Kleiner Spatz lernte Fremdsprache
Vor rund sechseinhalb Jahren rat Michelle in das Leben von Dietrich M. Weidmann. Seine Familie fand das wuschelige, kleine Etwas im Garten ihres Hauses an der Archstrasse auf dem Boden. Erst sah es nicht gut aus für den kleinen Spatz. «Doch nachdem Michelle etwas Wasser mit der Pipette in den Schnabel geträufelt bekam, gab sie wieder ein Lebenszeichen von sich.»
In der Folge wurde der Spatz von der Familie aufgepäppelt, mit Würmern aus der Tierhandlung. «Sie frass irrsinnig viel», sagt Weidmann. Michelle wurde immer lebendiger und hatte sich irgendwann erholt. Eigentlich hätte sie das Haus verlassen können, denn das Fenster stand immer offen. Stattdessen freundete sie sich mit Hansi an. Hansi war – entgegen ihrem Namen – eine betagte verbliebene Bewohnerin der heimischen Voliere. Ihr letztes Gschpänli hatte ihr arg zugesetzt und ihr die Federn ausgerissen.
Doch die zwei unterschiedlichen Vögel verstanden sich ausgezeichnet. So gut, dass sie sogar eine gemeinsame Sprache fanden. Denn Michelle begann das Gezwitscher des Wellensittichs zu imitieren. Dass sie ein Vogel ist, war Michelle zuerst wohl nicht richtig bewusst, zumindest hüpfte sie anfangs lieber, als dass sie ihre Flügel so begann die Familie mit dem Flugtraining: Michelle wurde auf den Finger gesetzt und quasi «fallen gelassen».
Ein Gewitter änderte alles
Irgendwann klappte es dann und sie flog das erste Mal in die grosse weite Welt hinaus. Zum Fressen kam sie jedoch stets nach Hause, wo immer noch ein gemütliches Nestchen auf sie wartete. Das änderte sich auch nicht, als ein männlicher Spatz ins Spiel kam, der sich allerdings nicht ins Haus traute. Erst als die Familie wegen eines Gewitters die Fenster schliessen musste, kam Michelle nicht mehr ins Haus, war aber immer mal wieder im Garten oder in der Hecke des Nachbarn zu sehen.
Mit einer Lebenserwartung von höchstens zweieinhalb Jahren flattert Michelle heute im Spatzenhimmel herum. Doch sie hinterliess ein Erbe. So hat sie das Gezwitscher, das sie einst von Hansi gelernt hatte, an ihre Nachkommen weitergegeben.
Und so kommt es regelmässig vor, dass im Garten der Familie Weidmann ein Spatz «wellensittisch» pfeift.

