Mobbingvorwürfe gegen Pfarrer
Im November wurde Fulvio Gamba zum neuen Pfarrer der Katholischen Kirche Egg gewählt. Gamba arbeitete bereits seit vielen Jahren in der Gemeinde, seit 2014 als Pfarradministrator. Das Wahlresultat ist im Vergleich zu anderen Gemeinden aber alles andere als gut: 88 Ja-Stimmen, 52 Nein-Stimmen, 2 Enthaltungen. Damit liegt der Anteil der Ja-Stimmen bei 63 Prozent. Das Stimmenverhältnis wurde jedoch weder im «Forum», der Zeitschrift der Katholischen Kirche, noch auf der Website der Kirche Egg veröffentlicht.
Auch der Mönchaltorfer Jürg Simeon, der lange Zeit regelmässig in Egg zur Kirche ging, die Mönchaltorf angeschlossen ist, nahm an der Kirchgemeindeversammlung teil und stimmte gegen Gamba. Von ihm hat der ZO/AvU Kenntnis über die genauen Zahlen der Abstimmung erhalten. Grund für seine Stimmabgabe seien eigene Erfahrungen und persönliche Rückmeldun-gen von mehreren von Gambas Mitarbeitern gewesen. «Es ist schwierig, öffentlich etwas gegen den eigenen Pfarrer zu sagen», sagt Simeon, «dabei leiden viele psychisch unter ihm.»
Anonymer Brief
Personen, die mit Gamba arbeiten, geben aus Angst vor ihm nur anonym Auskunft. Die Vorwürfe reichen von Mobbing über Demütigung bis hin zu jähzornigen Ausbrüchen. Es seien auch Kündigungen aufgrund von Gambas Verhalten eingereicht worden. «Doch die Kirchenpflege schaut weg», sagt Simeon. «Es wird noch weitere Kündigungen von engagierten Mitarbeitern geben.»
Das Thema Mobbing wird in der Katholischen Kirche laut Simeon noch zu wenig thematisiert. «Es wird verdrängt, verschwiegen und bagatellisiert.»
Viele trauen sich nicht, gegen den Pfarrer zu sprechen
Darum sei auch das genaue Resultat der Pfarrwahl nicht veröffentlicht worden. Diese fand wie vom Kanton vorgeschrieben per Abstimmungszettel statt. «Von einigen Mitgliedern der Kirchgemeinde habe ich gehört, sie wären gar nicht erst gekommen, wäre die Wahl mit Handzeichen entschieden worden», sagt Simeon. Denn viele würden sich nicht trauen, sich gegen einen Pfarrer auszusprechen. «Vor allem ältere Leute kommen da in eine seelische Not.»
An der Kirchgemeindeversammlung seien viele ältere Personen anwesend gewesen. Den Grund dafür sieht Jürg Simeon beim Kirchenpflegepräsidenten Louis Landolt. «Vor der Abstimmung erhielt die Kirchenpflege einen anonymen Brief, in dem Fulvio Gamba schwer belastet wurde», sagt Simeon, der sich im gleichen Atemzug von diesem Brief distanziert. «Darum mobilisierte Landolt wohl seine treuen Leute, um die Wahl des Pfarrers nicht zu gefährden.» Auch habe Landolt Mitarbeiter unter Druck gesetzt, damit sie für Gamba das Wort ergriffen. Dies, obwohl Landolt wusste, dass sie unter ihm leiden würden.
«Kirche ist gespalten»
Nach der Verkündung des Ergebnisses an der Versammlung habe die Kirchenpflege das schlechte Resultat mit keinem Wort thematisiert. «Der Präsident gratulierte Gamba überstürzt zur Wahl», sagt Simeon. «Viele verliessen darauf konsterniert den Saal.» Sowohl Kirchenpflege als auch Pfarrer würden die Augen vor dieser Tatsache verschliessen. Seit der Kirchgemeindeversammlung geht Simeon nun in eine andere Kirche in den Gottesdienst. Er sei nicht der Einzige, sagt er.
Mit Kirchenpflegepräsident Louis Landolt, der seit 38 Jahren im Amt ist, haben viele Personen das Gespräch gesucht. Sie seien jedoch nur auf Unverständnis gestossen. «Dazu kommt, dass die anderen Mitglieder der Kirchenpflege nicht stark genug sind, um ein kritisches Gegengewicht zu bilden», so Simeons Einschätzung der Lage.
«Eine derart lange Amtszeit begünstigt solche Entwicklungen.» Wer nur den Gottesdienst besuche, bekomme wohl von all den Problemen nichts mit. So stellt Simeon seine Sicht der Dinge dar. Sein Fazit: «Die Katholische Kirche Egg ist gespalten.»
Resultat «zufriedenstellend»
Kirchenpflegepräsident Louis Landolt und Pfarrer Fulvio Gamba nehmen zu den Vorwürfen nur schriftlich Stellung. Sie weisen die ihnen teilweise bereits bekannten Vorwürfe zurück. «Selbstverständlich hätte ich mir 140 Ja-Stimmen gewünscht», schreibt Gamba zum Ergebnis der Pfarrwahl. «Mir ist das Zusammengehen mit allen wichtig, auch mit denen, die Nein gestimmt haben.»
Neuwahl erfolgt geheim
Darum habe er gleich nach der Wahl die Initiative ergriffen und um ein Gespräch gebeten mit einer Exponentin der Gegenstimmen, dem Generalvikar und einem Ombudsmann. «In der Zwischenzeit haben wir uns zu einem offenen Gespräch getroffen und alle Fragen zur Sprache gebracht.»
Landolt betont zudem, dass die Pfarrwahl reglementsgemäss durchgeführt wurde. Die Neuwahl eines Pfarrers erfolgt geheim. Jedes Kirchgemeindemitglied könne so ohne äussere Einflüsse seine Stimme abgeben, schreibt er.
«Aus dieser Warte betrachtet ist das Resultat zufriedenstellend ausgefallen.» Das Wahlprotokoll sei dem Generalvikar und der Rekurskommission zugestellt worden. Zudem erfolgte die Veröffentlichung aller Beschlüsse der Versammlung wie vorgeschrieben im amtlichen Publikationsorgan «Forum».
Spannungen abbauen
Dass nach der Verkündung des Wahlresultats mehrere Personen den Saal verliessen, sei noch am selben Abend an der Versammlung thematisiert worden. Ein Kirchgemeindemitglied habe den Vorfall angesprochen, schreibt Landolt. «Dieses empfand es als undemokratisch und als Geringschätzung unserer stets konstruktiven und respektvollen Kirchgemeindeversammlungen, dass die ‹Verlierer› den Saal verlassen haben, ohne sich vor der Wahl im Dialog geäussert zu haben.»
Dieser Meinung hätte sich der grosse Teil der noch Anwesenden angeschlossen. An der Versammlung habe es jedem Kirchgemeindemitglied freigestanden, zum Wahlvorschlag Stellung zu nehmen, schreibt er. «Alle Votanten haben dies freiwillig getan.» Dass er im Vorfeld Kirchgemeindemitglieder dazu gedrängt habe, für Gamba das Wort zu ergreifen, stimme nicht.
Fulvio Gamba schreibt, es sei ihm ein wichtiges Anliegen, im Gespräch zu bleiben und in die Zukunft zu schauen, um gemeinsam die entstandenen Spannungen abzubauen. «Die Pfarrwahl ist ein demokratischer Entscheid der Kirchgemeindeversammlung, und ich respektiere das Wahlergebnis so, wie es ist. Dieser Grundsatz gilt für alle.»
Drei Rücktritte
Louis Landolt bestätigt, dass die Kirchenpflege vor der Wahl einen anonymen Brief erhielt. Es seien sogar mehrere gewesen. Aber: «Mit jemandem, der sich hinter der Anonymität versteckt, kann kein Dialog stattfinden», schreibt er. «Anonym erhobene Verleumdungen, Drohungen sowie falsche Anschuldigungen gehören in den Papierkorb.»
Den Vorwurf, es habe bereits Kündigungen aufgrund von Gambas Verhalten gegeben, weist er zurück. In den zweieinhalb Jahren, in denen Gamba als Pfarreiadministrator verantwortlich ist, habe es drei begründete, reguläre Rücktritte gegeben – einen aufgrund eines Wegzugs, einen aus persönlichen Gründen und einen altershalber. Die Fluktuation beim Personal der Kirchgemeinde Egg sei sehr tief.
Wenn Mitarbeitende zu ihm gekommen seien, habe Landolt sie immer angehört und ernst genommen. «Bei den Mitarbeitergesprächen weise ich immer darauf hin, dass bei personellen und anderen Anliegen meine Tür offen steht», schreibt er. «In meiner ganzen Amtszeit habe ich Mobbing nie zugelassen und stets für ein positives, vertrauensvolles und loyales Arbeitsklima gesorgt.»
Italienisches Temperament
Fulvio Gamba bezeichnet das Verhältnis zwischen allen Mitarbeitern als respektvoll und wohlwollend. Auch mit dem ehemaligen Pfarrer, mit dem er seit über einem Jahrzehnt zusammen im Pfarrhaus lebt, sei es einvernehmlich. «Natürlich ist es kein Geheimnis, dass wir sehr unterschiedliche Typen sind und mein italienisches Temperament manchmal zutage tritt», schreibt er. Dennoch würden sie gut zusammenarbeiten.
Gottesdienstbesucher ermunterten Pfarrer
In den 14 Jahren, in denen er in der Kirchgemeinde und Pfarrei als Seelsorger wirke, hätten Behördenmitglieder, Pfarreiräte und aktive Kirchenmitglieder ihn und seine Arbeit kennen und schätzen gelernt. «Ihr positiver Eindruck war der Grund, warum sie und meine kirchlichen Vorgesetzten mich gebeten haben, mich zur Wahl zu stellen», schreibt er weiter. «Viele Gottesdienstbesucher haben mich vor und nach der Wahl ermutigt und unterstützt.»
