal grösser und glänzender. Dazu kam, dass die Forscher ein gut abgeschirmtes Trüppchen ohne Kontakt zur Aussenwelt waren, was natürlich in der Öffentlichkeit den Verdacht nährte, dass «die da draussen auf der Luftwaffenbasis» etwas im Schilde führten.
«Eine Gemeinschaft, der es vermeintlich besser geht als den anderen, können sich viele Leute nur mit Verschwörungen erklären.»
Und die jüdische Weltverschwörung, woher kommt diese Theorie?
Die Juden haben aufgrund der Verfolgung immer dazu tendiert, sich als geschlossene Gemeinschaft zu sehen. Sie haben sich separiert – oder wurden in Gettos gesteckt. Beides reduzierte den Kontakt mit der übrigen Bevölkerung. Dazu kamen für die damalige Zeit eigenartige Riten wie das Hände waschen mit frischem Brunnenwasser vor dem Essen oder die koscheren Ernährungsdogmen, denen man heute Trennkost sagt. All das führte im Mittelalter dazu, dass die Juden für fast alles verantwortlich gemacht wurden, zum Beispiel für die Pest. Denn eine Gemeinschaft, der es vermeintlich besser geht als den anderen, konnten sich viele Leute nur mit Verschwörungen erklären. An diesem Schema hat sich bis heute nichts geändert.
Rechtsaussen-Politiker sprechen davon, dass Flüchtlingsströme bewusst erzeugt und gelenkt werden, um die westliche Welt zu islamisieren. Was halten Sie davon?
Wer das glaubt, verkennt die Komplexität des Lebens und den Umstand, dass ein dermassen umfassender Plan durch unvorhersehbare Wendung und die schiere Masse an involvierten Personen zwangsläufig in sich zusammenfallen würde.
«Solche Theorien liefern simple Antworten in einer immer komplizierter werdenden Welt.»
Wieso sind die Menschen so empfänglich für Verschwörungstheorien?
Solche Theorien liefern simple Antworten in einer immer komplizierter werdenden Welt, indem sie jeder Entwicklung einen vermeintlichen Plan zugrunde legen und dem Ganzen damit eine in sich schlüssige Logik verleihen. Unser Gehirn will Informationen und Erfahrungen in Kästchen ablegen und nicht immer wieder aufs Neue bearbeiten. Evolutionsbiologisch war das ein Vorteil. Wenn es im Gebüsch knackte, dann war dem frühen Menschen klar: aha, ein Tiger. Und er reagierte unmittelbar, anstatt erst über mögliche andere Gründe für das Knacken nachzudenken. Das erhöhte seine statistischen Überlebenschancen massiv – selbst wenn er falsch gelegen hatte und im Gebüsch gar kein Tiger war. Heute begünstigt dieser Umstand, dass die Menschen nur allzu leicht in bequemen, weil bewährten Denkmustern verharren und so gerne ihre Vorurteile pflegen (Hier gibts die gängigsten Verschwörungstheorien).
Wie kommt man denn an Menschen ran, die nicht mehr empfänglich sind für Fakten?
Das ist schwierig. Leute, die sich von Verschwörungstheorien angezogen fühlen, bewegen sich irgendwann nur noch in ihrer eigenen Echokammer, in der sie nur noch das bestätigt bekommen, was sie sowieso schon glauben. Die sozialen Medien und Fake-News-Plattformen wie Breitbart verstärken diesen Effekt noch, wie man erst kürzlich wieder bei den US-Wahlen gesehen hat. Wer sich nicht vorstellen kann, wie die NSDAP Anfang der 30er-Jahre in Deutschland die Macht ergriff und ausbaute, der kann das nun mit Blick auf die USA quasi live miterleben. Nicht dass ich glaube, dass da ein neuer Hitler an der Macht ist. Aber die Mechanismen sind die gleichen. Jetzt zum Beispiel ist gerade der Kampf gegen die Medien an der Reihe, indem Trump die Wahrheit ganz einfach umkehrt: Nicht ich lüge; ihr seid es, die lügt!
Sind US-Amerikaner besonders anfällig für Verschwörungstheorien?
Das scheint so. Vielleicht weil wir Europäer in unserem Lebensraum viel häufiger mit anderen Kulturen, Denkweisen und auch Sprachen konfrontiert werden, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen. Das Leben eines Durchschnittsamerikaners ist in diesem Sinn weniger herausfordernd und letztlich auch viel geordneter. Wenn man nicht gelernt hat, dauernd zu hinterfragen, dann ist man empfänglicher für einfache, fixfertige Aussagen und Lebensentwürfe – selbst wenn die nicht unbedingt dem eigenen Weltbild entsprechen.
«Wenn man nicht gelernt hat, dauernd zu hinterfragen, dann ist man empfänglicher für einfache Aussagen.»
Ist die Religion die Mutter aller Verschwörungstheorien?
Religionen sind in gewissen Bereichen noch viel extremer als herkömmliche Verschwörungstheorien. Da blenden ansonsten rational und auch wissenschaftlich denkende Menschen kategorisch jegliche Fakten aus, weil sie sich diesen emotionalen Bereich, die Rituale, das Gemeinschaftsgefühl um alles in der Welt bewahren wollen. Es ist faszinierend, dass das Gehirn so etwa kann. Ich kann den Bedarf nach Zusammengehören nachempfinden. Anders als Religion grenzt aber Humanismus nicht aus.
Die Wissenschaft ist doch auch eine Frage des Glaubens. Ich muss den Forschern glauben, dass es eine Klimaerwärmung gibt. Selber beweisen kann ich das nicht.
Im Gegensatz zur Religion ist Wissenschaft offen für neue Erkenntnisse, man freut sich regelrecht, wenn Dogmen stürzen. Vor allem beruft man sich auf Messbarkeit. So müssen etwa Versuchsreihen jederzeit mit dem gleichen Ergebnis wiederholt werden können. Als man vor 30 Jahren über die Klimaerwärmung zu reden begann, konnte man die Theorie durchaus infrage stellen; es gab einfach noch nicht genügend gesicherte Daten. Mittlerweile gibt es dank einem ungeheuren personellen und finanziellen Aufwand so viele Fakten aus dermassen vielen Gebieten, dass es falsch wäre, das alles wegzuwischen. Die Klimaforschung muss man nach wie vor und immer wieder skeptisch hinterfragt werden. Es gibt allerdings auch kognitive kulturelle Errungenschaften – wie zum Beispiel das Dezimalsystem –, die nicht mehr dauernd überprüft werden müssen. Sich jedoch auf ein Buch zu berufen, das vor 2000 Jahren von ein paar Leuten geschrieben und danach immer wieder abgeändert wurde, halte ich in der heutigen Zeit für keine gute Idee. Aber die Kirchen haben das eben gut gemacht mit ihrem Marketing.
«Im Gegensatz zur Religion ist die Wissenschaft offen für neue Erkenntnisse.»
Wissenschaftler müssen publizieren, denn Forschung muss von jemandem bezahlt werden. Beides begünstigt den Mainstream.
Der Publikationsdruck ist tatsächlich ungesund und schlecht für die Grundlagenforschung. Dazu kommt, dass heute die allermeisten Medien nicht mehr in der Lage sind, wissenschaftliche Studien zu überprüfen, geschweige denn richtig zu lesen. Diese Fachjournalisten wurden alle weggespart. Das hat dann zum Beispiel beim Thema Ernährung zur Folge, das in kurzer Abfolge vermeintlich sich widersprechende Forschungsergebnisse publik wurden: Erst sind die Kalorien am dicken Bauch schuld, dann ist es das Fett, später die Kohlehydrate, bis man drauf kommt, was für einen Einfluss die Gene haben. Was hier tatsächlich passiert, ist eine kontinuierliche Verfeinerung des Wissens, was das Thema automatisch immer komplexer macht. Doch davon erfährt die Öffentlichkeit nichts, wenn der Journalist nur die Zusammenfassung der Studien liest. Das lässt für die Zukunft nichts Gutes hoffen.
Wieso sind Sie so pessimistisch?
Weil es immer schwieriger werden wird, Fälschungen zu erkennen. Mit dem technischen Möglichkeiten im Bereich Bild- und Tonbearbeitung sind schon in wenigen Jahren Manipulationen realisierbar, die wir heute nicht für möglich halten.
Zur Person
Felix Roth (65) war vier Jahre Präsident der Freidenker Zürich, einer Vereinigung, die sich per Definition für das freie, nicht von Dogmen, Tabus und anderen Hindernissen beschränkte Denken einsetzt. Er hat das Denkfest mit initiiert, welches Anfang November in Zürich stattfindet und ist und Gründungsmitglied der Skeptiker Schweiz. Der Verein verfolgt das Ziel, kritisches Denken als «Werkzeug der rationalen Welterkundung» bekannter zu machen. Unter anderem nehmen einzelne Exponenten lustvoll Verschwörungstheorien mittels wissenschaftlicher Fakten auseinander.
Felix Roth ist verheiratet, hat drei Kinder und wohnt in Uster. Er investiert in verschiedene Schweizer Unternehmen.
