Wenn der Biber zum Problem wird
Lydia Zenger spaziert fast täglich am Greifensee. In den letzten Tagen konnte sie zwischen dem Seekiosk und der ARA in Niederuster das Werk eines Bibers Schritt für Schritt beobachten. «Er fällte einen Baum nach dem anderen», sagt die Ustermerin. «Einer davon war mein Lieblingsbaum.» Von den Bäumen, die zu Boden fielen, fresse er nun nach und nach die Rinde ab. «Im Sommer war vom Biber nichts zu merken, aber bereits im Herbst sah ich wieder erste Spuren.»
Grosser Baubetrieb im Herbst
Dass sich der Biber im Sommer weniger an Bäumen zu schaffen mache, bestätigt Urs Wegmann, Leiter der Ranger der Greifensee-Stiftung und der Biberfachstelle des Kantons Zürich. Im Spätherbst beginne er, sein Revier wintertauglich zu machen. «Dann beginnt er, Bäume zu fällen und Bäche zu stauen, um sein Revier vergrössern zu können und sich somit den Transport von Zweigen zu seinem Bau zu erleichtern», sagt Wegmann.
Als Vegetarier ernähre er sich im Sommer von verschiedenen Pflanzen, die im Winter aber nicht verfügbar seien. «Darum muss er auf Baumrinden, Zweige und Knospen ausweichen.» Dass Biber Bäume fällen, müsse darum nicht heissen, dass sie einen neuen Bau erstellen würden. Im Alter von zwei Jahren verlassen Jungtiere die Eltern und beginnen im Frühling mit einem eigenen Bau, so Wegmann.
Bibermonitoring im Gang
Woher der Biber stammt, der in Niederuster aktiv ist, weiss der Ranger nicht genau. Womöglich aus der Mönchaltorfer Biberfamilie. «Wir gehen davon aus, dass ein neues Revier entstanden ist.» Momentan sei im ganzen Kanton ein Bibermonitoring im Gang, bei dem der aktuelle Bestand anhand der Zahnspuren ermittelt werde. Die Ergebnisse werden im Sommer vorliegen.
Auch in Uster und Umgebung wird die Präsenz des Bibers wahrgenommen. In der Facebook-Gruppe «Du bisch vo Uschter wenn ...» zählt ein Bild der Biberbaustelle in Niederuster schon mehrere Kommentare. Einige User haben Freude am tierischen Besuch, andere äussern Bedenken: Sie fürchten, dass instabile Bäume zu einer gefährlichen Situation am Greifensee führen könnten. «Bei den betroffenen Bäumen am Greifensee bestand nie eine Gefahr, da diese sich genügend weit weg vom Spazierweg befinden», sagt Wegmann.
Pro Woche würden sich mehrere Personen bei der Biberfachstelle mit Beobachtungen von Fressspuren melden. «Der Zustand der Bäume wird überwacht. Ist ein Eingriff nötig, liegt dies in der Verantwortung der Stadt.» Komme es zu ernsthaften Schäden durch den Biber, würde die Biberfachstelle vor Ort mit den Betroffenen nach Lösungen suchen.
Am meisten leiden Landwirte unter dem grossen Nager, sagt Jürg Zinggeler vom kantonalen Amt für Landschaft und Natur. An landwirtschaftlichen Kulturen wie etwa Mais oder Zuckerrüben, die der Biber gerne frisst, können Schäden entstehen. «Manchmal führen Dämme in den Bächen zu Rückstaus in Drainageleitungen und Felder von Landwirten werden überschwemmt», sagt er.
Entschädigung für Landwirte
Während Landwirte für ihren Verlust aus dem kantonalen Wildschadenfonds entschädigt werden, müssen Gemeinden an unterhaltspflichtigen Bächen gemäss kantonalem Biberkonzept Präventionsmassnahmen bis zu einem Betrag von 2500 Franken selber tragen, bevor der Wildschadenfonds einspringt.
Am Greifensee sei die Situation im Vergleich zu anderen Regionen aber relativ harmlos. Hier werden in erster Linie Bäume angeknabbert. «Das Weinland nördlich von Winterthur weist im Kanton den höchsten Biberbestand aus, wodurch auch häufiger Probleme mit der Landwirtschaft auftreten», sagt Zinggeler. Und Urs Wegmann betont: «Erstens ist der Greifensee ist das grösste Naturschutzgebiet des Kantons Zürich, wo es Platz für den Biber hat. Und zweitens ist die Rückkehr des Bibers grundsätzlich für die Artenvielfalt ein Gewinn, da er mit seinen Aktivitäten weitere Arten fördert.»
